Make or Brake
13.4. | BRONX

VLAD:
Als Vlad aus dem Fenster schaute, war er ein wenig irritiert, doch seinem kantigen Gesicht war nichts davon anzusehen. Er hatte ein Element des Rollladens leicht angehoben, als er draussen eine bekannte Stimme zu hören geglaubt hatte und war nicht enttäuscht worden. Der Bursche, der draussen gerade mit zwei jungen Schwarzen aneinander geraten war, war der, welcher seit Neustem sein Sohn war. Das war wirklich ein Scheissjob, wie Vlad fand. Nicht mal unbedingt die Vaterseite, sondern die des Sohnes. Na ja, da musste Lucas jetzt durch.

„Kennst du das Weissbrot, Bro?“, fragte Ilay, welcher sich neben ihn geschoben hatte. Er war zwar ein Schwarzer, aber auch wenn Vlad eine gewisse Vorsicht im Umgang mit den fremd aussehenden Menschen verspürte, pflegte er doch keine ausgeprägten, negativen Gefühle ihnen gegenüber. Ilay hatte das beste Ersatzteillager für Harleys in der ganzen Bronx und Vlad war seit fünfzehn Jahren, seit er diesen Laden entdeckt hatte, sein Kunde. Er war ein gemächlich wirkender Mann mit beinahe schmalen, feinen Händen, aber der Russe wusste, dass er eine sehr zielsichere Pistole führte und respektierte ihn sowohl für sein Wissen über Maschinen wie auch für seine Entschlossenheit.

„Ja… ist mein Junge.“, erklärte Vlad, was ihm einen schiefen Blick von seinem Freund verschaffte, welchen er mit gewohnter Kühle beantwortete, was deutlich machte, dass er nicht darüber sprechen wollte. Zumindest jetzt gerade im Augenblick nicht. Eben wurde Lucas geschubst. Er wirkte relativ in die Ecke gedrängt und so wie Vlad das sah, würde er gleich ziemlich heftig aufs Maul bekommen, aber er rührte sich trotzdem nicht, um ihm zu helfen.

„Ich kenn‘ die anderen Burschen.“, liess Ilay nun hören. Der Vorschlag, der Sache einfach mit einigen harten Worten ein Ende zu machen, schwang deutlich in seiner Stimme mit. Für einen Augenblick zögerte Vlad, erwog noch einmal, dem Kleinen beizustehen, aber dann schüttelte er den Kopf. Er hatte selbst gesagt, er sei keine Zwölf mehr. Wenn er ein Mann werden sollte, dann musste er sich selbst durchschlagen. Und vielleicht lernte er dann auch, dass der Strassenplan nicht als Scherz gemeint gewesen war.

„Eine Lektion. Lass sie das selbst regeln, solange es nicht zu hart wird.“

Der Schwarze nickte und zog ein wenig an der Schnur, welche die Schrägstellung der Lamellen regelte. Vlad liess die Hand sinken und lehnte sich seitlich gegen die Wand, den Blick der dunklen Augen nach draussen gerichtet. Genau der richtige Ort für so eine Geschichte, fand er. Klischeehaft korrekt. Alte Backsteinmauern, marode Feuertreppen, Müll am Strassenrand. Zwei Schwarze, welche einen Weissen in die Mangel nahmen. Die Bronx war heute weit sicherer als vor zwanzig Jahren, das stand ausser Frage. Auch als vor zehn Jahren. Aber man bekam die Gewalt nicht einfach aus ihr heraus. Dies hier war ein gefährliches Viertel und das würde es wohl auch bleiben, solange die Menschen, die es bewohnten, nicht an Jobs und damit an Perspektiven herankamen. Mit Perspektiven stand und fiel schlussendlich alles, das wusste der Russe genau. Für ihn war es ebenfalls so gewesen. Was wohl aus ihm geworden wäre ohne Perspektive? Ein namenloses Grab? Vielleicht.

Als Ilay sich erhob, wechselte Vlad einen kurzen Blick mit ihm, doch er holte nur für jeden eine Flasche Cola aus dem Kühlschrank und öffnete beide an der Tischkante, ehe er eine seinem Gast in die Hand drückte. Das Glas klirrte, als sie die Flaschen gegeneinander prallen liessen und dann beide tranken.
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Lucas:
Lucas fluchte leise, als er erkannte, dass er die falsche Strasse erwischt hatte. Er musste zuvor falsch abgebogen sein und wenn er Pech hatte, dann war er in das Gebiet geraten, das Vlad ihm als gefährlich markiert hatte. Dass dies kein Scherz gewesen war, das wusste er nur allzu gut, denn was üble Ecken anging, so stand die Bronx Brooklyn in nichts nach. Beide Stadtteile hatten auch schöne und sichere Gebiete, doch man musste wissen, wo man sich besser nicht aufhielt und hier kannte er sich nicht wirklich aus. Einen Moment lang überlegte Lucas, ob er es riskieren sollte, einfach der nächsten Querstrasse zu folgen, um in das sichere Gebiet der Bronx zurückzufinden, doch er verwarf den Gedanken. Er hatte schon genug Ärger. Neu in eine Schule zu kommen war schon schwer, da musste er nicht noch zusätzlich in Schwierigkeiten geraten. Es reichte, dass der Rest seines Lebens unter seinen Füssen weggebrochen war. Immerhin hatte sich Mrs. Spencer gefreut, als er ihr am Telefon erzählt hatte, dass es mit seinem Vater geklappt habe und er bei ihm bleiben könne.

