I didn’t fall. The floor just needed a hug.
MAI 2013 | VLAD & GRACE | BRONX

Autsch.

Vlad fand, dass Autsch seinen Zustand perfekt beschrieb. Mühsam versuchte er, zumindest auf alle Viere zu kommen, aber er konnte sich kaum rühren. Vor seinen Augen drehte sich alles. Er machte sie zu und überlegte, wo er war. Und warum er offenbar in einer Pfütze lag. Er fühlte sich betrunken. Wahrscheinlich war er das auch. War er nicht am Abend im Club gewesen, nicht in seinem, sondern in einer Bude, die er früher mit seinen Tätowierkumpels besucht hatte, um einen Geburtstag zu feiern? Ja, den von Ben, dem alten Haudegen. Sie hatten gesoffen. Viel zu viel. Yeah. Genau. Und dann… dann hatte er nach Hause gehen wollen. Bens Sohn hatte ihm angeboten, ihn heimzubringen, aber Vlad hatte abgelehnt, er könne ja wohl selber gehen. Ja, so war es gewesen. Und dann… und dann…

Dann war er in der Bronx falsch abgebogen und das war ein Fehler. Dafür wohnte er zu nahe an den gefährlichen Gebieten. Vlad versuchte nach seiner Pistole zu tasten, doch er fand sie nicht. Hatte er sie zuhause gelassen wegen potentiell zu viel Alkohol oder war sie gestohlen? Er liess die Hand wieder sinken und wälzte sich herum, blickte zum Himmel. Versuchte es zumindest. Ein paar Regentropfen fielen ihm ins Gesicht. Das war gar nicht unangenehm, fand er. Von ihm aus hätte es gerade mehr regnen können. Autsch, verdammte Scheisse.

Er musste… Chibs anrufen. Oder sonst einen von den Jungs. Damit sie ihn aufgabelten. Mühsam hob er die Hand vor die Augen. Blut. Wo kam das her? Er wusste es nicht, weh tat alles. Allzu schlimm konnte es nicht sein, sonst wäre er nicht wach geworden. Handy. Der Russe tastete über seine Taschen, aber natürlich war nichts mehr da, kein Handy, keine Brieftasche, keine Pistole. Nicht mal das Schnappmesser, welches er immer in der Hosentasche trug. Scheisse. Verdammte Scheisse.

Wahrscheinlich lag er schon ein Weilchen. Die schwarze Armeehose, welche er meist trug, war aufgeweicht, genau wie das graue… wo zur Hölle war sein T-Shirt? Nicht da. Wann war ihm denn das abhandengekommen? Schon beim Trinken wahrscheinlich, dass ihn die Schokoköpfe auszogen, war doch eher unwahrscheinlich. Hoffte er. Immerhin. Seine Hose trug er, damit konnte alles nicht so schlimm sein. Er tauchte seine Zehen ins Wasser. Okay, die guten Stiefel waren auch fort. Heilige Scheisse. Zum Glück hatte er das Bike zuhause in der Garage stehen.

Wenn er nur nicht so betrunken gewesen wäre. Vielleicht wäre dann alles nicht so schlimm gewesen. Aber gerade konnte Vlad nicht auseinander halten, ob er nun schlimm verprügelt war oder nicht – und wenn ja, wie sehr es wirklich weh tat. Weh tat es, aber wo genau… schwer zu sagen, dafür betäubte der Alkohol seine Sinne zu sehr.

Vielleicht sollte er versuchen, in dieser elenden Pfütze nach Hause zu schwimmen, wenn er schon nicht mehr gehen konnte. Erneut versuchte er hochzukommen, scheiterte aber genauso erbärmlich wie beim letzten Mal und versuchte frustriert mit der Hand aufs Wasser zu schlagen, aber vergass dabei, dass es alles andere als tief war. Es schmerzte. Autsch war wirklich die perfekte Beschreibung.


Bigfoot gibt es wirklich.
Gracie spürte die raue, feste Backsteinwand hinter sich und würde am liebsten mit der Wand verschmelzen. Das war aber nicht möglich, daher machte sich der Rotschopf so klein wie möglich. Mit gerade mal 1,60m war das auch nicht sonderlich schwer. Das Gesicht hinter der tief sitzenden Kapuze zum Teil verborgen, lag der Blick ihrer blauen Augen auf zwei riesenhaften, nackten Füßen. Das war schräg. Richtig schräg. Selbst für diesen Stadtteil. Zugegeben, das war nicht der richtige Ort für ein junges Mädchen von noch (!) sechzehn Jahren, aber sie war hier. Es war zu spät, um abzuhauen und zu dunkel, um sich jetzt noch einen anderen „Unterschlupf“ zu suchen. Eigentlich war diese Seitenstraße hier relativ perfekt. Also … normalerweise. Wenn kein halbnackter Typ mit Riesenfüßen hier in einer Pfütze vegetierte. Es gab eine halbhohe Mauer, über die selbst Gracie schnell abhauen konnte und einen tiefliegenden Eingang, unter dem sie sich vor Regen schützen konnte – denn natürlich musste dieser Mai sich mit Nieselregen verabschieden. Und sie hasste Nieselregen.
Aus ihrem letzten Versteck vertrieben, war ihr also nichts anderes übrig geblieben, als sich einen neuen Platz zum Schlafen zu suchen. Drei Querstraßen weiter hatte sie sich an diese Gasse erinnert und wollte schnurstracks auf diesen eben tiefliegenden Eingang zusteuern, da war ihr dieser am Boden liegende Riese aufgefallen.

