Another day over
Another day over
8.4. | CHIBS & VLAD | BIKERS LADY
Vlad hatte in Neuguinea so einiges vermisst. Seinen Club, Frauen (ausser bis auf ein paar Mal), ordentliches Essen, Wodka (zumindest nach drei Wochen war nichts mehr da gewesen), einen trockenen Schlafplatz, regenfreie Tage. Zur Regenzeit im Regenwald. Sein Ölzeug hatte allen Ernstes Löcher bekommen. Löcher von REGEN! Verdammte Scheisse. Sie hatten wirklich schon weit angenehmere Sachen gemacht. Aber jetzt – jetzt waren sie zurück. Jetzt gab es das alles wieder. Club, Mädchen, Steaks, Wodka so viel er wollte, ein Bett – aber vor allem und am Allerwichtigsten: Seine Harley. Die grossen, prankenhaften und vernarbten Hände des Russen lagen ruhig am Lenker seiner Maschine, während er und Chibs nebeneinander am Rotlicht standen und warteten. Die Sonne, die ihnen den ganzen Tag wahlweise ins Gesicht oder in den Nacken geschienen hatte, war schon hinter dem Horizont verschwunden. Brummende Maschinen unter ihnen. Eindunkelnder Himmel über ihnen. Alle Zeit der Welt. Hölle, ja, so konnte das Leben eine Zeit lang bleiben. Würde es nicht, natürlich, der nächste Weltuntergang kam bestimmt, aber das waren sie gewöhnt. Vlad wusste, wie man den Moment genoss und diesen hier genoss er auf jeden Fall.
Als die Ampel auf Grün schaltete, gaben sie Gas, brummten über die andere, zu gut befahrene Strasse um das Lichtsignal einfach zu überfahren, und rollten in die nächste Strasse hinein. Diese Tour waren sie schon oft gefahren. Ein schöner Eintäger über wunderbar geschwungene Strassen. Vlad hätte zu gerne mal wieder eine richtig lange Tour unternommen, so wie früher. Von New York nach San Francisco… Yeah, er vermisste diese Zeit. Vlad mochte sein neues Leben, sehr sogar, wobei es mit elf Jahren auch nicht mehr so richtig brandneu war, aber es reichte. Draussen aus der Scheisse, drin in der Familie, was wollte er mehr. Dennoch dachte er manchmal an die Ungebundenheit der jüngeren Jahre zurück, welche er zusammen mit Chibs verbracht hatte. Wahrscheinlich, so dachte er mit einem Grinsen, wurde er langsam alt, wenn er den alten Zeiten nachzutrauern begann.
Jetzt auf jeden Fall waren sie zurück und stellten ihre Harleys zu den anderen Maschinen, welche schon vor Vlads Club standen. Das ‚Bikers Lady‘ war ein Treffpunkt für Biker, weswegen er den Club schlussendlich auch gekauft hatte. War ziemlich heruntergekommen gewesen, aber er hatte ihn wieder aufgebaut, hatte alle freien Tage darin investiert, manchmal allein, manchmal mit der jetzigen Club-Crew, manchmal mit seinen Jungs daran gewerkelt. Es hatte sich gelohnt. Es war ein neues Zuhause geworden.
Drinnen steuerten die beiden Männer ihren Tisch an. Den Reaper-Tisch. Er war immer frei und ausser für sie und für Domenica, wenn sie mal hier war, eine Tabu-Zone. Hier sass der Boss mit seinen Leuten. Müde, aber zufrieden liess sich Vlad auf seinen Platz fallen. Die gute Laune war ihm anzusehen, zumindest, wenn man ihn gut kannte. Er strahlte nicht, lächelte sogar kaum, aber seine Augen hatten einen entspannten, friedlichen Ausdruck, welcher sich noch etwas verstärkte, als Mel, die zusammen mit Kelly und Bobby den Laden schmiss, ihm ein Glas Wodka und Chibs eines mit seinem Whiskeys brachte. Wie üblich.
„Jetzt noch ein paar Mädchen und dann war der Tag perfekt.“, brummte Vlad und lehnte sich zurück. Nicht, dass er sich Sorgen zu machen brauchte. Mel war hier und die war meistens zu einer Balgerei im Bett bereit. Aber noch besser wären zwei gewesen… mal schauen, was sich da noch machen liess. Normalerweise hatte er keine Schwierigkeiten damit, nicht allein zu schlafen, das würde gerade heute wohl erst recht kein Problem sein.
Auch wenn es nur ein Tagestrip gewesen war – wert waren es solche Ausflüge alle Mal. Chibs vermisste es, den Großteil des Tages auf seiner Dyna zu verbringen, den Wind im Gesicht, das Vibrieren der Maschine durch die Handschuhe zu spüren und durch den Verkehr zu brausen, als gäbe es keine Regeln für sie. Doch möglich war das schon lange nicht mehr, also mussten sie nehmen, was sie hatten – auch wenn das bedeutete, die Touren kurz zu halten. Doch selbst ein paar Stunden Freiheit waren besser als gar keine.
Eigentlich war es ihm egal, mit wem er fuhr. Ob nun mit der ganzen Gang, nur mit Beans, oder so wie heute nur mit Vlad – Hauptsache, er konnte sein Mädchen spazieren fahren und den Kopf mal für ein paar Stunden frei kriegen.
Ihr letztes Ziel auf ihrer Tour war das ‚Biker’s Lady‘, der Club seines Waffenbruders und irgendwie auch allgemeiner Treffpunkt außerhalb des Hauptquartiers. Chibs war gerne hier. Die Musik entsprach seinem Geschmack, die Mädels wussten, auf was für Kerle sie sich einließen und die Gäste waren keine Hipster, die sich eine Kawasaki kauften und meinten, sie seien jetzt Biker. Solche Leute konnte der Schotte auf den Tod nicht ausstehen und war ganz froh, dass es im Club von Vlad immer noch irgendwie aussortierte Kundschaft gab.
Beim Betreten der Räume juckte es Chibs in den Fingern, mal wieder Billard zu spielen. Das hatte er schon viel zu lange nicht mehr getan. Vielleicht ließ sich ja nachher jemand finden, den er abziehen konnte. Ein paar Dollar mehr in der Kasse konnten auch nicht schaden.
Ihr Tisch war immer frei. Ein VIP Bereich ohne rote Absperrkette und Türsteher. Jeder wusste, wer dort sitzen durfte und was passierte, wenn es jemand unrechtmäßig tat. Selbst Domenica hatte ihren Platz dort verdient. Er hatte sie bereits ein paar Mal hier gesehen oder hierher mitgenommen. Bei Vlad war sie zumindest in guten Händen. Da musste er sich keine Sorgen machen, dass sie an irgendwelche Spinner geriet, die ihr an die Wäsche wollten oder sonstiges. Mit einem Nicken grüßte er die Crew, die den Laden schmiss und beankte sich mit einem Lächeln bei Mel, die ihm seinen Whiskey brachte. So eine Stammbar hatte doch schon was für sich. „Jetzt noch ein paar Mädchen und dann war der Tag perfekt.“
Der Schotte grinste zufrieden und fischte seine Zigarettenschachtel aus der Brusttasche seiner Lederjacke. Holte eine heraus und steckte sie sich zwischen die Lippen. Das Zippo folgte. Ließ mit einem kurzen Drehen am Rad die Flamme frei, woraufhin blauer Dunst in den Raum schwebte, als er dran zog. „Du bist immer gleich so maßlos, Mann“, zog er seinen Freund mit hochgezogenen Brauen auf und stieß leicht schmunzelnd den Rauch in die Luft. ‚Ein paar‘ Mädchen war schon etwas übertrieben, wie der Schotte fand. Klar, in einem Stripclub sah auch er sich ‚ein paar‘ Mädchen an. Aber wenn es dann zur Auswahl kam, begnügte er sich mit einer. Die Frauen von heute waren alle mindestens genauso maßlos wie Vlad, was das Vergnügen im Bett anging. War ihm zu anstrengend. Chibs hatte es lieber unkompliziert, aber leben und leben lassen – das war die Devise des Älteren. „Irgendwann triffst du eine, die dir die Eier abschneidet, weil du es mit zu vielen gleichzeitig treibst.“ Oder er fing sich irgendwas ein. Syphillis oder Chlamydien oder irgendwas anderes ekliges. Wirklich witzig war das nicht – aber die Vorstellung, Vlad könnte mal unter dem Pantoffel einer Frau stehen war durchaus amüsant. Er würde sogar dafür bezahlen, das zu sehen.