Mit zusammengezogenen Brauen blieb Lucas stehen und wandte sich um, in der Absicht, den Weg zurückzugehen, den er gekommen war. Auf diese Weise würde er zwangsläufig wieder an die Stelle kommen, an der er in die Irre gelaufen war. Allerdings kam er keine drei Meter weit, ehe ein ziemlich grossgewachsener Schwarzer ihm den Weg verstellte. „Hey, was suchst du hier?“, wollte er wissen. „Du hast hier nichts verloren.“ In seiner Stimme schwang deutlich die Provokation mit, doch Lucas hatte nicht vor, einen Streit vom Zaun zu brechen. „Das weiss ich. Deswegen will ich ja wieder zurück.“, antwortete er so ruhig wie möglich. Dieser Rest Ruhe bröckelte allerdings, als sich ihm von hinten eine Hand auf die Schulter legte. „Pech, Junge. Nun bist du hier.“ Lucas schluckte. Schon gegen den Kerl vor ihm standen seine Chancen nicht gut, aber gegen zwei von der Sorte waren sie einfach nur noch mies. Lucas drehte sich unter der Hand weg. „Mann, lass den Mist.“, verlangte er, doch er ahnte, dass es nichts helfen würde. Die beiden waren auf Ärger aus, ob ihm das nun passte oder nicht. Als wäre der Gedanke ein Stichwort gewesen, schupste der grössere der beiden ihn gegen die Wand. Auszuweichen war ziemlich unmöglich, aber wenn es Lucas gelang an den beiden vorbei zu kommen, konnte er seine Geschwindigkeit nutzen. Der Schupser grinste höhnisch, während sein Kumpan sich neben ihm aufbaute und Lucas eine Ohrfeige verpasste. Es war kein wirklich heftiger Schlag, aber eine klare Beleidigung.

In Lucas kippte ein guter Teil der Anspannung und Angst in Wut um. Er stiess sich von der Mauer ab und nutzte den Schwung, um den kleineren der beiden von sich zu stossen. Er brauchte Platz, wenn er sich bewegen wollte. Ob das nun Flucht oder Ausweichen bedeutete, das würde sich zeigen. Tatsächlich taumelte der Kleinere überrascht zurück, doch der andere liess sich nicht so leicht verunsichern. Er packte Lucas am T-Shirt und riss ihn zurück gegen die Wand. Mit einem wütenden Fluch schlug der Kleinere erneut zu, dieses Mal allerdings mit der Faust. Lucas versuchte den Schmerz und den metallenen Geschmack im Mund zu verdrängen und zahlte es dem Kerl mit gleicher Münze heim.
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Vlad:
Als sich noch einige weitere Zaungäste einfanden, um dem kleinen Schauspiel zuzuschauen, verliess Vlad zusammen mit Ilay die Werkstatt, die Colaflasche in der linken Hand, und lehnte sich draussen an die Wand. Von hier aus hatte er freie Bahn zu der Szene und konnte notfalls auch mit einem gut gezielten Schuss eingreifen, falls es sehr plötzlich aus dem Ruder lief. Natürlich hatte der Russe nicht vor, einen der Jungs anzuschiessen, aber ein gut gesetzter Warnschuss in der Wand konnte manch ein Gemüt schnell abkühlen.

Der Bursche schlug sich, wie Vlad fand, gar nicht schlecht. Auch Ilay neben ihm nickte. Zwei gegen einen, das Ergebnis war ziemlich klar, vorausgesetzt, keiner hatte eine Waffe, aber das traute der Russe seinem Jungen nicht zu. Dafür war er zu friedlich aufgewachsen. Eine Waffe zu tragen bedeutete, eine Grenze zu überschreiten. Es bedeutete, dass man bereit war, sie auch zu nutzen und das war ein Eingeständnis daran, dass man sich nicht sicher fühlte. Dass man damit rechnete, sie nutzen zu müssen. Ein schwieriges Thema, über welches man sich bei einem Leben, welches nicht aus Kampf bestand, besser genaustens Gedanken machte.

Ein weiterer Jugendlicher kam dazu, wollte über die Strasse und zu der Prügelei hinübergehen, aber Ilay hielt ihn am Arm zurück, schüttelte nur vielsagend der Kopf. Der Junge zögerte, blieb dann aber stehen, nachdem der Mechaniker zum hünenhaften Weissen genickt hatte, welcher die Prügelei mit Argusaugen beobachtete. Die Faust des einen Angreifers schlug hart gegen den Kiefer des Unglücksraben. Die Situation verschärfte sich, das war deutlich, und Vlad griff vorsichtshalber mal in seine Jacke, wo er den Halteriemen der Waffe löste. Nur für alle Fälle.