Vor Schreck zusammen gezuckt war sie gegen die Wand geprallt, hatte sich die Schulter gestoßen und war wie versteinert – denn natürlich hatte der Kerl sich plötzlich bewegen müssen, als sie unwissend an ihm vorbei gelaufen war.
Dieses primitive Urzeitgestöhne hatte sie beinahe ohnmächtig werden lassen. Als wenn sie irgendwas davon auch tatsächlich verstehen könnte! Das Herz in ihrer Brust pochte heftig, denn aus Reflex ging sie von einer möglichen Gefahr aus. Ein kleiner Teil in ihrem Gehirn wusste, dass sie ihn womöglich fragen sollte, ob er Hilfe benötigte. Womöglich einen Krankenwagen rufen sollte. Oder die Polizei. Aber sie konnte sich nicht von ihrem Platz lösen. Nicht mal, als der Typ ein Lebenszeichen von sich gab. Das einzige, was sie denken konnte war: ‚Hoffentlich ist er nicht tot.‘ Denn mit einem halbnackten Toten würde sie nicht in derselben Gasse schlafen. Wäre er nur betrunken, würde er sie vermutlich nicht mal bemerken. Doch dafür musste sie sich bewegen. Die Hand des Riesen war mindestens genauso groß wie seine Füße. ‚Voll die Pranken‘, dachte sie schockiert und malte sich aus, wie schnell er sie damit zerquetschen konnte.
Innerlich focht ein Kampf zwischen ‚Wir müssen ihm helfen‘ und ‚Nur noch fünf Meter, dann bist du an deinem Versteck‘, als der Typ seine Hand zu seinem Gesicht führte. ‚Du musst ihm helfen Gracie‘, rief ihre Vernunft und zwang sie dazu, sich von der Wand zu entfernen. Für exakt zwei Zentimeter. Wow, großartig. Nur noch ne Stunde, dann hast du ihn erreicht!
Sie konnte beobachten, wie er augenscheinlich versuchte, sich aufzurichten. Das war gut! Dann konnte er vielleicht von allein abhau– Gracie! Tief einatmend trat das Mädchen an den Mann heran. Er hatte keine Haare auf dem Kopf, dafür eine Menge Tätowierungen und eben weder ein Shirt, noch Schuhe. Wenn er nicht schon tot gewesen wäre, dann würde er spätestens an der Lungenentzündung verrecken, wenn er noch länger hier lag.
Sich ein Herz fassend, ruckelte sie ihren Rucksack zurecht und trat an ihn heran. „Hey, vorsichtig!“ mahnte sie ihn und achtete darauf, nicht zu nah an ihn heran zu kommen. „Du siehst ziemlich übel aus.“ Im Licht der kleinen Lampe, die in der Gasse an der Wand hing, konnte sie mindestens eine Platzwunde über der Braue und etwas Blut an der Nase erkennen. „Tut dir irgendwas weh?“ Denn wenn er doch stärker verletzt sein sollte, musste sie den Krankenwagen rufen.


Vlad blickte mit einem Auge auf und fragte sich, wo die drei rothaarigen Mädels herkamen. Vielleicht war er ja schon ins Jenseits hinübergewechselt und wurde mit schönen Jungfrauen empfangen. Nicht, dass er glaubte, dass es ein Leben nach dem Tode gab, aber wenn doch, dann wäre das hier doch gar nicht schlecht. Mies wäre allerdings, wenn er dort noch immer in der Pfütze liegen würde. Das wäre geradezu scheisse. Das war nicht akzeptabel. Also bemühte er sich wohl besser um den Gedanken, nicht tot zu sein, sondern bloss Gesellschaft bekommen zu haben. Immerhin war die nicht schwarz und männlich, das wäre viel, viel unangenehmer. Vielleicht war das ja einer von Chibs Engeln.

Er schloss das Auge wieder, nur um dann beide aufzumachen. Jetzt sah er nur noch ein Mädchen. Irgendwie war das schief, fand er, machte eines nochmals zu, doch es blieb bei einer Person. Scheisse. Hätte er mal besser einfach gar nicht zwischen den Augen gewechselt beim Umschauen. Er sah also übel aus. So fühlte er sich auch. Entsprechend nickte er auch vorsichtig, als die Stimme, die wohl zu der roten Schönheit gehörte, fragte, ob ihm etwas weh täte.

„Da…“, erwiderte er, automatisch russisch redend. Das passierte ab und zu, wenn er zu sehr betrunken war und sein Denkzentrum gerade nicht wirklich funktionierte. Dann griff der Körper eben auf das zurück, was am natürlichsten und einfachsten funktionierte. Und das war russisch. „Bcë…“

Das hübsche Gesicht kam näher und eine schlanke Hand griff nach seiner Schulter. Vlad erwartete eine angenehme, federleichte Berührung und hatte ganz und gar nichts dagegen. Das war ganz im Gegenteil eine verdammt gute Vorstellung. Und passte doch in eine gute Geschichte. Held wurde in der Gasse niedergerungen und dann von einer schönen Jungfrau gefunden und gepflegt. Als ihre Finger dann jedoch seine Haut berührten, schrie er auf, als ein elektrischer Schock einmal quer durch seinen Körper und auch über den Wasserfilm auf seiner Haut lief.

„BLJAD!“, fluchte er und zuckte einige Male, während er wieder versuchte, sich aufzurichten. Einen guten Effekt hatte die Sache aber. Der Schock reichte, um den Körper erneut Adrenalin ausschütten zu lassen, was den Effekt vom Alkohol für den Moment unterdrückte. „Scheisse, verdammt, hast du mich getasert?“

Wohl kaum, dachte er sich, denn bei einem Taser wäre er jetzt ausser Gefecht gewesen. Er zuckte erneut, während sich die Energie aus dem Körper verflüchtigte. Seine Fingerspitzen kribbelten. Okay. Das war schmerzhaft. Der Effekt aber irgendwie cool. Wacher fühlte er sich jetzt auf jeden Fall. Er lag in einer Pfütze. Nachts. Halbnackt. Es war ziemlich kühl, also befand er sich wohl schon ein Weilchen hier, denn wegen den blossen Temperaturen konnte es nicht sein. Aber das Wasser sog die Wärme geradezu aus dem Körper. Er musste aus dieser Pfütze raus, in welcher er lag wie ein Fisch auf dem Halbtrockenen. Wahrscheinlich sahen danach auch seine Bemühungen aus, denn er fand keinen Halt auf dem Boden und es war mehr ein Zappeln denn etwas anderes, was er da vollführte.