Auch Vlad holte sich etwas zu Rauchen aus der Tasche. Er rollte seine Zigaretten selbst und bewahrte sie in einer Blechdose auf, damit sie nicht brachen, wenn es mal etwas rauer zu und her ging. Nun fingerte er eines der nicht perfekt runden Dinger heraus, zog sein Feuerzeug aus der Tasche und steckte sie an. Den Tabak, den er bevorzugte, gab es nur lose, ausserdem hatte er mal hochgerechnet, wie viel Geld er sparte, wenn er die Kippen nicht fertig kaufte. Massig. Was die Läden in der Zwischenzeit für eine Packung Marlboro verlangten, war wirklich jenseits von Gut und Böse.
„Falls das mal passiert, dann musst du sie nachher ins Team holen.“
Darum war doch auch Doll da, dachte er. Sie konnte jedem von ihnen die Eier abschneiden. Zwar war sie nicht überwindbar und mit brachialer Muskelkraft, die sie trotz aller Körperbeherrschung nicht aufbringen konnte, konnte man ihr beikommen. Nicht, dass Vlad es probiert hätte. Es hätte bedeutet, dass er darauf hätte auch sein müssen, sie möglichst schnell mit schlimmsten Verletzungen zu Boden zu werfen. Und bei allem was recht war – jemanden aus dem Team ernsthaft zu verletzen war es ihm nicht wert zu beweisen, dass er, wenn es hart auf hart kam, mit ihr zurecht käme. Doll war die Lady und verdammt, sie war rattenscharf, gerade WEIL sie so schlagkräftig war. Vlad hätte es nie zugegeben, aber er bewunderte diese Frau. Die einzige Frau, die er mit richtigem, gleichwertigem Respekt behandelte.
Gekonnt blies er einen Rauchring. Er hatte irgendwann gesehen, wie das jemand gemacht hatte, als er noch ein Rekrut gewesen war. Dann hatte er begonnen, es zu üben, bis er plötzlich den Dreh rausgehabt hatte. Zwar hielt er es ein Gerücht, dass man auch andere Formen machen konnte, aber das hielt ihn nicht davon ab, es manchmal zu versuchen. Vlad war trotz allem irgendwie ein Künstler und wenn es um Formen ging, machte er gerne Experimente.
Sein Blick folgte Mel, welche durch den Club ging. Sie schien nie in Eile zu sein, arbeitete aber schnell und präzise. Unverzichtbar in diesem Team, anders als Kelly, welche sich hauptsächlich dadurch hielt, dass sie mit dem Geschäftsführer in die Kiste sprang. Manchmal auch mit Vlad, welcher das einfach als Bonus nahm und Ethan, welcher den Laden eigentlich führte, nicht dreinredete, was dessen Personalauswahl betraf. Am Schluss mussten die Zahlen stimmen, der Club hatte drogenfrei zu bleiben und mit der Prostitution wollte er auch keine Verbindungen. Nichts, was die Polizei mehr auf den Plan rief, als es ohnehin passierte, weil Niemand Bikern traute.
Vlad liess sich in seinem Stuhl etwas nach unten rutschen, so dass er mit den Schulterblättern in der Lehne einhaken konnte, und entspannte den Rücken. Er fühlte sich wohl hier. Sehr sogar. Zwanzig Jahre war er jetzt in New York, zwanzig hässliche, lange, kurze, schöne, grossartige Jahre. Es war eine gute Entscheidung gewesen, damals herzukommen.
„Wahrscheinlich bist du einfach zu alt geworden, um die Frauen in vollen Zügen zu geniessen.“, fügte er an und vergass grosszügig, dass er nicht so viel jünger war und seine erste Brille im Studio liegen hatte, damit er auch feinste Details tätowieren konnte.
Doll ins Team zu holen war vermutlich die beste Entscheidung gewesen, die er jemals getroffen hatte. Wenn er mal nicht da war, hatte sie die Jungs im Griff – vor allem deswegen, weil jene wegen der Krav Maga Scheiße Angst um ihre Eier hatten. Sie war ein klasse Mädchen – trug ordentlich Ballast mit sich, aber trotzdem lag sie Graham am Herzen. Dass die Männer sie mit Respekt behandelten hatte er gar nicht verlangen müssen, den hatte sie sich binnen kürzester Zeit von selbst verdient. „Falls das mal passiert, dann musst du sie nachher ins Team holen.“ Genau … „Die tut sich dann mit Doll zusammen und übernimmt S.H.I.E.L.D. …“, frotzelte der Schotte und lachte schäbig. Die Vorstellung, dass sie Fury das Scrotum entfernen würden, war auf eine gewisse Art und Weise sehr befriedigend. Momentan war er nicht besonders gut auf den Director zu sprechen – etwas, das auch Vlad bald gemerkt hatte. Erzählt hatte er dem Russen noch nichts von Beans verpatztem Auftrag. Die gemeinsame Tour hatte er dadurch nicht vermiesen wollen und irgendwie fühlte es sich auch falsch an. Vorerst wollte er noch Informationen sammeln, mit Beans reden, ehe er das Team in Kenntnis setzte. Wenn er es denn überhaupt weitergab. Sein Kumpel war allerdings klug genug, nicht weiter zu bohren, wenn der Schotte nicht drüber reden wollte. Er hatte es auf den langen Außeneinsatz geschoben. Die Umstände im Urwald waren katastrophal gewesen – von dem Einsatz selbst mal abgesehen. Die Reaper gegen Fury aufzustacheln würde niemandem etwas bringen. Das musste Chibs allein regeln.
Er wollte auch nicht die ganze Zeit über Beans Situation nachdenken. das brachte ihn weder vor, noch zurück – weswegen er sich während der Tour fast ausschließlich auf den Moment konzentriert hatte. Derbe Sprüche und die Zeit auf dem Bike hatten dazu beigetragen, dass er sich besser fühlte. Distanzierter. Klarer vom Kopf her.
Dem Rauchring hinterher blickend genehmigte sich der Schotte einen Schluck von seinem Whiskey und zog bei Vlads folgenden Worten eine Braue in die Höhe. „Wahrscheinlich bist du einfach zu alt geworden, um die Frauen in vollen Zügen zu geniessen.“
Genau. So sah es aus.
Von seiner irren Affäre mit Jupiter wusste Vlad nichts. Der einzige, der von der Irren wusste, war Beans – und das auch nur, weil sie verdammt noch mal viel Zeit miteinander verbrachten. „Ich werde nicht alt“, kommentierte er also und deutete auf den Whiskey. „Ich werde besser.“ Die Mundwinkel verzogen sich zu einem Grinsen, welches durch die Narben optisch nur noch größer erschien. „Ich glaube das ist bei Vodka nicht der Fall.“
Sich mit Vlad Sprüche um die Ohren zu hauen war irgendwie Ritual geworden. Seit so vielen Jahren kannten sie sich jetzt schon. Hatten verdammt viel Scheiße durchgestanden und sich gegenseitig Halt gegeben. Totzdem war es manchmal immer noch wie am ersten Tag. Beleidigungen. Das Androhen von Gewalt. Wortfetzen, die kein Mensch außer ihnen verstand. Es war großartig. Es war einzigartig. Es war Familie.
Sich auf seinem Stuhl zurücklehnend, sah er Kozlow an. „Völlerei ist ne krasse Sünde, Mann“, predigte er und zog an seiner Zigarette. „Dafür kommst du in die Hölle.“ Graham war der letzte, der jemandem eine Predigt über seine Sünden halten durfte. Zwar ging er regelmäßig in die Kirche und auch zur Beichte – trotzdem wusste er, dass der Himmel für ihn keine Option mehr war. Er meinte es auch eher als Spaß. Wollte Vlad vor Augen führen, dass er viel mehr davon hatte, wenn er sich auf eine Frau konzentrierte. So wie Chibs es mit Jupiter tat. Auch wenn diese Frau genug Aufregung für zehn seines Kalibers mitbrachte.