Für einen Augenblick war er sich unsicher, ob sein Vorgehen klug war. Wollte er Lucas wirklich der Gefahr aussetzen, ernsthaft verletzt zu werden? Nein, eigentlich nicht. Aber was er wollte, war, dass der Junge den Ernst der Sache erkannte. Dass er nicht immer damit rechnen konnte, dass er heil rauskam. Dass es Situationen gab im Leben, die gefährlich waren. Sehr gefährlich sogar. Und zudem wollte er auch nicht, dass der Junge sich vorkam, als würde Vlad ihn für ein Kind halten. Das war eigentlich fast der wichtigste Aspekt. Lucas hatte das Mannsein für sich schon beansprucht, deutlich gesagt, dass er kein kleines Kind mehr war. Und Vlad akzeptierte und respektierte das.
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Lucas:
Bereits nach den ersten paar Schlägen war es Lucas klar, dass er aus der Sache nicht so einfach herauskommen würde. Doch sich einfach fallen lassen und einrollen kam nicht in Frage. Nein, er würde seine Haut so teuer wie möglich verkaufen, darauf konnten die beiden Gift nehmen. Lucas versuchte die Schläge mit seinen Unterarmen zu blocken und schlug zu, wann immer sich eine Gelegenheit bot. Der eine der beiden würde morgen mit Sicherheit ein Veilchen zur Schau tragen und der andere mit einer geschwollenen Lippe herumlaufen. Blöderweise galt beides auch für Lucas. Ein Faustschlag gegen seinen Kiefer liess Lucas einen Moment Sterne sehen und taumeln. Das hielt die beiden nicht davon ab, weiter auf Lucas einzudreschen, der sich ganz darauf konzentrieren musste, wenigstens die übelsten Hiebe zu blocken. Allerdings ohne viel Erfolg. Ein Faustschlag in die Magengrube liess ihn einknicken und hustend nach Luft schnappen.

Lucas‘ Blick streifte kurz die Umgebung. Natürlich hatten sich Leute versammelt, die der Schlägerei zusahen. Dass keiner von ihnen eingriff, war zu erwarten gewesen. Wahrscheinlich hätte in dieser Stadt jemand einen anderen auf offener Strasse fressen können, ohne dass jemand eingegriffen hätte. Am Rand seiner Gedanken flatterte die Hoffnung, dass irgendjemand die Cops gerufen hatte, denn die würden vielleicht verhindern, dass er als blutige Schmiere auf dem Gehsteig endete. Lucas versuchte sich hoch zu stemmen und wieder auf die Füsse zu kommen. Sicher, er wusste, dass es wahrscheinlich sinnvoller gewesen wäre einfach liegenzubleiben und den Bewusstlosen zu spielen… wenn da nur nicht der verdammte Stolz gewesen wäre.

Die Versuche wurden von einer Stiefelspitze unterbunden, die gegen Lucas‘ Rippen krachte und ihm die restliche Luft aus der Luge trieb. Lucas rang nach Luft und blieb für einen Moment wirklich ruhig liegen. Sein Blick war auf eine Gestalt gefallen, die schräg gegenüber an der Mauer lehnte. „Vlad!“ Ob es ein Hilferuf war oder nicht, hätte Lucas selbst nicht sagen können. Er wusste nur, dass ihn der Anblick mehr traf als die Schläge. Vlad stand da und sah zu. Ein Teil von Lucas schrie protestierend auf, ein anderer biss trotzig die Zähne zusammen. Dein Vater sah ihn hier auf dem Boden… kein schöner Gedanke. Aber er reichte, um letzte Kräfte zu mobilisieren und einem der beiden Angreifer die Füsse unter dem Körper wegzutreten.
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Vlad:
Als Lucas lag, wartete Vlad noch einen weiteren, kurzen Augenblick. Vielleicht liessen die schwarzen Jungs jetzt von ihm ab. In diesem Augenblick schaute ihr Opfer jedoch auf und erkannte, wer da zuschaute, rief seinen Namen oder sprach ihn zumindest laut aus und entsprechend hätte es die Tatsache, dass er gleich davor noch einen Tritt kassiert hatte, obwohl es offenbar vorbei war, gar nicht mehr gebraucht. Den Jungen hängen zu lassen, wenn er Hilfe wollte – das kam nicht in Frage. Mit langen Schritten bewegte er sich nun über die Strasse. Dann wehrte sich Lucas wieder. Einer der Schwarzen stürzte. Beeindruckend. Just in diesem Moment blitzte in der Hand des anderen jedoch ein Schnappmesser auf und die Bewegungen von Vlad nahmen ganz extrem an Rasanz zu. Seine linke Hand schloss sich um die des jungen Schwarzen und er drückte einfach nur mit Kraft zu, was genügte, ihn erschrocken aufschreien zu lassen.

„Jetzt ist Schluss. Verschwindet. Ilay!“

Es hätte den Ruf gar nicht gebraucht, denn der Schwarze war ihm dicht auf gefolgt und redete nun rasch auf Französisch auf die beiden Jungs ein. Vlad biss die Zähne zusammen. Er hasste diese verdammte Sprache einfach. Wäre dieser Mann nicht ein so verdammt guter Kerl gewesen… Ilay auf jeden Fall hatte die Sache schnell gelöst. Er hatte etwas zu sagen hier und als er Vlad bat – vorsichtig, denn er wusste umgekehrt auch, wie hart der Russe zuschlug – die Hand zu öffnen, tat dieser das ohne zu Zögern und gab den Schwarzen frei. Dieser liess das Messer wieder in der Tasche verschwinden und rieb sich die Hand, die deutliche, blasse Abdrücke von Vlads Fingern aufwies.