Großartig. Er sprach nicht mal ihre Sprache. Das machte alles ja so viel einfacher. Zynisch blickte sie auf ihn runter und wiederholte. „Has du Schmerzen?!“, dieses Mal aber deutlich lauter — was ihr dann ziemlich dumm vorkam, denn selbst wenn sie lauter sprach, würde er sie trotzdem nicht verstehen. Den Kopf über sich selbst schüttelnd legte sie eine Hand auf seine Schulter, sie wollte ihm bloß zeigen, dass sie ihm nicht wehtun wollte. Doch stattdessen spürte sie ein Kribbeln in ihren Fingern. Bemerkte erst zu spät, was sie da eigentlich tat. Grace wusste, was sie mit Körperkontakt anrichten konnte. Was es für Auswirkungen hatte Sie hatte damit schon viel schlimmere Dinge getan, das wusste sie auch. Kurz schob sich die Erinnerung an den Stromausfall im Einkaufscenter in den Mittelpunkt, was zur Folge gehabt hatte, dass sie und alle Besucher für mehrere Stunden eingesperrt gewesen waren. Gut, sie hatte sich etwas zu Essen beschaffen können – aber grundsätzlich war das nicht so cool ewesen. Natürlich war es etwas anderes, eine Person unter Strom zu setzen, als den Spannungskreislauf eines Hauses außer Gefecht zu setzen!
Doch in diesem Moment, hier in der regennassen Gasse hatte sie einfach nicht daran gedacht. All ihre Aufmerksamkeit lag auf dem Typen und ob von ihm eine Gefahr ausging. Dass sie ihn nun verletzte, weil sie ihn berührte, das tat ihr sehr leid.
Glücklicherweise war es nur ein leichter Schlag, der ihn zwar heftig zucken ließ, aber ihn nicht tötete. Immerhin etwas. Etwas Gutes hatte es dann aber doch… „Scheisse, verdammt, hast du mich getasert?“

HAH! Er sprach also doch ihre Sprache! Gracies Augen weiteten sich noch ein kleines Stück, während sie schon zurückgewichen war und betrachtete seine Schulter. Nein, es waren keine Brandspuren dort zu sehen. Sofort machte sich ein bisschen Erleichterung in ihr breit. Er war noch am Leben und er konnte sich aufrichten – oder auch nicht. „T-T-tut mir leid!“ haspelte sie hektisch und griff noch einmal nach ihm. Aus purem Reflex! Ihre Finger umfassten seinen Oberarm und wollten ihn nach oben ziehen, so dass er sich aufsetzen konnte.
Dass sie ihm wieder einen Schlag verpasste war wohl keine Überraschung. Ihrer beider Haut war nass, sie war nervös und er nicht gerade Stromresistent. Aber immerhin schaffte sie es, dass er sich aufrichten konnte. Auf Entschuldigungen verzichtete sie vorerst. Da würden vermutlich noch einige kommen… „S-Soll ich einen Krankenwagen rufen?“ fragte sie stattdessen, nun sicher, dass er sie verstehen konnte. „V-Vielleicht musst du zu einem Arzt.“ Wenn du ihn häufiger unter Strom setzt, ganz bestimmt, dachte sie und schluckte hart. Vielleicht sollte sie ihn einfach hier liegen lassen. Es kam sicher jemand vorbei, der ihn nicht wie auf dem elektrischen Stuhl briet. Doch irgendwas hielt sie davon ab, zu gehen. Jemand würde es später als Menschlichkeit beschreiben, weil sie ihn nicht einfach liegen ließ, obwohl sie ihm Schmerzen verursachte.

„Kannst du aufstehen?“ Die Worte verließen ihren Mund, nachdem sich sein Zucken einigermaßen gelegt hatte. Vielleicht hatte sie ja Glück und er wohnte hier irgendwo in der Nähe. Dann würde sie ihn zuhause abliefern und sich dann verziehen. Sich irgendwo was suchen, wo sie sich verstecken konnte.


Gerade als er ein klein wenig Halt auf dem Boden gefunden hatte, unterminierte das Mädchen seine Bemühungen erneut, indem sie versuchte, ihm hoch zu helfen. Erneut fuhr ein elektrischer Schock durch den muskulösen Körper. Alles Training half nicht gegen Stromstösse, wie der Russe gerade feststellen durfte, als zuckend die Hände krampfhaft an den Körper zog. Es dauerte einige Augenblicke, bis sich die Spannung wieder regulierte und er die verkrampfte Haltung wieder lösen konnte. Yeah. Grossartige Hilfe. Sie taserte ihn nicht einmal. Sie taserte ihn zweimal.

Aber nein. Er hatte doch vorhin schon festgestellt, dass sie ihn nicht angegriffen hatte, denn dann wäre er einfach platt gewesen. Es geschah… durch ihre Berührung? Mutantin? Auch das noch. Er fühlte sich so gar nicht diensttauglich. Ganz im Gegenteil fand er, er hatte mindestens eine Woche Urlaub zu Gute. Wahrscheinlich sah Chibs das anders. Meistens war er nicht so gnädig, wenn jemand wegen Suff einen freien Tag haben wollte und vertrat die Meinung, dass Männer, die saufen konnten, auch genug Ausdauer zur Arbeit hatten. Vlad hasste solche Tage und wusste, dass der nächste so einer sein würde.

„Ich brauch keinen Arzt.“, knurrte Vlad. Er brauchte keinen verdammten Krankenwagen und keine Leute in weissen Kitteln. Er brauchte ein Bett und am besten noch einen Wodka. Und vorher vielleicht eine Dusche, das wäre auch nicht schlecht gewesen. Wenn ihn Dick oder Doll oder Beans abholen konnten… das wäre perfekt. Aber sein Handy war weg, das wusste er schon. Das Mädchen hatte ja davon gesprochen, einen Krankenwagen zu rufen, vielleicht hatte sie also eins.