Genau. SHIELD unter weiblicher Führung konnte nicht schlimmer sein als jetzt. Ihm Straffreiheit zu organisieren hätte Doll mit der Macht von Fury sicher auch hingekriegt und ausserdem hatte dieses Mädchen etwas drauf. Die glorreiche Ausnahme. Vielleicht liess sich der alte Wolf einfach zu sehr von seiner Stellvertreterin beraten, das konnte ja nur schief gehen.
„Hast du auch nötig, immer besser zu werden.“, gab Vlad ohne zu zögern zurück. Er mochte Vodka, aber er trank ihn vor allem auch darum, weil er ihn gewohnt war, ihn gut vertrug und nicht zuletzt, weil er damit eine Verbindung zu seiner Heimat zog. Viel Russland hatte er nicht mehr, die paar Worte, die Chibs verstand, seltene Gespräche mit Exilrussen – aber vom Ballett hielt er nicht viel und viel mehr russische Kultur hatte es nicht nach Amerika geschafft. Kein Wunder. Russland, der grosse Feind. Man hatte es ihn oft genug spüren lassen und er wusste, er würde es immer wieder zu spüren bekommen. Der Tätowierer war willkommen, aber der Russe schlussendlich eben nicht.
In die Hölle? Ja, wenn die Christen das so wollten, konnten sie das sicher bekommen, wenn ihr Gott so war, wie sie sich das vorstellten. Vlad selbst war atheistisch aufgewachsen. In der Sowjetunion war kein Platz für Religion gewesen und sein Vater als getreuer Soldat hatte sich an diese Überzeugung gehalten. Für die Religiösität der Mutter war kein Platz gewesen und die drei Brüder hatten auch kein Interesse gezeigt. Ihr Leben war von Leistungsdruck geprägt gewesen und selbst wenn sie gewollt hätten – ihr Vater hätte ihnen das Interesse an einer höheren Macht als die des Volkes sicherlich schnell ausgeprügelt. Und später war das Heroin sein Gott geworden.
„Lad zum Grillfest ein, wenn du da bist, dann taugt diese Hölle wenigstens zu etwas.“
Ein riesiges Glutfeld zum Grillen. Das wäre grossartig gewesen. Vlad liebte Fleisch, sowohl zum Essen wie auch weich und warm und zu Frauen gehörend, und wahrscheinlich wäre er mit seiner Masslosigkeit den Pfaffen von Chibs ein Dorn im Auge gewesen, hätten sie denn von ihm gewusst. Er hatte kein Interesse daran. Zwar sah er, dass der Glaube seinem Bruder irgendwie Kraft gab, aber er konnte es nicht nachvollziehen – wollte es nicht nachvollziehen. Vlad hatte gerne selbst die Kontrolle und der Gedanke, dass etwas Höheres wiederum ihn kontrollierte, war ihm mehr als nur angenehm. Also hielt er sich fern von diesem gedanklichen Wahnsinn und blieb seiner Masslosigkeit treu. Gerade hatte er einen gewissen Spass an der Bezeichnung und bekam sie nicht mehr aus dem Kopf raus. Vielleicht war es gar nicht so schlecht, masslos zu sein.
„Hast du auch nötig, immer besser zu werden.“
Graham lachte leise bei diesen Worten. Ja, da hatte der Russe verdammt recht. Bitter nötig. Was ihre Vorlieben im Alkohol anging, so hatten sie zumindest denselben Hintergrund. Auch Graham erinnerte es an zuhause – und an seine Mutter, die zu besonderen Anlässen immer denselben Whiskey getrunken hatte. Er konnte sie immer noch vor sich sehen, wie sie schon nach einem Glas leicht beschwipst war und eine mädchenhafte Röte auf den Wangen spazieren getragen hatte. Meistens hatte sie dann angefangen, irgendwelche schmutzigen Witze zu erzählen – ‚Herrenwitze‘, wie sie es immer betitelt hatte. Seine Alkoholverträglichkeit musste er also definitiv von seinem unbekannten Vater haben, denn von mütterlicher Seite war da nicht viel zu erwarten. Es machte ihm nichts aus, seinen Vater nicht zu kennen und wohl auch niemals kennenzulernen. Er war 46 Jahre alt und hatte sich schon früh damit abgefunden. Seine Mutter hatte ihm genügend Dinge mit auf den Weg gegeben. Unter anderem auch die Religiösität.
Die meisten Leute in seinem Umkreis waren nicht besonders gläubig. Auch damit hatte er sich abgefunden. Das war etwas, das jeder mit sich selbst ausmachen musste – und solange niemand kam, der ihm seinen Glauben verbieten wollte, kam Graham mit jedem zurecht. Egal ob Atheist, Buddhist oder Moslem. Nur mit Sektenanhängern kam er nicht besonders klar – und mit den Zeugen Jehovas – aber wer mochte die schon?
Chibs glaubte nicht direkt an die Erlösung durch das Paradies oder das Fegefeuer. Es war Teil der Bibel und der Schauergeschichten, die man sich über den katholischen Glauben erzählte. Gemessen daran, was der Schotte in seinem Leben bereits erlebt hatte, hatte sich eine eigene Version des Nachlebens für ihn ergeben. Die Hölle … das war das, was man draus machte. Wahrscheinlich existierte ein Ort für schlechte Menschen / Wesen / was auch immer. Aber ob das ein Ort mit viel Feuer und starker Hitze war … das konnte er nicht sagen. „Lad zum Grillfest ein, wenn du da bist, dann taugt diese Hölle wenigstens zu etwas.“ Nachdenklich zog er ein Gesicht. „Dachte mehr daran, ’n Dampfbad aufzumachen.“ Aber Barbeque klang auch gut. Ob die Hölle überhaupt zu irgendetwas taugen sollte, außer um kleinen Kindern Angst einzujagen, wusste er nicht.
Sein Whiskey ging langsam zur Neige und auch der Rest seiner Zigarette fand den Weg in den Aschenbecher. Grahams braune Augen huschten durch den Raum, in dem er schon so oft gesessen hatte. Mit den Fingerspitzen strich er abwesend über das Holz des Tisches, beinahe schon ein bisschen gelangweilt. Aber er war in Gedanken.
„Die Hölle kann auch nicht schlimmer sein, als dieser verdammte Urwald…“, nuschelte er dann beinahe etwas undeutlich. Für ihn zumindest war es so. Klar, sie hatten zwischendurch auch ihren Spaß gehabt, gerade mit den Eingeborenen dort – aber das Klima hatte ihm beinahe den Rest gegeben. Kurz blitzte das Bild der kolossalen ‚Prinzessin‘ vor seinen Augen auf. „Ob die Stammesprinzessin noch nen Mann gefunden hat?“ Amüsiert zuckten seine Mundwinkel, da weder er, noch Vlad es in Erwägung gezogen hatten, sie zu heiraten. Bei Dick … da war er sich nicht so sicher gewesen.
Ein Dampfbad klang auch gut. Das war etwas, das Vlad trotz seiner Aversion gegen Hitze mochte. Wenn es draussen so richtig, richtig kalt war – viel kälter als die Weichbecher hier in New York es sich vorstellen konnten – dann war eine Banja etwas geradezu Verehrungswürdiges. Und die wiederum war auch wieder deutlich heisser als eine westliche Sauna. Die Temperaturunterschiede, die da von aussen zu innen möglich waren, waren geradezu gigantisch. Auf jeden Fall nickte der Russe nun zustimmend. Ja, ein Dampfbad war okay. Dafür würde er Chibs in dieser Hölle auch besuchen gehen.
Vlad sah Chibs seine Gedanken an. Nicht hinein, aber er sah dem Mann an, dass er abdriftete – und natürlich liess er ihn. Es war nicht seine Art, irgendwas zu sagen, wenn es nichts zu sagen gab. Denken war ihm viel lieber. Dafür brauchte es nämlich nur eine Person. Für einige Augenblicke war es also still, doch es war eine angenehme Stille. Sie hielt jedoch nicht lange an. Neuguinea. Auch jetzt erwiderte er nichts. Neuguinea hatte ihn schockiert. Nicht, weil er schlimme Dinge gesehen hatte. Das sah er oft, es gehörte zu seinem Job. Sie waren Drecksarbeiter. Hoch effiziente Drecksarbeiter, aber Dreck blieb Dreck. Sie sahen immer eine Menge Scheisse und sie mussten eine Menge mit sich herumschleppen. Wenn allerdings an Menschen experimentiert wurde, wenn man Kindern ihren Familien entriss, um sie aufzuschneiden und zu erkunden, wie sie funktionierten… das erschütterte auch den abgebrühten Russen.