„Verschwindet.“, beendete Ilay den kurzen, fremdsprachigen Disput noch, worauf die beiden Jugendlichen sich rasch verzogen. Unzufrieden zwar und murrend (und der eine hinkend, offenbar hatte der letzte Tritt in seine Beine überhaupt nicht gut getan), aber sie gingen. Noch ohne auf den Jungen, der auf die Füsse zu kommen versuchte, achtend, klopfte der Russe seinem Freund auf die Schultern, was, wie er fand, dank genug war. Dann erst packte er zu und griff Lucas unter dem Arm, um ihn ganz auf die Beine zu ziehen. Der hatte ja wirklich eine feine Art, sich in der Bronx einzuleben. Gleich einmal in den falschen Strassen unterwegs und prügeln.

Vlad griff sich Lucas‘ Kinn, um den Kopf des Jungen kurz hin- und her zu wenden, um den Riss über der Augenbraue und die blutende Wunde auf dem Wangenknochen zu betrachten. Ja, etwas Desinfektionszeug, dann war die Sache erledigt. Vielleicht würde es eine kleine Narbe geben, zumindest die Sache an der Wange, aber das war eine Kleinigkeit, mit welcher sich Vlad nicht wirklich abgab.
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Lucas:
Lucas sah aus dem Augenwinkel, dass sein Vater sich in Bewegung gesetzt hatte, doch der grösste Teil seiner Aufmerksamkeit galt noch immer seinen beiden Gegnern. Einer von beiden war nun wieder mit ihm ‚auf Augenhöhe‘, wenn man den Umstand, dass sie beide auf dem Boden lagen, so betrachten wollte. Es war jedoch der andere, der Lucas‘ Aufmerksamkeit auf sich zog, besser gesagt das Klicken des aufschnappenden Messers. Angst jagte Lucas‘ Adrenalinspiegel noch weiter nach oben. Mit letzter Kraft versuchte er auf die Beine zu kommen, brachte es aber fürs Erste nicht weiter als bis zu der Backsteinmauer hinter ihm.

Mehr war auch nicht nötig, denn in diesem Moment erreichte Vlad die Gruppe und stoppte den Messerträger. Der Gestürzte hatte sich wieder aufgerappelt und lieferte sich zusammen mit seinem Kumpel ein Wortgefecht mit einem weiteren Kerl, der offenbar über eine gewisse Autorität verfügte. Zumindest zogen die beiden Jungs schliesslich von Dannen.

Lucas wischte mit der Hand über seine Lippe, über die das Blut tropfte, doch viel mehr als dass er es noch weiter verschmierte, erreichte er damit nicht. Längst war es auch auf seiner Kapuzenjacke und dem T-Shirt, doch das kümmerte Lucas wiederum weniger. Nicht, weil er die Klamotten nicht gemocht hätte, sondern weil Vlad ihm unter die Arme griff und ihm half auf die Füsse zu kommen. Lucas hatte es davor schon versucht, doch noch waren seine Knie zu wacklig und sein Schädel brummte noch viel zu sehr.

Er verzog das Gesicht, als Vlad ihn am Kinn fasste, um einen Blick auf die Spuren der Prügelei zu werfen. „Is‘ nich‘ tragisch.“, nuschelte Lucas und versuchte dem Blick der beiden Männer auszuweichen. Verflucht, das hatte wirklich noch gefehlt. Er hatte sich nicht nur verfranst, er war auch vor den Augen seines Vaters und dessen Kumpel verdroschen worden. Wundervoller Anfang, wirklich! Doch da war noch etwas, was wichtig war und das er nicht einfach beiseitelassen konnte. Lucas sah nun doch zwischen den beiden hin und her. „Danke für die Hilfe.“, murmelte er. Die klassische Behauptung, dass er es auch ohne geschafft hätte, konnte er sich getrost schenken, denn sie wussten alle drei, dass dem nicht so war.
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Vlad:
Der Dank liess Ilay grinsen. (Vlad reagierte mit einem kurzen, kaum wahrnehmbaren Nicken.) Offenbar fand er es nicht unlustig, was gerade passiert war und definitiv witzig, dass der Junge nun bedröppelt und niedergeschlagen zwischen den Männern stand und es ihm offenbar mehr als nur peinlich war.

„Bist du sicher, dass er von dir ist, Vlad? Er scheint mir ein Bisschen klein zu sein.“, frotzelte der Schwarze, welcher wohlgemerkt vielleicht ein oder zwe Fingerbreit kürzer geraten war als Lucas. Vlad blickte darauf hin mit kalten Augen zu ihm, doch der Ersatzteilhändler kannte ihn viel zu gut, um sich davon einschüchtern zu lassen. Er konnte unterscheiden zwischen dem Ausdruck von ‚Hahahaha…‘ und ‚ich hau dir gleich in die Fresse‘ und ‚gehen wir einen Trinken‘. Jetzt war ‚Hahahaha…‘ dran und entsprechend liess es sich Ilay nicht nehmen, einfach weiterzumachen.