„Hast du ein Telefon?“, fragte der Russe und schaffte es nun endlich, sich noch einmal herumzuwälzen und entsprechend der Pfütze zu entkommen. Er was triefend nass. Vlad hasste das Gefühl von nassen Unterhosen, welches er gerade jetzt wahrnahm und das sich zu dem Gefühl vom Suffkopf und dem von Autsch gesellte. Eine tolle Gesellschaft, wirklich. Wenn das Mädchen jetzt jemanden anru… nein, konnte sie nicht, antwortete sie, kein Handy. Scheisse. Ihm war schwindlig und sein Schädel dröhnte. Blut lief ihm ins Auge. Die Anstrengung, auf allen vieren zu kauern, liess die Muskeln zittern. Vorsichtig verlagerte der Russe sein Gewicht, bis er kniend und auf den Füssen sitzend, aber immerhin aufgerichtet war. Er wischte sich das Blut aus dem Augenbereich.

„Weisst du… wo genau wir sind?“, fragte er dann als nächstes. Vielleicht waren sie ja nicht weit von seiner Wohnung oder aber vom Club, wo auch immer die Jungs ihn in die Gosse geworfen hatten. Und so oder so wäre es sicher nicht schlecht, wenn er irgendwo hin kam. Lieber Club als Wohnung, denn die war im fünften Stock und hatte keinen Lift. Ob er in seinem Zustand eine Treppe schaffte, was mehr als fragwürdig. Ausserdem waren im Club sicher Leute, die ihm helfen konnten. Dieses Mädchen hier konnte ihn wahrscheinlich nicht mal stützen, dafür war es viel zu klein und sicherlich auch zu wenig kräftig. Abgesehen davon, dass sie ihn dabei andauernd tasern würde.


„Ich brauch keinen Arzt.“
Irgendwas an der Art, wie er es sagte, passte der Rothaarigen nicht. Entweder lag es an seinem Akzent oder aber er knurrte sie wirklich an und das fand Gracie in Anbetracht der Tatsache ziemlich unfreundlich! Entrüstet zog sie die Brauen zusammen, und sah ihm in die Augen. Er saß, sie war in der Hocke – und er war trotzdem größer als sie. „Aber du bist verletzt“, warf sie ein und hielt an sich, ihn noch einmal abzustützen. Musste ja nicht sein, dass sie ihn ein drittes Mal unter Strom setzte – ob er ihr das noch einmal als Versehen abkaufen würde? Vermutlich nicht. Und weil sie immer noch kein Interesse daran hatte, von seinen Pranken zerquetscht zu werden (sie war sich sicher, dass er das auch im betrunkenem Zustand konnte), legte sie ihre Hände kurzerhand auf ihre Knie. Saß da wie ein Vögelchen, das auf die streunende Katze herunter blickte, bereit, jederzeit wegzufliegen. „Hast du ein Telefon?“ Den roten Schopf deutlich schüttelnd, wandte er natürlich gerade den Blick ab, so dass sie doch ihre Stimme hervorkramen musste. „Nein, sorry.“ Sie wäre in den nächsten Laden hier um die Ecke gerannt, um von dort einen Rettungswagen zu rufen. Das ging meistens ganz gut. Sie war ein junges Mädchen und man glaubte ihr – in den meisten Fällen.

Mit anzusehen, wie er sich auf alle Viere wuchtete kam der Geburt eines Nilpferds gleich. Gut, sein Grunzen war nicht ganz so tief und animalisch, aber er war groß und er war überall nass … Woher sie wusste, wie ein Nilpferd seinen Nachwuchs gebar, konnte sie zwar nicht sagen … Aber das war auch nicht wichtig. „Ich finde immer noch, du solltest in ein Kr—“ – „Weisst du… wo genau wir sind?“ Er fuhr ihr einfach so über den Mund, was wohl deutlich machen sollte, dass er wirklich keinen Arzt wollte. Verdammt, er war so stur … Gracie kratzte sich an der Stirn und trat auf ihn zu. Reichte ihm den Arm – nicht die nackte Hand, um ihm beim Aufstehen zu helfen. Irgendwie musste es doch gehen. „Wir sind in der Morris Park Avenue, Ecke Taylor Avenue“, erklärte sie und deutete mit einer Hand hinter sich. „Nicht weit von hier ist die Evangelical Bible Church. Und nun pack endlich zu, damit wir dich aufrichten können.“ Interessierte ihn wahrscheinlich nicht, aber Grace benutzte die Kirchen oft als Anhaltspunkt. „Wo musst du hin?“ fragte sie und ächzte unter dem Gewicht des Russen, als er sich bei ihr abstützte und sie ihre Füße fest in den Boden stemmte, um ihm aufzuhelfen. Ihre unteren Rückenmuskeln schrien auf vor Anstrengung und ihr Arm, an dem er sich festhielt, zitterte vor Anspannung. Wieso musste der Kerl auch so betrunken sein? Dass er es war, war kein Geheimnis. Er lallte immer noch leicht, hatte Schwierigkeiten aufzustehen. Das machte natürlich alles viel leichter, ha ha ha. „Wie gut, dass du kein großer, wuchtiger Kerl bist, sonst wär das ja alles richtig schwer“, murmelte sie angestrengt bei sich und achtete darauf, ihre Hände unter dem Saum ihrer Ärmel zu verbergen. Vielleicht konnte sie ihn mit kleinen Stromschlägen nach Hause jagen? Okay, das wäre gemein – aber sicher effektiv.