Er erinnerte sich gut an das dunkelhaarige, deutlich indigene Mädchen, welches er in einer Ecke gefunden hatte. Es war sicher noch nicht lange tot gewesen, aber es war offensichtlich an irgendeinem Gift gestorben und hatte einen schrecklich vernarbten Körper gehabt. Wie konnte man einem lebenden Wesen etwas Derartiges antun? Vlad war sicher kein zartbesaiteter Mann und konnte hart und brutal zuschlagen, aber das – nein.
Dass Chibs das Gespräch sogleich wieder in amüsantere Gefilde zog, war ihm nicht unrecht, auch wenn er durchaus damit rechnete, dass sie sich später doch noch darüber unterhalten würden. Jetzt, da einige Tage Distanz zwischen diese Mission und das jetzt gerückt waren, ging das sicherlich leichter als auf dem Rückflug. Dort waren die Eindrücke noch frisch gewesen und die Erschöpfung noch gross. Aber nicht jetzt sofort. Vielleicht später, egal wie früh oder spät dieses später sein würde. Der Russe erwiderte also bierernst:
„Wenn ja hoffe ich für den armen Kerl, dass sie nie oben liegen will.“
Vlad glaubte nicht, dass er diese Prinzessin hätte tragen können. Er hatte spontan entschieden, dass das definitiv ein Ausschlusskriterium war. Nicht, dass er überhaupt vorgehabt hätte zu heiraten. Erst recht nicht in diesem elenden Dschungel.
„Ich dachte schon, Dick würde sich herausgefordert fühlen. Und wir hätten nachher den Stamm am Hals, weil er die Prinzessin gevögelt hat und sie nicht heiraten will.“
Andererseits wäre er dann früher oder später König in diesem Dorf geworden und hätte wahrscheinlich das eine oder andere hübsche Mädchen zur Verfügung gehabt, eine Tatsache, die dem ehemaligen Pornostar sicher gefallen hätte. Man konnte nie so genau wissen bei diesem Kerl.
Hoch effiziente Drecksarbeit … ja, das war die Stellenbeschreibung, die Graham seit jeher weitergab, wenn er einen Reaper rekrutierte. Das war bei Vlad und Dick so gewesen, als er sie geholt hatte. Bei Doll genauso, als er sie aus Afghanistan quasi ‚befreit‘ hatte. Auch bei Beans hatte er diese drei Worte fallen lassen. Dabei rausgekommen war eines von S.H.I.E.L.D.s besten Teams. Eines, das nicht unbedingt den besten Ruf innerhalb der Organisation hatte – aber sie erledigten ihre Arbeit. Und zwar so, wie Fury es gerne hatte: effizient.
Graham drückte die Zigarette im Aschenbecher aus. Grinste bei der Erinnerung an Dick, welcher während der drei Monate von Tag zu Tag schlimmer geworden war. Sie waren drauf und dran gewesen, ihm einen passenden Baum mit zwei Kokosnüssen zu suchen, damit er nicht mehr so nervig war. Doll hatte nämlich von vornherein klar gemacht, dass sie keine Option war – für niemanden. Und das hatte dieses kleine Biest auch noch total ausgereizt. Verschwitzte Klamotten im Dschungel. Mehr brauchte er wohl nicht sagen, hm?
„Ich dachte schon, Dick würde sich herausgefordert fühlen. Und wir hätten nachher den Stamm am Hals, weil er die Prinzessin gevögelt hat und sie nicht heiraten will.“ Er lachte. Schüttelte den Kopf. „Ich bin mir nicht sicher, ob er es nicht doch getan hat“, sprach er seinen Gedanken aus und räusperte sich kurz, ehe er den letzten Rest Whiskey in einem Zug nahm. Neuguinea war damit abgeschrieben. Er hatte keine Lust, sich diesen sonst so perfekten Tag von diesem dreckigen Einsatz vermiesen zu lassen.
„Also Kozlov … entweder machst du jetzt mal n bisschen Stimmung hier – oder ich fahr nach Hause.“ Die klare Ansage des Schotten ließ durchblicken, dass er alles andere als die letzte Option in Erwägung ziehen wollte. Ihm stand der Sinn nach einem grandiosen Abschluss für heute. Sein Tonfall war nicht grollend oder drohend. Es lag Belustigung darin, eine gewisse Erwartungshaltung.
Der Russe mochte nach außen hin oftmals verschlossen und harsch wirken. Doch Chibs wusste aus eigener Erfahrung, dass man mit ihm gewaltigen Spaß haben konnte. Einige der besten Abende waren in seiner Gesellschaft passiert. Zwar gehörten dazu entweder ein gewaltiger Kater, mindestens ein neues Tattoo, eine Platzwunde oder ein gewaltiges Hämatom im Gesicht – (oder alles zusammen wie beim Blackout von 2007 – niemand erinnerte sich noch an Einzelheiten, aber es gab eine unter mysteriösen Umständen aufgetauchte Wassermelone, zerbrochene Fensterscheiben und eine mit pinkem Edding verzierte Harley, eine Menge leerer Flaschen und den längsten Kater, den die Menschheit je erlebt hatte – drei Tage hatten sie alle ausnüchtern müssen … Fury war nur wenig begeistert gewesen.) – Aber wer Spaß wollte, musste bereit sein, dieses Risiko einzugehen.
„Oder wirst du etwa langweilig auf deine alten Tage?“ neckte er den Jüngeren und verzog das Gesicht zu einem Grinsen. Gab Mel ein Zeichen, dass er noch einen weiteren Whiskey haben wollte und checkte die Kundschaft ab. Langsam füllte sich die Bar. Die Stammkunden, die Chibs mittlerweile schon seit mehreren Jahren kannte, waren alle bereits da. Kollektives Auftauchen war eben sehr effektiv. Das wussten auch die Reaper. Aber jeder von ihnen besaß genügend Charisma, um die Aufmerksamkeit des ganzen Raumes auf sich zu ziehen, wenn sie denn wollten.
Die Augenbrauen des Russen hoben sich ein wenig an. Zu langweilig? Er verschwendete keinen Gedanken daran, dass dies hier eine pure Frotzelei war. Mit derlei gab er sich nicht ab. Sie waren kein Mädchenverein, welcher darauf achten musste, dass ja keines beleidigt wurde und absolute Harmonie herrschte, weil sonst jemand zu heulen anfing. Vlad leerte sein Wodkaglas mit einem grossen Schluck und zog dann an seiner Zigarette. Wahrscheinlich war gleich noch ein weiterer Zug drin, aber das war dann sicherlich der letzte. Filter anrauchen schmeckte scheisse. Tatsächlich rollte der Russe welche hinein. Er wusste, dass Rauchen auch so ungesund genug war, da musste er seine Lunge nicht noch schneller ermorden, als er das ohnehin schon tat. Eine Ärztin bei SHIELD hatte ihm nahe gelegt, mit der Raucherei aufzuhören, aber Vlad hatte damit schon als Junge angefangen und glaubte nicht, dass er dieses Laster einfach loswurde. Wollte er auch nicht.
„Ich kann dir sicher eine Teeparty organisieren.“, holte er dann mit gedehnter Stimme aus, während er noch immer höchst gemütlich in seinem Stuhl hing. Wahrscheinlich würde er das gleich bereuen, aber er würde Chibs sicher nicht die Genugtuung geben, sich für ein Wortduell aufzurichten. Stattdessen sprach alles an ihm davon, dass er sein Gegenüber gerade alles andere als ernstnahm. Ganz im Gegenteil. Die Augen halb geschlossen lag der Blick der dunklen Augen beinahe scheel auf dem älteren der beiden Männer. Vlad wirkte entspannt, sogar sehr, und er war es auch. Es war der Herr des Hauses, hatte einen guten Tag hinter sich, sass mit seinem besten Kumpel rum, trank Vodka und rauchte Zigaretten. Viel besser konnte es nicht mehr werden.