„Andererseits landet er hier in der Bronx und macht sich gleich mal mit ein paar Prügeln bekannt, genau wie du. Und die Vorführung war sehr unterhaltsam.“

Vlad hielt nichts vom Sinn für Humor dieses Mannes. Musste er ja auch nicht, fand er, und reagierte darum nicht. Stattdessen winkte er Lucas, mitzukommen und überquerte erneut die Strasse ohne darauf zu achten, ob der Junge folgte. Es war sein Problem. Nein, war es wahrscheinlich nicht, aber Vlad hatte keine Ahnung, wie er ihm irgendwie hätte Mut zusprechen können, nachdem er jetzt so aufs Maul bekommen und eine Rettung nötig gehabt hatte. Nicht, dass das eine Schande gewesen wäre. Er selbst hatte schon oft eingesteckt und war auch schon oft von den anderen Reapern und früher einfach von Chibs abhängig gewesen. Sie waren Brüder, schützten einander. So lief das in einer Familie.

Lucas gehörte jetzt irgendwie auch dazu und gleichzeitig doch auch nicht. Vlad hatte lange gebraucht, sich emotional von seiner Blutsverwandtschaft zu lösen. Er hatte gelitten, nachdem er aus Murmansk und aus Russland geflohen war, gelitten, weil seine Brüder, sein Vater und selbst seine Mutter, von der er sich doch so ungeliebt gefühlt hatte, nicht mehr da gewesen waren. Und es hatte viel Zeit gebraucht, hier Menschen zu finden, welche ihre Plätze eingenommen hatten. Lucas dagegen – Lucas gehörte wieder wegen des Blutes dazu und an diesen Gedanken musste sich Vlad zuerst gewöhnen.

Bei seiner Colaflasche angekommen hob er diese auf, trank aber nicht. Er trank aus keinem Getränk, das er unbeaufsichtigt hatte stehen lassen. Nicht nur auf Partys, sondern immer. Es war fast ein Tick, aber je mehr Distanz er zur Chance, irgendwelche Substanzen zu konsumieren, hatte, desto besser.
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Lucas:
Lucas reagierte mit einem vorsichtigen Lächeln auf das Grinsen des Schwarzen, der zuvor die anderen beiden Jungs weggeschickt hatte. Doch als er Vlads Vaterschaft anzweifelte, wurde Lucas ernst und sein Blick wurde hart. Es war offensichtlich, dass der Mann – Vlad hatte ihn Ilay gerufen – es nicht wirklich ernst meinte, aber es traf Lucas doch härter als der Schlag in die Magengrube. Er wusste, dass Vlad ihn eigentlich nicht hatte haben wollen und ob Ilay es nun wusste oder nicht, er streute gerade gewaltig Salz in die Wunde. Lucas biss sich auf die Unterlippe und senkte den Blick. „Schön, dass ich zum allgemeinen Amüsement beitragen konnte.“, konterte er missmutig. Dass auch Vlad sich offenbar in den Anfängen seiner Zeit hier hatte in Schlägereien verwickeln lassen, liess ihn aber ein wenig hellhörig werden. Nun ja, wahrscheinlich hatte er sich besser geschlagen. Er war ja auch ein ganzes Stück grösser und um einiges kräftiger als Lucas. Er sah zu Vlad hinüber, als dieser ihn mit einem kurzen Wink aufforderte, ihm zu folgen. Die Miene war undurchsichtig, wie eigentlich immer, in der Zeit, in der er Vlad nun kannte. Er hatte wirklich etwas von einem Bären. Gross, kräftig, so gut wie keine Mimik.

Lucas folgte ihm ebenso wortlos über die Strasse. Er hatte keine Ahnung, was Vlad nun von ihm dachte. Glaubte er, sein Sohn sei ein Schwächling? Oder dass er seine Warnungen in den Wind geschossen hatte? Und warum genau machst du dir Gedanken darüber? Lucas seufzte bei der trotzigen Stimme in seinem Kopf. Wenn er ehrlich war, wusste er sehr genau, warum er sich Gedanken machte. Weil es ihm nicht egal war, wie Vlad zu ihm stand. Ja, er kannte ihn erst seit Kurzem und ja, er war nicht freiwillig zu ihm gekommen, aber verflucht… er war trotz allem sein Vater und Lucas wollte nicht, dass er ihn für einen Versager oder einen Idioten hielt. Lucas warf dem gutgelaunten Ilay einen kurzen Blick zu und ohne dass er es wollte, zuckte es in seinen Mundwinkeln. Der Kerl strahlte etwas aus, das es Lucas schwer machte, sauer oder beleidigt zu sein.

Mit dem T-Shirt wischte Lucas erneut das Blut weg, wenn auch mit ebenso wenig Erfolg, denn noch tropfte das Blut fröhlich weiter aus den Platzwunden. Aber es war ein Versuch wert gewesen und das Shirt war ohnehin schon vollgesaut. „Hab‘ auf dem Heimweg die falsche Strasse erwischt und als ich umdrehen wollte, war’s schon zu spät.“ Wenigstens den Teil mit dem Idioten konnte er vielleicht aus der Welt schaffen.
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Vlad:
So, falsch abgebogen also. Immerhin hatte er es offenbar noch gemerkt – oder er war ein guter Lügner. Vlad war es gleichgültig. Es war irrelevant. Wenn der Junge absichtlich oder aus Ignoranz in die gefährlichen Gebiete gelaufen war, dann hatte er jetzt eine Lektion erhalten, die er hoffentlich nicht mehr so schnell vergessen würde. Und wenn es wirklich Missgeschick gewesen war, dann war er ja glimpflich davongekommen. Auf jeden Fall bugsierte er ihn in Ilays Laden, welcher nicht protestierte und stellte seine Colaflasche beiseite. Die Wände des Raumes waren vollgestellt mit Regalen, die wiederum mit Schachteln und Kisten gefüllt waren. Ein Werktisch stand da, auf welchem einige Harley-Teile lagen, an welchen Ilay gerade arbeitete, ausserdem auch eine Lampe, die, welche Vlad kaufen wollte, um seine Dyna zu reparieren.