Genau. Er war das reinste Federgewicht, nicht zwei Köpfe grösser als dieses Mädchen und auch nicht doppelt so breit. Mühsam kam er hoch, seine prankenhafte Hand auf ihre Schulter gelegt und darum bemüht, der Kleinen nicht ZU viel zuzumuten. Okay, nicht noch viel mehr zu viel. Das konnte nicht angenehm sein. Allerdings war es auch scheisse, wenn er hier liegen blieb. Verdammt, war ihm schlecht. Das Schwindelgefühl war immer noch vom Adrenalin verdrängt, aber… nein, er fühlte sich alles andere als gut. Mit trägem Kopf versuchte er sich zu orientieren. Okay, sie waren nicht so weit vom Club entfernt. Er richtete seinen Blick auf die nächste Ecke und versuchte sie zu fokussieren. Er kannte sich in dieser Gegend doch gut aus, das musste… na ja… aber diese Ecke waren zwei Ecken und wahrscheinlich kam er so nicht voran. Besser, er liess das Mädchen entscheiden, wo sie entlang gingen.

„Van… Van Nest Ave, Ecke Paulding.“

Oder? Super, das würde ein Theater geben. Er kam nicht nur verdroschen und voll betrunken in seinen Club, nein, er war auch noch halb nackt, blutete im Gesicht und wurde von einem kleinen Mädchen nach Hause gebracht. Vielleicht blieb er doch besser hier liegen. Das Gespött würde ihn ewig begleiten, das war klar. Andererseits war es besser, wenn er irgendwo rein kam. Er war betrunken und solange das der Fall war, konnte er nicht mit Sicherheit sagen, ob er wirklich okay war.

Am Einfachsten wäre gewesen, er hätte sich ein Taxi rufen lassen, aber ihm war klar, dass niemand ihn so mitnahm. Wer glaubte schon einem Kerl wie ihm, dass er ausgeraubt worden war und am Ziel der Club wartete, der ihm gehörte? Ja, klar. Sehr glaubwürdig.

Vlad schwankte und lehnte sich gegen die Wand. Die war deutlich stabiler als die Kleine und wahrscheinlich war sie auch ganz froh, wenn sie entlastet wurde. Er musste erst einmal seinem Kreislauf gestatten, das Blut bis zu seinem Kopf hochzupumpen. Möglicherweise wurde es dann etwas besser mit seinem Gleichgewicht.

„Weissu…“ – verdammt, lallte er so schlimm? – „Weisst du“ – ja, schon besser – „wo lang?“

Er wusste es nämlich nicht. Auch nach zehn Sekunden an der Wand lehnen wusste er es nicht und fühlte sich ungefähr so selbstständig wie ein Kleinkind. Das wurde ja immer schlimmer. Sehr viel schlimmer. Er musste unbedingt die letzten paar Meter allein gehen, falls die Kleine ihn wirklich zum Club verfrachtete.


Ihre Oberschenkel brannten förmlich, weil sie sich so dermaßen in den Boden stemmen musste. Ihr zynischer Kommentar entging ihm glücklicherweise, aber sie würde dran denken, wenn ihr morgen alle Muskeln im Körper wehtun würden. Ich hätte ihn liegen lassen sollen, dachte sie bitter und beobachtete ihn, wie er leicht schwankend auf den Füßen stand. „Van… Van Nest Ave, Ecke Paulding.“, antwortete er auf ihre Frage mit seiner brumenden Stimme und entlockte dem Mädchen ein Seufzen. Zum Glück war das nicht weit entfernt. Vielleicht zehn Minuten – wenn man denn nüchtern war. Vermutlich würden sie über eine Stunde brauchen, ehe sie auch nur ansatzweise die Van Nest Ave erreicht hatten. Großartig. Oder auch nicht. Eigentlich war der Weg dorthin ganz einfach, aber man konnte ja nie wirklich wissen, was unterwegs noch alles geschah – zumal der Typ nicht mal Schuhe hatte! Wo zum Teufel waren seine Schuhe? Wer klaute so was? Brauchte da jemand Kindersärge oder ein Kanu oder was hatten sie damit vor? Grace verstand nicht, wieso man jemandem Schuhe stahl, nachdem man ihm zugesetzt hatte.

„Weissu…Weisst du wo lang?“
Der Riese lehnte sich gegen die Mauer, was Gracie nutzte, um ihren Arm zu reiben. Mann, der Kerl war aber auch schwer! Wie sollte sie ihn nach Hause kriegen? Schleifen? Vielleicht rollen? Nach ein paar Anläufen schaffte er es, die Worte richtig aus seinem Mund zu bringen. Grace nickte vorerst, ehe ihr einfiel, dass sie vielleicht lieber Laute benutzen sollte, damit er sie auch verstand. „Ja, ist nicht weit von hier“, erklärte sie also. Es würde eine verdammt lange Nacht werden, und das obwohl sie eigentlich nur hatte schlafen wollen.
„Schaffst du das?“ fragte sie, nachdem sie ihn gemustert hatte. Er sah nicht unbedingt so aus, aber die Option, im Regen auf der Straße zu bleiben war auch nicht wirklich attraktiv, deswegen sie schon die Meinung vertrat, dass er nach Hause gehörte, egal wie viel Anstrengung es kostete. Prüfend hielt sie drei Finger hoch und fragte: „Wie viele Finger sind das?“ Die Antwort war nicht sechs, aber das ließ sie mal gelten, seufzte gedehnt und zog die Ärmel ihres Parkas über die Hände, damit sie ihn ein bisschen stützen konnte und legte ihm eine Hand um den Rücken. Einen seiner Arme manövrierte sie über ihre Schulter und stützte seine Hand mit ihrer. „Wenn wir langsam gehen, schaffen wir das schon, huh, Großer?“ fragte sie und lachte leise.
War nicht unbedingt die gängigste Art, sich kennen zu lernen, aber in New York war ja prinzipiell alles möglich, nicht wahr?