Eigentlich war es auch ganz gut, dass die anderen mal nicht dabei waren. Er mochte sie alle, aber Chibs war nach wie vor der erste Freund, den er hier in den Staaten gehabt hatte und er nahm einen besonderen Platz im hart ummantelten Herzen des Russen ein. Mit Dick, Beans und Doll hatte er nur Erinnerungen, die irgendwie zu den Reapern gehörten. Natürlich hatten sie auch in ihrer Freizeit einiges erlebt, aber dennoch waren sie da schon ein Team gewesen, Agents, Grim Reaper. Bei Chibs war das anders.
Er kannte ihn auch noch als Junkie. Als Gesetzloser. Als Gejagter. Nicht sehr romantisch, nicht sehr angenehm, aber ein Teil von ihm. Gejagt wurde er potentiell immer noch, auch wenn die Russen ihn wohl nicht finden konnten, solange SHIELD eine schützende Hand über ihn hielt. Dennoch machte sich Vlad nichts vor. Wenn ihn die Russen in die Finger bekamen, dann war er Geschichte. Er schob den Gedanken beiseite.
„Ich hab‘ gehört, ihr Engländer liebt Tee.“
Die Andeutung eines Grinsens lag auf Vlads Lippen und er verzichtete darauf, langsam zu blinzeln, weil er die Reaktion seines Gegenübers von A bis Z sehen wollte.
„Ich hab‘ gehört, ihr Engländer liebt Tee.“
Graham blieb entspannt.
Er blieb wirklich entspannt.
Nach außen hin verzog er keine Miene, auch wenn er innerlich am liebsten gekotzt hätte. Engländer. Er?! Das konnte nicht sein fucking ernst sein. Das dreckige Grinsen, welches sich langsam auf dem Gesicht des Russen ausbreitete war Zeichen genug dafür, dass es sich lediglich um eine plumpe Provokation handelte. Eine, die er theoretisch locker wegstecken könnte. Theoretisch. Praktisch gesehen war da aber leider seine immense Abneigung gegen alles, was Großbritannien verließ oder ausmachte. Die Schotten waren keine übersiedelten Engländer. Sie waren Kelten! Und Kelten, verdammt noch mal, waren keine Engländer! Man würde nirgendwo auf der Welt einen Schotten finden, der es hinnahm, sich als solcher bezeichnen zu lassen. Graham bildete da keine Ausnahme und das wussten alle, die ihn kannten. Im Regelfall rastete er nicht sofort aus, ließ aber deutlich werden, dass ihm so etwas missfiel. Aber jetzt … jetzt gerade bewirkte Vladimir Kozlow genau das, was er bewirken wollte: er provozierte den Schotten mit seiner Aussage.
„Ich hab‘ gehört, ihr Engländer liebt Tee.“
Graham sprang von seinem Stuhl auf, wo er bis vor einer Sekunde noch ausgesehen hatte, wie die Ruhe selbst. Das dürre Stück Holz fiel scheppernd zu Boden, seine Oberschenkel stießen gegen den Tisch, wackelte bedrohlich. „Hell slap it intae ye! Go take a running fuck at a rolling doughnut“, fluchte er durch den Raum, in dem sich beinahe sofort eine gebannte Stille breit machte. Der Russe sah ihn nur an, dieses Grinsen immer noch auf seinem Gesicht, was seinen Groll nicht unbedingt besser machte. Ja, er wusste, das dies hier keine boshafte Tat war. Sie machten das haufig – provozierten sich gegenseitig. Mal mehr, mal weniger heftig. Grahams Hände legten sich unter die Tischplatte, und hoben ihn mit einer schnellen Bewegung beiseite. Nun stand nichts mehr zwischen ihm und seinem Freund. Hier ging es nicht um das typische Schwanzmessen, welches es in Bars eigentlich immer gab. Das hier war Spaß. Unterhaltungswert. Sie würden sich ein bisschen keilen, die anderen Gäste unterhalten. Und dann würden sie einen trinken und alles wäre wie früher.
„Yer mawz bawz“, setzte er an und stand nun direkt vor dem Russen. Vielleicht war dieser größer als er. Vielleicht besaß er auch mehr Masse und war ein paar Jahre jünger. Aber Graham ließ sich von solchen Kleinigkeiten nicht abhalten. Auch er hatte in der Vergangenheit einige Treffer gelandet, die ein wunderschönes Farbenspiel auf der blassen Haut des Russen hinterlassen hatten. Somit wich er also nicht zurück, als sich sein Freund aufrichtete und sich vor ihm aufbaute. „Ich und Engländer?!“, seine Hände stießen gegen die Brust des anderen, stark genug, um ihn eventuell taumeln zu lassen.
Graham war in dieser Hinsicht nicht anders, als andere Männer ihres Lebensstils. Er prügelte sich vielleicht nicht so gerne, wie andere. Aber es machte hin und wieder Spaß. Straßenkampf war einfach um ein Vielfaches besser, als diese nervigen, routinierten Abläufe auf der Matte im Trainingsraum. Ja, er trichterte es den Rekruten ein, dass sie gewisse Verteidigungstechniken brauchten. Und ja, er achtete auch auf die saubere Ausführung. Aber dennoch – wer sich in einem Kampf nicht zur Wehr setzen konnte, in dem es nicht nach dem FF von Statten ging, hatte bei S.H.I.E.L.D. nichts verloren.
Wahrscheinlich konnte er sich das als Punkt verbuchen. So schnell hatte er Chibs mit einem Engländerwitz noch nie auf die Palme gebracht. Als der Schotte den Tisch beiseite stellte – er kippte nur ganz knapp nicht – kam auch Vlad auf die Füsse. Den Fehler, sitzen zu bleiben, hatte er genau einmal gemacht und dann so furchtbar auf’s Maul gekommen, dass ein Rekrut allen Ernstes beim Training gefragt hatte, ob er wirklich einsatzfähig sei. Nun ja. Man lernte eben nicht aus. Allerdings gab es auch Fehler, die wichtig waren für die gute Show, wie zum Beispiel, sich dicht vor seinem Freund aufzubauen und auf ihn hinunterzuschauen. Das war nicht das, was man unter einem stabilen Stand begriff und entsprechend geriet er auch ins Stolpern, als Chibs ihn kräftig vor die Brust stiess. Der Schotte setzte nach. Natürlich. Vlad hoffte einfach, dass die Leute hinter ihm schlau genug gewesen waren, sich schnell zu verziehen, denn er tat das einzige, was er nach jahrelanger Erfahrung als für sinnvoll erachtete – er packte Chibs und zerrte ihn mit, damit er genauso wenig Gleichgewicht hatte wie sein Gegner auch.
Ihre Taumelbewegung führte sie zu der Wand, gegen welche Vlad krachte, doch damit, dass er gewusst hatte, dass sie da war, konnte er darauf achten, nicht mit dem Kopf dagegen zu schlagen. Seine prankenartigen Hände umfassten fest Chibs Ellenbogen, um ihn bestmöglich an einem direkten Schlag zu hindern. Er wollte erst die Stimmung noch ein wenig mehr anheizen, damit sich die Prügelei auch wirklich lohnte. Oh, Vlad liebte es geradezu, den Schotten zu provozieren. In solchen Momenten gab es wirklich nichts Schöneres, auch wenn es ein Spiel mit dem Feuer war. Noch war es ihm nie gelungen, die Grenze zu überschreiten und den Schotten wirklich in Raserei zu treiben und das war auch nicht das Ziel – aber möglichst nah daran vorbeischrammen, das war höchst interessant.
„Was denn sonst? Nur weil ihr nicht einsehen wollt, wer bei euch zuhause die Hosen anhat…“
Er war nicht sonderlich kundig, was die Beziehung zwischen Schotten und Engländern anging, aber dass schlussendlich alte Herrschaftsansprüche diese Differenz begründet hatten, wusste er. Nicht, dass er darüber in der Schule als Kind etwas gelernt hätte, aber er hatte natürlich ein wenig über Schottland nachgelesen, als er Chibs immer näher gekommen war. Auch wenn man es ihm normalerweise nicht zutraute, so interessierte er sich doch für die Menschen in seinem Umfeld, zumindest für die, die ihm wichtig waren, auf die eine oder andere Weise.