Kommentarlos ging der Russe in den hinteren Raum, wo es, wie er wusste, ein Klo gab und ausserdem etwas Erste-Hilfe-Kram stand und kam mit gewaschenen Händen, einer Rolle Klopapier und dem Set zurück. Er riss ein grosses Stück Papier ab, knüllte es zusammen und reichte es Lucas. Ohne Worte natürlich, aber auch so würde dem Jungen hoffentlich klar sein, dass er es auf die Platzwunde drücken sollte. Wenn die nicht zu bluten aufhörte, mussten sie doch noch im Krankenhaus vorbei. Vlad konnte zwar Wunden nähen, aber er hatte nichts zum Betäuben und am Kopf war das immer ein wenig gar unangenehm. Mit ruhigen Händen formte er sich einen zweiten Papierknäuel, tränkte ihn mit etwas Wasser aus einer Fahrradflasche, welche auf dem Tisch stand, und reinigte erst einmal die Haut um die kleinere Verletzung, welche bereits zu Bluten aufgehört hatte. Mit einer Pinzette holte er ausserdem etwas Dreck aus der Wunde. Seine Hände waren nicht sanft, aber weit entfernt von grob. Routiniert. Als das so weit sauber war, folgte etwas Desinfektionsspray und ein Strip, das die Wundränder zusammenhielt. Vlad kneifte die Augen etwas zusammen, als er das tat. Er sah nicht mehr so gut, auch wenn er das niemandem eingestand ausser sich selbst. Lesen ging noch bei normalen Texten, aber hier wollte er die Haut nicht verziehen, damit alles möglichst sauber wieder verheilte und auch keine zusätzlichen Schmerzen entstanden.

Die Deckung des Jungen war nicht so gut gewesen, fand Vlad, aber er kommentierte das nicht. Dafür hatte die Beinarbeit gut funktioniert. Besser als bei manch einem Rekruten, musste er gestehen, auch wenn diese zugegebenermassen manchmal einfach zu überheblich waren, um zu lernen.

„Hast du eine Waffe, Junge?“, fragte Vlad anstatt mehrere anderer Dinge, die vielleicht besser, pädagogischer und irgendwie wertvoller gewesen wären, aber meistens kam er direkt auf den Punkt, weil ihm das viel sinnloses Blabla ersparte.
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Lucas:
Lucas leistete keinen Widerstand, als er von Vlad in das Innere des Ladens geschoben wurde, der offenbar Ilay gehörte. Für einen kurzen Moment liess er seinen Blick über die Regale und Schachteln wandern. Unverkennbar das Geschäft eines Mannes, der mit Ersatzteilen handelte. Trotz dem vielen Zeug, das herumstand, wirkte der Raum nicht unorganisiert oder chaotisch, was Lucas doch ein wenig erstaunte. Er hatte in seinem Zimmer weit weniger Zeug gehabt, aber es hatte eigentlich immer wesentlich chaotischer gewirkt. Vlad war schweigsam wie immer, seit Lucas ihn kennengelernt hatte. Er liess den Jungen stehen und verschwand in einem anderen Raum. Lucas hörte Wasser rauschen und wie Vlad mit etwas herumhantierte, doch es dauerte nicht lange, bis er wieder da stand. In den Händen hielt er eine Rolle Klopapier und Erste Hilfe-Zeug. Als erstes drückte er Lucas ein Knäuel davon in die Hand, das Lucas gegen die noch immer tropfende Wunde über der Braue drückte. Wirklich Angst hatte er nicht. Es war nicht das erste Mal, dass er eine Platzwunde hatte und sowas suppte nun mal wie blöde. Und da es am Gesicht war, wirkte es noch einmal schlimmer als es war. Er erinnerte sich nur zu gut an das letzte Mal, als er mit blutendem Gesicht dagestanden hatte. Es war seine Mutter gewesen, die ihn verarztet hatte, mit leicht zusammengezogenen Brauen und einem missbilligenden Kopfschütteln über die Ungeschicklichkeit ihres Kindes.

Auch Vlad schien zu wissen was er tat. Er arbeitete ruhig und unaufgeregt, wenn er auch grober vorging als Evelyn es getan hatte. Zwei, drei Mal zuckte Lucas zusammen, während Vlad die Wunde säuberte, doch er gab keinen Laut von sich. Stattdessen schloss er die Augen, um sich in Gedanken abzulenken, doch das einzige was passierte, war, dass er das Gesicht seiner Mutter vor sich sah. Nicht hilfreich… Lucas öffnete die Augen wieder und sah stattdessen in Vlads Gesicht, das dicht vor seinem eigenen war. Er arbeitete konzentriert und klebte schliesslich mit zusammengekniffenen Augen einen Strip über die Wunde. Lucas wartete, bis er damit fertig war, ehe er das zusammengeknüllte Stück Klopapier von seiner Stirn löste und mit den Fingerspitzen prüfte, ob das Blut endlich aufgehört hatte zu tropfen. Mit einem leicht genervten Seufzen stellte er fest, dass dem nicht so war. Er packte das Klopapier zurück auf die Wunde und drückte wieder dagegen. Irgendwann würde es schon stoppen. An einer Platzwunde verblutete man schliesslich nicht.