Schritt für Schritt kamen sie dem Ende der Gasse immer näher. Gracie achtete darauf, dass ihre Finger unter dem Stoff verborgen blieben. Was würde sie jetzt für ein paar Handschuhe geben, dachte sie verkrampft und lenkte den Russen in die richtige Richtung. Glücklicherweise waren sie auf der richtigen Straßenseite, mussten also nicht die große Hauptstraße überqueren, denn das würde den Verkehr vermutlich ewig stauen. Ihr stand nicht die Lust danach, Frogger zu spielen. War auch so schon alles gefährlich genug. „Wie heißt du eigentlich?“ fragte sie ihre ‚Begleitung‘, denn sie hatte keine Lust darauf, dass er sie unter sich begrub weil er wegnickte oder so. Klar konnte sie ihm immer noch einen Stoß verpassen, aber wäre das so hilfeich? Blieb abzuwarten. „Ich bin Grace“, schob sie noch hinterher und linste dann zu ihm hoch. „Sag bitte vorher Bescheid, wenn du kotzen musst, ja?“


Vlad fand die Frage nach der Anzahl Fingern nur dann lustig, wenn er selbst nüchtern und Dick, Chibs oder Beans es waren, die so sternhageldicht waren, dass sie das nicht mehr erkennen konnten. Wenn er selbst auf dieser Seite des Spielchens stand, fand er es blöd. Leider konnte sich der, welcher betrunken war, nur schlecht dagegen wehren, weil er automatisch darüber nachdachte, wie viele es nun waren. Zuerst schaute Vlad also hin und versuchte zu zählen, dann sparte er sich das aber und schätzte. Fünf waren es kaum, zwei schien ihm zu wenig zu sein, also tippte er auf vier. Die Kleine sagte nichts dazu. Entweder lag er himmelweit daneben oder aber er hatte es getroffen. War ja auch egal.

Einen Fuss vor den anderen setzend – eine ziemliche Arbeit für sein in Alkohol getränktes, motorisches Zentrum – schleppte sich Vlad die Gasse entlang. Einen Arm hatte das Mädchen um sich gelegt, was gar nicht schlecht war, wie der Russe fand, die Hand des anderen folgte der Backsteinmauer, sicher war sicher. Ja, irgendwie würden sie das also schon schaffen. Vlad grinste. So betrunken war er schon lange nicht mehr gewesen und eigentlich war das ja ganz witzig. Wäre Chibs hier und in genau dem selben Zustand, wären sie jetzt wahrscheinlich in Gelächter ausgebrochen. So aber grinste der Russe nur stumm vor sich hin und wurde erst von der Frage, wie er eigentlich heisse, wieder aus seiner stummen Belustigung geweckt.

„Kannst mich Vlad nennen.“, antwortete er lallend. Grace. Die Schönheit hiess also Grace. War ja ganz passend. Eigentlich, so dachte er sich, war es ziemlich mutig von ihr, ihn aufzugabeln. Selbst in seinem jetzigen Zustand war er immer noch gross, stark und viel zu schwer, als dass sie ihm etwas hätte entgegensetzen können. Natürlich, sie hatte den eingebauten Taser. Okay, das mochte vielleicht gelten. Trotzdem… Er war zwar ein ziemlich friedlicher Betrunkener, ganz entgegen allen Vermutungen von anderen, aber…

Er verlor den Gedanken wieder, als er die Hauswand mit der linken Wand ebenfalls verlor, weil sie aus der Gasse hinaustraten. Vlad schwankte gefährlich und sein Griff um die Schulter des Mädchens verstärkte sich für einen Augenblick, ehe er sein Gleichgewicht wiedergefunden hatte. Das würde ein verdammt langer Heimweg werden.

„Kannsch mich auch irnwo in ’ne Ecke schetzschen. Schlaf ich mein’n Rausch aus…“, schlug der Russe vor. Er hatte schon jetzt herzlich wenig Lust, weiterzugehen. Seine Füsse waren unendlich schwer und jetzt, da Grace vom Kotzen gesprochen hatte, war ihm tatsächlich plötzlich speiübel, als wäre seinem Körper plötzlich die Idee gekommen, dass die Kleine recht hatte. „Uh.. geh zur Seite.“

Seine Hand streckte sich nach der nächsten Hausecke aus – immerhin war die Gasse nicht breit – und beugte sich nach vorn, um gleich darauf gnadenlos alles, was irgendwie in seinem Magen war, auszuspucken. Vlad hasste das. Alkoholverschwendung.


Vlad also. Tonlos formte sie den Namen mit ihren Lippen und speicherte ab, dass dieser riesige, tätowierte Kerl mit fehlender Kopfbehaarung Vlad hieß und russischer Abstammung war. Seine prankenartigen Hände stützten sich an der Wand ab, nahmen ihr glücklicherweise etwas von seinem Gewicht und halfen ihr, sich fort zu bewegen. Es war wirklich anstrengend und vermutlich würden ihr morgen alle Muskeln wehtun. Dieser Plan funktionierte zumindest solange, bis sie die Gasse verließen und sie mindestens zwei Ausfallschritte machen musste, um den Riesen abzufangen. Zwar fühlte es sich an, als würde er ihr dabei die Schulter brechen – aber zumindest fielen sie nicht hin.
Seinen Vorschlag, ihn einfach irgendwo abzusetzen war nun nicht gerade sehr hilfreich, denn dann hätte sie ihn auch in der Gasse liegen lassen. „Und dann?“ fragte sie ihn, wohlwissend, dass er vermutlich eh nicht kapierte, worauf sie hinaus wollte. Vorerst hatten sie jedoch noch ein ganz anderes Problem – eines von der Sorte: ekelhaft und widerlich. „Ugh, geh zur Seite!“