Die Augen des Russen leuchteten. Er hatte Spass. Er hatte jede Menge Spass, auch wenn er das mit seinen Gesichtszügen nach wie vor nur mit dem angedeuteten, schmalen Grinsen zeigte. Jetzt war ohnehin nicht der Moment um zu lachen, denn bei einer Schlägerei hielt man die Zähne besser fein säuberlich hinter den Lippen, sonst verlor man sie viel zu schnell.
Fast zwanzig Jahre kannte er den Russen jetzt schon. Damals war er noch ein verdammter Junky gewesen – aber ein Künstler mit der Nadel. Graham hatte alle Tattoos, die in Übersee gestochen worden waren, von Vlad. Er war der einzige, der mit einer Nadel und einer Flasche Vodka an ihn ran durfte, solange es nicht bedeutete, dass der Kerl ihm eine Wunde nähen musste. War auch schon vorgekommen. Vor zehn Jahren im Kosovo. So ein verdammter Dreckssack hatte sich ja in genau der Straße in die Luft sprengen müssen, in der Chibs seinen Auftrag ausführte. Die Narbe an seinem Unterschenkel kam von einem fliegenden Autoteil. Nein, keine Erfindung aus der Zukunft, sondern das Resultat einer Selbstmordbombe … Wäre der Russe nicht gewesen, hätte er vermutlich kein Bein mehr – oder noch Luft in den Lungen und läge schon verrotet oder verbrannt irgendwo im Nirgendwo. Zwanzig Jahre, in denen sie sich Dinge anvertraut hatten, die sonst niemand wusste. Seine Freundschaft zu Vlad ging tief. Tiefer als die meisten Freundschaften, die Graham pflegte. Sich mit ihm zu Prügeln war irgendwann zum Tagesablauf gewesen. Spätestens, nachdem er den Riesen nach seinem Entzug wieder auf die Beine hatte kriegen müssen. Täglicher Drill gegen den Drang, sich wieder an die falsche Nadel zu hängen.
Sie prallten gegen die Wand, denn natürlich riss Vlad ihn mit. Das hatten sie schon mehrfach erlebt. Manchmal nutzten sie angezettelte Schlägereien als Ablenkungsmanöver. Mischten die Bar so richtig auf, nur um dann zu verschwinden oder den Auftrag auszuführen. Richtig interessant wurde es, wenn auch Doll mitmischte. Die Kleine hatte Schläge drauf … das ging auf keine Kuhhaut, wie der Schotte fand.
Doch heute waren da nur der Schotte und der Russe, die sich gegenseitig manchmal Worte an den Kopf warfen, die sie nur untereinander verstanden. Außenstehende würden das hier als bitteren Ernst betrachten. Vlad wusste, was das Funkeln in den Augen des Älteren wirklich bedeutete. Die Pranken des Größeren lagen auf seinen Ellenbogen, nahmen ihm die Möglichkeit, wirklich zuzuschlagen, aber er schaffte es, mit einer Drehung des Arms den Händen zu entkommen und konnte ihm eine Schelle verpassen, die ihn nach links taumeln ließ – weg von der Wand, in die Mitte der anderen Gäste. Chibs stieß Stühle aus dem Weg, während einige umsichtige Gäste (die sie vermutlich schon kannten), die Tische wegräumten. Vlad riskierte eine dicke Lippe und entlockte dem Schotten ein Aufblitzen seiner Zahnreihen. Das war kein Lächeln – das war ein Zähnefletschen.
Er hob beide Fäuste und nahm eine Abwehrhaltung ein, als er dem ausholenden Arm des anderen mit einem tänzelnden Schritt auswich. „Was ist? Vertragt ihr Russen doch nicht so viel von eurem Eiswasser, huh?“ neckte er und grinste schäbig. Schlug in die Luft, weil auch Vlad wusste, wie man einem Faustschlag auswich. Es war noch ein Abtasten. Ein Abchecken der Lage. Sie würden noch richtig loslegen. Aber erst einmal heizten sie einander richtig ein. Graham kassierte einen Schlag gegen die Schulter, als er zu spät auswich. Vlad dafür einen Fausthieb auf die Nierengegend, der durch das Zurückweichen seinerseits abgeschwächt wurde. Die Menschen um sie herum gröhlten. Einige meinten, sie sollten lieber aufhören, doch jene, die sensationsgeil genug waren, feuerten sie an. Hoben ihre Drinks auf sie, während Mel hinter der Bar stand und den Kopf schüttelte.
Aufhören? Wer auch immer von Aufhören sprach, sollte selbst eine Tracht Prügel kassieren. Sie fingen doch gerade erst an, kamen in Fahrt, genossen, was sie hier taten. Es war zwar schmerzhafter Spass, aber es tat gut. (Und mit Dicks Art von schmerzhaftem Spass hatte es NICHTs, aber auch gar nichts zu tun.) Das war das Schöne daran, wenn man einen eigenen Club hatte. Niemand konnte einen rauswerfen, weil man sich schlug. Es war schon einmal zur Sprache gekommen, dass das der einzige Grund wäre, warum Vlad ihn gekauft hatte und er hatte nicht widersprochen. (Auch nicht zugestimmt, aber das war ja egal.)
„Ich hab‘ bloss ein schlechtes Gefühl dabei, Frauen zu schlagen.“, knurrte Vlad zurück. Das Grinsen war von seinen Lippen verschwunden, sein Gesicht wirkte so böse wie immer. Zumindest musste es für jeden Aussenstehenden so sein. Nun hechtete der Russe auf seinen Freund zu, umfasste ihn, kassierte einen Schlag gegen den Schädel, aber er riss Chibs mit Erfolg um. Schwer krachten die beiden Männer zu Boden, wobei Vlads Sturz vom Körper des Schotten abgemildert wurde. Nur der lag, und zwar in einer Bierlache, denn ganz alles hatte es nicht sicher zur Seite geschafft.
Eines der Biergläser war also beim Tischerücken gestürzt. Zwar hatte man es vom Fall zu Boden und dem zu Bruche gehen bewahren können, aber der goldgelbe Inhalt hatte sich über den Boden entleert und entsprechend stank Chibs nun nach Bier.
„Oder warum tragt ihr nochmals Röcke?“
Das war etwas, dass Vlad nicht verstand und nie verstehen würde. Die Schotten trugen Röcke. Zwar hatte er auch das mal nachgelesen, aber es wollte nicht ins einen Kopf, wie man als Mann einen Rock tragen konnte. Frauen, okay. Die sahen gut aus in Kleidern. Ohne Kleider auch. Aber Kerle? Nein, fand er, das war einfach falsch.
Er schlug zu, musste aber zwei Anläufe nehmen, denn der erste Hieb blieb in Chibs‘ Deckung hängen. Dann wurde ihm klar, dass er einen Fehler gemacht hatte, einen, der nicht Absicht gewesen war, denn ein fieser Schmerz breitete sich zwischen seinen Beinen aus. Autsch. Wie gnädig vom Boss, nicht volle Kanne das Knie hochzuziehen, sondern nur… sanft. Vlad stöhnte und rollte sich zur Seite. Bierlache. Scheisse. Nun stank er auch nach dem Dreckszeug. Zwei Männer griffen zu und zerrten ihn in die Höhe, aber Vlad stand definitiv etwas schief. Das war ein Treffer gewesen. Ein sehr persönlicher Treffer, was vor allem daran zu merken war, dass er trotz seiner etwas verdrehten Beinhaltung aufdrehte. Die Bewegungen wurden kraftvoller, direkter, die Angriffe härter.
„Zwei Dollars auf den Chef!“, rief Bobby und sogleich fingen verschiedene Leute an, auf die Wette einzusteigen, manche für, manche gegen den Barkeeper, aber der wusste auf jeden Fall, wie man noch mehr Stimmung in die Bude brachte.
Okay, der Move mit dem Knie war nicht gerade „die feine, englische Art“ – aber genau darin lag ja auch der Punkt, nicht wahr? Er war ein verdammter Schotte und die kämpften nun mal dreckig, wenn es sein musste. Chibs würde sich dafür nicht entschuldigen – immerhin war er so nett gewesen, nicht voll durchzuziehen, nachdem Vlad ihn in die Bierlache getaucht hatte. Jetzt stank er verflucht noch mal wie irgend’so ein Alki, den man an jeder Straßenecke fand.