Vlads Frage kam unerwartet und liess Lucas erstaunt und fragend zu ihm schauen. „Brauche ich eine?“, wollte er nach einem kurzen Moment des Schweigens wissen. Wenn er seinen Vater so ansah, dann konnte er sich durchaus vorstellen, dass dessen Antwort ein Ja war. Und wenn er an die Schlägerei vorhin dachte, dann wusste er auch, dass Vlad wahrscheinlich Recht hatte. Lucas war das Messer seines einen Gegners nicht entgangen und wären Ilay und er nicht gewesen, hätte das ohne weiteres noch sehr viel übler ausgehen können. Der Junge seufzte und zuckte schliesslich mit den Schultern. „Ich bin noch minderjährig und ausserdem… müsste ich erst mal mit sowas umgehen können. Ansonsten ist die Gefahr grösser als der Nutzen.“ Und da war noch was anderes. Etwas, das in seinem Hinterkopf knurrte und sich gegen den Gedanken sträubte. „Ausserdem sollte ich mich auch ohne Waffe verteidigen können und… offensichtlich kann ich das noch nicht.“ Zumindest nicht gut genug, das bewiesen die Prellungen und das Blut nur allzudeutlich.
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Vlad:
Ilays Grinsen war schon anzusehen, dass er gleich wieder etwas Flapsiges sagen würde – und er enttäuschte die Anwesenden nicht. Zwar war er meist der einzige, der seine Sprüche lustig fand, aber das hatte ihn noch nie gestört und auch jetzt kümmerte er sich nicht im Geringsten darum. Nach einem Schluck Cola frotzelte er also:

„Und er redet auch viel mehr als du, das ist fast noch auffälliger.“

Vlad würdigte ihn nicht einmal eines Blickes, sondern überlegte schweigend, was er antworten wollte. Lucas warf gerade zwar verwandte, aber doch sehr verschiedene Themen in einen Topf, auch wenn er sich dessen wahrscheinlich nicht bewusst war. Er sprach von Waffen und er sprach von Verteidigung. Und bis zu einem gewissen Grad auch von Hilflosigkeit. Der Russe kannte das alles aus eigener Erfahrung, wenn wohl auch aus anderen Situationen als Lucas. Er war als Soldat aufgewachsen, hatte früh gelernt, mit Schusswaffen umzugehen, war von seinem Vater wie von einem Offizier gedrillt worden und danach in der Armee hatte sich daran nichts geändert. Seine Hilflosigkeit war eine ganz andere gewesen. Aber das war jetzt nicht das Thema. Fakt war, dass der Junge eben ziemlich aufs Maul bekommen hatte und in Gefahr gewesen war. In ernster Gefahr. Auch darum, weil er nicht gewusst hatte, wann er den Schwanz hätte einziehen müssen. Damit, dass er weitergekämpft hatte, als die Niederlage da gewesen war, hatte er die Eskalation hervorgerufen. Allerdings war das keine Frage von Dummheit, sondern von Ruhe, welche nur mit der Erfahrung kam. Es war nicht leicht zu erkennen, wann der Moment zur Kapitulation da war. Auch für Vlad nicht. Allerdings kam der herzlich selten in diese Situation. Schon allein war er eine kleine Naturgewalt und in Kombination mit den Reapers war das noch viel, viel heftiger.

Er wollte nichts sagen, das wusste er. Er wollte es einfach lassen, aber zugleich war ihm auch klar, dass das nicht ging. Der Junge brauchte einen Rat, dafür war er als Vater verdammt nochmals verantwortlich und da. Und er würde tun, was er konnte, auch wenn er sich fremd und falsch in dieser Rolle fühlte. Er war ein herzlich schlechter Sohn gewesen, wie könnte er da jemals ein guter Vater sein?

„Nein, du brauchst keine. Eine Waffe zu tragen ist eine Entscheidung, keine Notwendigkeit. Wenn du eine bei dir tragen willst, dann nur, wenn du bereit bist, sie zu nutzen. Und wenn du zu kämpfen lernen willst dann nur, wenn du bereit bist, es zu tun. Mit allen Konsequenzen, die dazu gehören.“

Man konnte in New York leben, ohne zu kämpfen, ohne zu bluten, ohne zu leiden. Es ging, man musste sich bloss an die Regeln halten. Vlad war sich nicht sicher, ob er es gerne sehen würde, wenn Lucas sich für einen gewaltbereiten Weg entschied, denn das wäre es schlussendlich, aber er würde es auf jeden Fall verstehen. Viele junge Menschen glaubten, dass die Fähigkeit zu kämpfen sie vor Hilflosigkeit bewahrten. Ein schwerer Irrtum, aber einer, den man selber erkennen musste.
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Lucas:
Ilay schien sich durch all das Geschehene und auch durch Vlads Griesgrämigkeit nicht die Laune verderben zu lassen und stichelte fröhlich weiter. Lucas hob unbewusst eine Braue, verzog aber das Gesicht, denn es war eben jene, über der die Platzwunde war und das Bewegen hatte sich nicht sonderlich angenehm angefühlt. Immerhin machte es ganz den Eindruck, als ob Vlad nicht nur Lucas gegenüber so brummig war, was doch irgendwo auch etwas Beruhigendes hatte. Es war also zumindest nicht vollständig persönlich. Dieser Gedanke brachte den Jungen dazu, Ilay ein schiefes Lächeln zu schenken. „Ich komm‘ wohl eher nach Mum.“, antwortete er leise. Rein vom Aussehen her stand er wahrscheinlich irgendwo zwischen den beiden, aber von der Art her… es war schwer zu sagen. Dafür kannte er Vlad auch noch nicht gut genug, aber zumindest was das Stille und Verschlossene anging, so war er definitiv eher Evelyns Sohn.