Bigfoot kotzte ihr vor die Füße.
Sie musste nicht mal hinsehen, um das zu kapieren. Das widerliche Platschen von Erbrochenem auf Asphalt war verräterisch genug. Angewidert schloss Gracie die Augen und zog eine Grimasse. Hoffte, dass er ihre Schuhe verfehlt und dafür den Gehweg erwischt hatte, denn sie wollte nicht nach Kotze riechen – selbst, wenn es vermutlich nur Alkohol war. „Dein Ernst?“ fragte sie – und es war so viel Sarkasmus in diesen beiden Worten, dass man es nur unschwer überhören konnte. „Du … Ich … das … Gaawd!“ Genervt pustete sie sich eine Strähne aus dem Gesicht, stützte den Russen mit beiden Händen ab, wohlwissend, dass er sein Gewicht gerade von allein trug, aber jederzeit umkippen könnte.
„War’s das, oder kommt da noch ne Runde?“
Nicht, dass sie das brennend interessierte – aber der Rotschopf wollte ungern eine Kotzspur hinter sich her ziehen. Reversed Hänsel und Gretel oder was auch immer – bloß ’ne Spur ekliger. „Weil wenn ja … dann lass uns weiter. Das Zeug stinkt.“

Sie kämpften sich die Straße entlang. Mehr wankend als gehend und wenn eine Gerade als Schlangenlinie durchgehen konnte, dann definitiv auf kürzestem Weg.
Zehn Minuten später mussten sie um eine weitere Ecke – aber der Große wollte nicht ganz so, wie sie. Es schien, als würde sein Körper von der anderen Seite angezogen werden. Gracie schob und drückte den massigen Kerl in die entgegengesetzte Richtung – zumindest so gut, wie es mit Schultern und Ellenbogen ging. Laute der Anstregung verließen ihre Lippen, ehe sie frustriert fluchte. „Verdammt noch mal Vlad! LINKS!“ Und dann tat sie etwas, das seinen Widerstand definitiv brechen würde: sie legte ihre nackte Hand auf seinen unteren Rücken und jagte einen Stromschlag ganz bewusst durch seinen Körper, um ihn in die Straße zu schicken, die sie entlang gegen mussten. „‚tschuldige, aber … wer nicht hören will, muss fühlen!“, nuschelte sie und führte ihn zur Häuserfassade, damit er sich kurz abstützen konnte.


Klar konnte er weiter. Kotzen half insofern, dass der Alkoholnachschub für’s Blut nicht mehr gewährleistet war und die Trunkenheit sich endlich langsam aber sicher abbauen konnte. Vlad wischte sich mit dem Arm den Mund ab und dann wiederum den Arm an der Hose, war ja auch egal. Alles patschnass, alles dreckig. Und besser die Kotze an der Hose als im Gesicht. Immerhin war ihm jetzt nicht mehr schlecht, das war ein absoluter Fortschritt. Ansonsten fühlte er sich scheisse. Sehr scheisse sogar.

Spontan merkte der Russe, wie durstig er war, nicht nach Vodka, sondern nach Wasser. Wieder stützte er sich halb auf Gracie ab und halb an der Wand und schwankte so weiter vorwärts. Der Schmerz in seinem Körper nahm zu. Besonders sein Kopf begann gnadenlos zu dröhnen. Wenn er sich nur erinnern könnte, wer ihn so zugerichtet hatte. Dann wäre wenigstens klar gewesen, beim wem er sich früher oder später revanchieren musste. Gracie sagte irgendetwas, das er nicht verstand, wiederholte es wohl – und versetzte ihm dann wieder einen Stromschlag. Er stolperte, ging beinahe zu Boden. Verdammte Scheisse! Wenn sie das noch oft tat, dann würde er sie an die Wand klatschen und zu Brei kneten. Er schlug schliesslich keine Frauen.

Wessen Glück es nun war, dass zwei Strassen weiter endlich das Leuchtschild des ‚Biker’s Lady‘ sichtbar wurde, konnte Vlad nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht ihrer beider, denn zumindest er war verdammt froh, als sie endlich bei der Hintertür standen (Grace hatte ihn unterwegs noch zweimal getasert, einmal, als er nicht mehr hatte weitergehen und sitz setzen wollen, einmal versehentlich – sagte sie.) und er nach der Türklinke greifen konnte. Er verfehlte sie und erst als das rothaarige Mädchen gnädigerweise öffnete, konnte er reinstolpern, durch die nächste, zum Glück nur angelehnte Tür fallen und neben dem Sofa im Aufenthaltsraum für das Personal fallen. Mel quietschte erschrocken und sprang aus dem Sessel auf.

„Vlad!“

Ihre Sorge verging aber schon wieder deutlich, als sie näher trat, schnupperte und erkannte, dass er nicht nur Dresche eingesteckt hatte, sondern auch hackedicht war. Sie liess ihn liegen (auf dem Bauch lag er gut, selbst wenn er kotzen musste) und wandte sich stattdessen an Grace, um sie von oben bis unten zu mustern. Sie schien ihr ziemlich zerrupft zu sein, nass und abgekämpft. Kein Wunder, wenn sie gerade die gewesen war, welche den volltrunkenen Russen nach Hause gebracht hatte. Mel selbst war wie immer gut gekleidet, passend für den Bikerclub, und hatte ihr langes, relativ dunkles Haar zu einem Knoten hochgesteckt.

„Bist du der neue Kinderhütedienst?“, fragte sie schliesslich, während ihre eine Augenbraue etwas nach oben wanderte, doch ihre Stimme klang nicht unfreundlich oder gar ablehnend. „Pass‘uf, sie hatn Tasr…“, murmelte der Russe vom Boden her, erntete aber von der brünetten Schönheit nur einen mitleidigen Blick.