Die Retourkutsche gab es – und das, wo der Russe doch bier so verabscheute! Schäbig grinste der Ältere und wischte sich mit dem Handrücken über die Unterlippe, wo Vlad ihn gerade erwischt hatte. Ein bisschen Blut schimmerte auf seiner Haut – nicht viel, aber genug, um ihn ein bisschen grantiger werden zu lassen.
„Sieht jedenfalls nicht so tuntig aus, wie eure Pelzmäntel“, gab er zurück tauchte unter den Antworten des Russen weg, ehe Vlad ihn packte und ihm einige Schläge gegen die Nieren schenkte. Graham ächzte nach Luft. Es tat weh – aber sie wussten beide, dass sie noch aufdrehen konnten. Windend und letzten Endes sein Knie gegen den Oberschenkel des Größeren rammend konnte er sich befreien – stieß ihn von sich, woraufhin dieser gegen die Bar stieß. Dort schloss man bereits fleißig Wetten auf sie ab. Chibs spuckte etwas Blut auf den Boden, welches sich in seinem Mund gesammelt hatte, während Vlad sich wieder aufrichtete. Er ließ ihm Zeit – immerhin war das hier keine richtige Schlägerei, sondern ein Zeitvertreib. In einer echten Gefahrensituation würde sein Gegner schon nicht mehr stehen, zumindest redete Chibs sich das – wie jeder Typ – gerne ein. „Was ist? Nimmst du mir den Tritt in die Eier etwa so übel, Biggie?“ Das Grinsen auf seinem Gesicht könnte nicht größer sein und wurde durch seine Narben nur noch verstärkt. Es gab ein beinahe groteskes Bild ab, während er seine Hände in Position brachte und etwas verspielt vor dem Russen tänzelte. „Ich helf‘ dir nur, zu deinem wahren Geschlecht zu stehen“, zwinkerte er, ehe einer der Umherstehenden ihn schon in Vlads Richtung schubste. Nur knapp konnte er der Faust entgehen, spürte einen sehr gefährlichen Luftzug an seiner Nase entlang wehen.
Vlads Schläge konnten, richtig platziert zu etwas werden, wonach kein Gras mehr wuchs. Er hatte das schon ein paar Mal erlebt – hatte gesehen, wie der Große aus Gesichtern Matsch machen konnte … kein schöner Anblick, weswegen er sich den Kerl, der ihn geschubst hatte, noch mal vornehmen würde! Das war verdammt unsportlich.
Jetzt jedoch musste er sich um seinen Freund kümmern, dessen große Klappe mit den Jahren viel größer geworden war, als es ihm gut tat. „Ich mochte dich lieber, als du unsere Sprache noch nicht gesprochen hast.“ Nicht, dass er es jetzt wirklich großartig beherrschte, dachte der Schotte und wich dem Arm aus, klatschte dem Freund beinahe spielerisch auf den Nacken und tänzelte um ihn rum. Ihm taten diverse Körperstellen weh und garantiert würde er morgen ein paar Blutergüsse mehr haben, die er erklären musste … Aber das war der Spaß wert.
Irgendwie schaffte Vlad es, ihn dieses Mal gegen die Bar zu stoßen. Gerade noch rechtzeitig fing er sich mit den Händen ab, ehe sein Solarplexus Bekanntschaft mit der Kante des Tresens machte. Mel zuckte schon gar nicht mehr erschrocken zurück. Sie war es gewöhnt … und eine der Befürworterinnen, dass Vlad diese Bar nur hatte, damit er sich darin prügeln konnte. „Na Süße“, flirtete Chibs sie an, und deutete auf die Flasche, die sie hielt. Guter, schottischer Whiskey. „Gib mir einen davon“, dabei winkte er mit dem Zeigefinger und öffnete den Mund, während Mel ihm einschenkte. Ja, das war es, was er jetzt brauchte. Ein bisschen Öl, um den Motor geschmiert zu halten. „Kannste noch, alter Mann?“, neckte Mel ihn, woraufhin der Schotte sich über die Bar lehnte und sie etwas zu sich zog. „Die ganze Nacht, Sweetheart.“ Er konnte Vlads Blick in seinem Nacken spüren und drehte sich wieder um. „Vorausgesetzt, die Süße wird nicht vorher müde.“
Vlad hatte nicht vor, Chibs‘ Gesicht zu Mus zu verarbeiten. Er wusste, wie verheerend seine Schläge sein konnten. Er brachte mehr Gewicht und mehr Muskelkraft auf als der Rest des Teams, einfach nur wegen seiner überlegenen Grösse, und es gab gute Gründe, warum man potentiell ihn vorschob, wenn der Gegenspieler mit irgendeinem grossen, breitschultrigen Typen, der alle überragte, das Team einschüchtern wollte. Irgendein Schlipsträger hatte mal gesagt, Vlad wäre der B.A. der Reapers. Vlad hatte ihm eine gescheuert aber wahrscheinlich hatte der Mann mit der anschliessend gebrochenen Nase doch irgendwie recht gehabt. Auf jeden Fall kam der Russe nicht auf die Idee, volle Kanne seine Faust gegen den Kopf seines ältesten Freundes zu rammen.
Allerdings kam er durchaus auf den Gedanken, ihn just an dem Zeitpunkt, als der Schotte sich wieder umdrehte, ihn am Kragen und am Ärmel zu packen und ihn mit Schwung halb durch die Luft, halb über den Boden zu befördern. Die Zuschauer, welche unvorsichtigerweise zu nahe standen, wurden umgerissen. Vlad wollte schnell nachsetzen, aber – es ging nicht. Ihm taten verdammt noch einmal die Eier weh, dass er hätte herumschreien können. Zumindest dann, wenn er ein kleines Mädchen gewesen wäre und das wiederum hätte bewirkt, dass er so ein Problem gar nicht erst hatte. Das würde Chibs, der gerade wieder auf die Füsse gestellt wurde, büssen. Bitter büssen. Es tat scheisse weh.
Der Russe spuckte ein wenig Blut aus, welches sich in seinem Mund sammelte. Er wusste nicht so richtig, wo es herkam, denn auf die Zunge hatte er sich mit Sicherheit nicht gebissen. Er war zu erfahren um diese zwischen die Zähne zu klemmen beim Kämpfen. Er verlegte sich auf die Bulldozer-Taktik. Gerade war Chibs viel leichtfüssiger als er und es hatte keinen Zweck zu versuchen, mit ihm gleichzuziehen. Also riegelte er sauber ab und ging mit der Feinfühligkeit einer Dampfwalze vor und begann mit den Beinen zu arbeiten, trat und hakte, um seinem Freund den guten Stand zu nehmen. Dafür brauchte er nicht schnell zu sein. Seine Tritte waren vor allem brachial und hart. (Und sie taten weh. Ihm auch. Aber er war kein kleines Mädchen, erinnerte er sich, und griff weiter an.)
„Solltest du dir auch mal überlegen, das nachzuholen, Chibbie.“, knurrte Vlad und bezog sich natürlich auf die Sprache. Er wusste, wie viele Leute sagten, dass der schottische Akzent nur schwer zu verstehen war und nichts mit englisch zu tun hatte – erst recht nicht mit amerikanischem Englisch. Für den Russen waren die Unterschiede schwer zu erkennen. Zumindest nicht die reinen Akzent-Unterschiede. Chibs‘ reines Schottisch war herausfordernd, aber meistens sprachen sie ohnehin Schrottisch miteinander.
Das Grinsen auf dem Gesicht des Schotten wurde eine Spur breiter, als er sich das Haar zurück strich und den Großen wieder ins Visir nahm. Es wurde langsam härter, unnachgiebiger. Ihre Grenze war beinahe erreicht – alles dahinter hätte nichts mehr mit Spaß zu tun und würde unweigerlich zur kompletten Zerstörung der Bar führen. Etwas, das selbst Vlad die Tränen in die Augen treiben würde, vermutete Graham, als er einen der Tritte mit dem rechten Arm abfing und ein kalter, beißender Schmerz wie der Kuss eines Schneesturms durch sein Ellenbogengelenk fuhr. Fuck! Das war unbedacht und dumm gewesen und rächte sich sofort. Er war jedoch nicht so dumm, dem Russen seinen Schmerz zu zeigen und ihn somit aufzufordern, sich noch mehr um diese Seite zu zeigen, damit er entweder weiterhin die Tritte mit seinem Arm abblockte oder aber sie einsteckte, um jenen zu schonen.
Seinen schottischen Akzent hatte er eigentlich gut unter Kontrolle. Nach zwanzig Jahren schaffte er es wirklich, akzentfrei zu sprechen, wenn er sich denn anstrengte. Lediglich unter Einfluss starker Emotionen verfiel er in seine Muttersprache zurück und das war für fast alle, außer Doll wirklich ein Problem. Wieso auch immer, aber ihre kleine afghanische Kampfmaschine verstand ihn besser, als jeder andere … traurig eigentlich, wenn man bedachte, dass Vlad ihn nun schon seit beinahe 20 Jahren kannte.
Als der Russe zwischen den austeilenden Beinen wechselte, nutzte Chibs die Chance, ihm eine kleine Schlagfolge zu verpassen. Täuschte mit der linken Faust an, ließ sie jedoch an seinem Ohr vorbeisegeln und holte mit der Rechten von unten aus, boxte ihm in die Seite, direkt unter den Rippenbogen. Er traf auf harte Muskelpartien, das wusste er – trotzdem steckte genug Kraft für einen ansehnlichen Bluterguss dahinter. Würde gut kommen bei den Frauen … und wer stand nicht auf Krankenschwestern? Ja, in diesem Fall Plural, denn Vlad beließ es ja nur selten bei einer Begleitung pro Nacht.
Die Antwort von Vlad war ein gezielter Tritt gegen seinen Oberschenkel, was sein Bein einknicken ließ und den Schotten in die Knie zwang. Die Umstehenden gröhlten – jene, die auf ihn gewettet hatten, riefen, er solle gefälligst wieder aufstehen. Andere jubelten Vladimir zu und beglückwünschten ihn bereits. Graham grinste bloß und blickte zum Schotten auf. „Was ist, soll ich dir jetzt ’nen Antrag machen oder was?“ fragte er und sah zu, dass er dem nächsten Angriff entging, indem er sich zur Seite fallen ließ und sich abrollte. Sich von selbst wieder aufrichtete, wobei sein Arm schmerzvoll rebellierte. „Vergiss es, dafür bist du zu hässlich“, fügte er an und gab Mel das Zeichen, ihre Drinks fertig zu machen. Das hier war eh gleich beendet.
„Ich sehe keinen Grössenunterschied, Kleiner.“, antwortete Vlad trocken wie ein Stück altes Brot, während er auf Chibs eintrat, allerdings nicht vernichtend auf den Kopf oder die Brust, sondern bloss auf die Schulter. Er merkte, dass er Zug aus der Sache nehmen musste, wollte er seinen Freund nicht ernsthaft verletzen. Der tat, was zu erwarten gewesen war, wich aus und liess Vlads Angriff ins Leere laufen. Dieser setzte weiter nach, setzte Tritt um Tritt neben ihn auf den Boden und scheuchte seinen Boss immer weiter, bis er bei der Theke ankam, wo es nicht mehr weiterging. Der Russe grinste auf ihn hinunter und zeigte zum ersten Mal während dieses ‚Kampfes‘ seine Zähne. Er wirkte angeschlagen, eine Spur Blut rann über sein Kinn, seine Haltung war etwas schief. Allerdings sah er auch ungemein zufrieden aus.
So musste ein Tag laufen. Bikes, Freiheit, Prügelei. Jetzt dann noch Mädchen. Ja, fand Vlad, das wäre genau der Abschluss, den er sich wünschte. Zugegebenermassen war ihm auch bewusst, dass erst einmal noch dieser verdammte Schmerz vergehen musste, aber er hatte auch nicht vor, jetzt gleich ins Bett zu springen. Zuerst hatten sie noch zu trinken und zu reden, zu behaupten und zu diskutieren. Über Gott und die Welt, über alles und nichts. Vlad streckte Chibs die Hand hin.
„Komm hoch, alter Mann. Wenn du schon zur Theke kriechst, brauchst du dringend einen Drink.“
Eigentlich forderte er Chibs natürlich zur Kapitulation auf – aber wenn er nicht auf diese einging, dann würde er wohl selbst kapitulieren. Wenn es jetzt weiterlief, dann wurde es ernst und das durfte es auf keinen Fall. Vlad kannte diese Grenze. Er kannte sie nur zu gut, weil er sie zumindest einmal überschritten hatte. Nicht gegen Chibs, sondern gegen Dick und es war gut gewesen, dass ersterer und Doll anwesend gewesen waren, um den wütenden Russen aufzuhalten. Hier und heute würde das nicht nötig sein. Die Zeit, in welcher er nicht hatte zurückstecken können und sein Stolz noch grösser gewesen war als er selbst, war vorbei.
Mel schien erleichtert zu sein, wie Vlad aus dem Augenwinkel bemerkte. Sie schenkte zwei Gläser voll, eines mit Whiskey, eines mit Wodka. Das war eine gute Vorbereitung. Meist war es ihr egal, wenn sich die Männer prügelten, auch wenn sie es nicht verstand. „Dein Whiskey ist schon im Glas.“, fügte der Russe nun begütigend an. Ihm reichte es für den Moment wirklich.
Die dargebotene Hand wurde ohne Umschweife mit einem Grinsen gepackt. „Komm hoch, alter Mann. Wenn du schon zur Theke kriechst, brauchst du dringend einen Drink.“ Mit einem Ruck ließ sich Graham auf die Füße ziehen und stieß dabei leicht gegen die Schulter des Russen, legte einen Arm um dessen breite Schultern und zog ihn in eine brüderliche Umarmung. Ihre Hände zwischen den beiden Körpern machte diese Geste überdeutlich, dass der Spaß vorbei war. „War ein guter Kampf, Bruder“, er musste lauter sprechen, obwohl sie sich so nahe waren, denn das Gegröhle der Umherstehenden war nicht gerade leise. Grinsend neigte sich Chibs etwas nach hinten und musterte das Blutrinsel, welches sich wagemutig vom Mundwinkel des Größeren nach unten stahl. Ja, sie hatten beide ordentlich ausgeteilt und genauso ordentlich eingesteckt. Ein wirklich guter Kampf, auch wenn ihm jetzt die Knochen schmerzten.
Man reichte ihnen ihre Drinks und das Klirren der beiden Gläser war wie ein geschwenktes, weißes Tuch. Für heute hatten sie genug gespielt. Jetzt würden sie noch ein, zwei Drinks zu sich nehmen, ihren Kampf vermutlich analysieren und sich feiern lassen. Die Stimmung war angeheizt, die Leute hatten Lust zu trinken. Mel kam mit dem Ausschenken nur schwer hinterher, aber so war das hier nun mal … Es war eine Bikerbar. Kein Szeneclub.
Graham setzte sich auf einen der Barhocker, einen Fuß am Boden, den anderen auf dem Steg zwischen den Beinen. Er war erschöpft, aber zufrieden. Wenn er daran dachte, dass er in den 7. Stock klettern musste, wenn er nach Hause fuhr, wurde ihm ein bisschen schlecht, aber auch das hatte er schon mehrfach geschafft. Vielleicht schaute er noch bei Beans vorbei, auch wenn der bestimmt bei Katie war. Vielleicht ging er aber auch ohne Umwege direkt in sein Bett. Für den Tritt in die russischen Kronjuwelen würde er sich nicht entschuldigen. Das hatte er verdient. Nun waren sie beide quitt, denn Mann beleidigte nicht die Herkunft eines anderen Mannes – und genauso wenig trat Mann ihm dahin, wo es am meisten schmerzte.
Der ganze Tag war perfekt gewesen, hatte ihn ein bisschen von dem ganzen Scheiß abgelenkt, der ihn zuhause erwartet hatte. Kein ausreichender Ausgleich zu Neuguinea, aber immerhin ein Vorgeschmack auf die süße Normalität, die manchmal herrschte. Ein paar Stunden später verabschiedete er sich von allen. Setzte sich auf seine Dyna und fuhr nach Hause.
ENDE