Es glich einem Wunder.
Ehrlich – Gracie hatte für eine Weile geglaubt, dass sie vermutlich niemals hier ankommen würden. Dass er auf halber Strecke doch den Geist aufgeben würde. Dass er sich einfach fallen ließ und dort schlief, bis der Rausch verschwunden war. Aber das Durchhaltevermögen des Russen und die Aussicht auf das eigene Bett waren wohl genügend Ansporn, um sich nach der Kotzerei noch mal aufzuraffen und weiter zu gehen. Dass man sich nach dem Erbrechen besser fühlte war etwas, das sie gerade nicht beurteilen konnte, einfach weil sie noch nie betrunken gewesen war.
Als sie mit schmerzenden Armen die Tür geöffnet hatte (eigentlich hatte sie gedacht, es wäre seine Wohnung … aber vielleicht vermischten Alkoholiker dieses Wissen ja manchmal miteinander?) und er praktisch durch sie hindurch fiel (im übertragenem Sinne), machte sich eine große Erleichterung in ihr breit. Sie hatte Vlad an einen Ort gebracht, an dem man ihn kannte. Zumindest die Frau, die dort aufgesprungen war und seinen Namen rief, schien ihn zu kennen.

Ihr Atem ging etwas schwerer, durch die Anstrengung war sie nun ziemlich erledigt. Am liebsten würde sie sich jetzt irgendwo zusammen rollen und schlafen. Vlad schien bereits eine für ihn perfekte Position gefunden zu haben. Ein bisschen neidisch lugte sie zu ihm herüber, traute sich jedoch nicht, die Frau vor ihr anzusehen. Sie sah sehr gut aus. Gepflegt und schönes Haar. Grace sah gerade ziemlich fertig aus. Nass, erschöpft … Ob sie der neue Kinderhütedienst sei? „Erm …“, machte sie, doch Vlad nuschelte etwas von der Seite. Klar, brüll es raus! Setz es in die Zeitung!, schoss es ihr grimmig durch den Kopf.
„Ich hab ihn gefunden. Scheinbar haben ein paar Typen ihn zusammengeschlagen und ausgeraubt.“
Und dann erzählte sie Mel, wie sie sich vorstellte, die Geschichte. Wie sie ihn aufgegabelt und hierher gebracht hatte. Dass sie ihn nicht einfach hatte liegen lassen wollen und dass er sich angestrengt hatte, ihr den Heimweg nicht ganz so schwer zu machen. Mel musste zwischendurch immer mal wieder leise lachen, doch Gracie wusste nicht, wieso. Ob es daran lag, dass ihr Boss, wie ihr gesteckt wurde, sich von einem kleinem Mädchen hatte helfen lassen müssen oder dass er sich hatte aufmischen lassen … darüber urteilte die Rothaarige nun nicht.

„Jedenfalls … da hast du ihn. Er sollte sich mal von einem Arzt anschauen lassen. Da war ziemlich viel Blut.“ Konnte auch vom Regen so ausgesehen haben, der sich mit dem Blut vermischt hatte. Aber sie war kein Arzt und soweit sie das sah, war Vorsicht besser als Nachsicht. „Nur für den Fall…“, schob sie nuschelnd hinterher und blickte betreten auf den Fußboden. „Also dann Vlad … mach’s gut.“ Damit wollte sie sich umdrehen und gehen – denn für sie gab es hier ja nichts mehr zu tun, richtig?


Mel amüsierte sich köstlich. Wirklich äusserst köstlich. Vlad Kozlow, der grosse Frauenaufreisser und Chauvinist, grösster Fisch im Teich mit Fäusten wie Panzerhandschuhe, liess sich nicht nur verdreschen – das konnte man bei einer gewissen Übermacht sogar noch akzeptieren – nein, er liess sich von einem minderjährigen Mädchen, das vielleicht halb so viel wog wie er (wenn überhaupt) in den Club schleifen, lag auf dem Boden rum, stank nach Schnaps und Kotze und … das Lachen der Frau war glockenhell. Es war köstlich. Natürlich, er würde einen Arzt kriegen und ihn auch selber bezahlen, aber das würde sie nie, NIE vergessen.

Und sie würde es noch lange als Druckmittel gegen ihn verwenden, wenn er nicht wollte, wie sie wollte, so einfach war das. Natürlich zog sie jetzt nicht los und tratschte es herum. Das wäre dumm gewesen. Es konnte ganz schön sein, etwas in der Hand zu haben, mit dem man den eigenen Chef etwas lenken konnte – und wenn dieses etwas nicht zwei schöne Brüste und ein wenig Hingabe war.

Als das Mädchen dann aber verschwinden wollte, hoben sich die Augenbrauen der dunkelhaarigen Schönheit etwas an. Patschnass, draussen ein kühler Wind, verdammt spät abends – und ein Mädchen, das wohl noch keine sechzehn war? Draussen? Hier in der Bronx? Grossartige Idee. Konnte Vlad ihr ruhig auch eine Unterkunft und eine Mahlzeit bezahlen, befand sie.

„Bist du sicher? Keine gute Gegend hier. Willst du dich nicht erst mal aufwärmen und was essen? Hab‘ auch ein paar trockene Klamotten hier.“

Klar, war vielleicht nicht einfach nur ein angenehmes Angebot in so einer Gegend, aber Mel glaubte wirklich, dass es hier drinnen sicherer war als draussen. Und wärmer allemal.

„Du hast den Chef der Bude heimgeschleift, da kann der auch ruhig was für dich tun. Auch wenn er’s nicht mitkriegt.“, fügte sie noch erklärend an. Vlad versuchte sich herumzuwälzen, rutschte aber mit seiner Hand auf der Wasserlache, welche sich unter dem patschnassen Körper bildete, aus und hatte ungefähr die Wirkung eines Fisches im Trockenen. So war er sich schon mal vorgekommen an diesem Abend, da war er ganz sicher. Aber immerhin regnete es nicht mehr.

Autsch. Ja, bei Autsch war er auch schon mal gewesen. Wahrscheinlich blieb er besser einfach liegen. Hier war es warm und eigentlich ganz okay. Der leicht angehobene Kopf fiel zurück und prallte mit einem leisen ‚Klonk‘ auf den Linoleum-Boden. Ja, hier war es ganz gut, hier würde er erst einmal bleiben.

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