Lucas‘ Aufmerksamkeit kehrte aber zu Vlad zurück, als dieser auf seine Worte reagierte. Er brauchte also keine Waffe, sondern sollte sich dafür oder dagegen entscheiden. Das machte Sinn. Eine Waffe nur halbherzig dabei zu haben, war keine gute Idee. Die Frage war also, ob er eine Waffe wollte. Lucas konnte es nicht wirklich sagen. War er bereit, jemanden mit einer Waffe – sei es nun Pistole oder Messer – zu verletzen? Er dachte an seine Mutter und schluckte leer. Hätte er mit einer Waffe vor ihrem Mörder gestanden… hätte er abgedrückt? Lucas senkte den Kopf und biss die Zähne zusammen. Ein Teil von ihm schrie ein wütendes ‚Ja‘, ein anderer, ruhigerer Teil zweifelte. Doch auch dieser Teil legte keinen Widerspruch mehr an den Tag, als Lucas die Waffe durch Fäuste ersetzte. Ja, den Kerl zu verdreschen, dagegen sträubte sich keine Spur in ihm. Zumindest keine, die er hätte wahrnehmen können. Und was wäre gewesen, wenn er dabei gewesen wäre? Wenn er irgendwie hätte verhindern können, dass der Kerl auf seine Mutter schoss? Der Gedanke versetzte ihm einen Stich, bei dem sich Lucas kaum merklich zusammenkrümmte. Wenn er sie hätte retten können…

„Ich weiss nicht, ob ich eine Waffe tragen will, aber… aber ich möchte damit umgehen können.“, antwortete er schliesslich und sah Vlad an. Ob dieser verstehen würde, was er damit meinte, das konnte Lucas nicht abschätzen. „Welche Konsequenzen meinst du?“, schob er noch eine Frage hinterher. Damit konnte viel gemeint sein. Vom zu Ende Bringen eines Kampfes bis zum bitteren Ende über die Tatsache, dass er damit leben musste, jemanden zu verletzen bis hin zu den rechtlichen Folgen. Es war möglich, dass Vlad das alles meinte, aber es konnte ebenso gut sein, dass es ihm um einen bestimmten dieser Aspekte ging. „Ich will mich wehren können, verstehst du?“ Lucas‘ Stimme war leise, doch es schwangen Wut mit und jener Schrecken, der von der nachlassenden Anspannung übrig blieb. „Ich will nicht irgendwann hilflos daneben stehen, wenn…“ Er brach ab und schüttelte den Kopf. Es würde bescheuert klingen, wenn er es aussprach. Wie ein Kind mit Heldenkomplexen. Und ausserdem brachte der Gedanke ihn viel zu nah an jenen Teil seiner Erinnerungen, die er gerade wirklich nicht im Kopf haben wollte. Nicht vor seinem Vater und schon gar nicht vor der schwarzen Spottdrossel. Dass der nun auch noch anfangen würde Sprüche wegen Gefühlsausbrüchen zu bringen musste wirklich nicht sein.
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Vlad:

Es war klar, warum Lucas abbrach. Seine Stimme war angestrengter geworden, gepresster. Nur eine Spur, aber Vlad redete selten und hörte viel zu. Und so gefühlsarm sein Gesicht und seine Stimme jeweils auch waren, so genau schaute und hörte er bei anderen hin. Nicht, weil er es darauf angelegt hätte, sich sensibel zu verhalten, rücksichtsvoll zu sein, sondern einfach, weil er es sich angewöhnt hatte. Jetzt sah er, dass der Junge zu kauen hatte. Und Trauer war etwas, das er respektierte. Eigentlich war es wohl unfair, dass er selbst nicht trauerte, immerhin hatte er die Frau gekannt – aber zugleich eben auch nicht. Sie war eine Nacht gewesen und er war sich nicht mal mehr sicher, ob sich diese gelohnt hatte. Nun ja, das Ergebnis davon hatte er jetzt hier vor sich stehen. Ilay wiederum war aus einem anderen Grund unsensibel als wegen blosser Ignoranz. Er erkannte einfach nicht, was vor sich ging. Der Russe überlegte einen Augenblick, dann holte er die Brieftasche aus seiner Jackentasche und befestigte gleichzeitig auch den Sicherheitsriemen der Pistole wieder. Aus dem abgegriffenen, etwas unförmigen Lederding holte er dann eine Fünfdollarnote hervor und drückte sie Ilay in die Hand.

„Ich komm noch wegen der Zündkerze, wenn du sie gekriegt hast.“, erklärte er, klopfte dem Schwarzen auf die Schulter, verstaute die Brieftasche und griff sich dann die Lampe. Anschliessend ging er nach hinten und winkte Lucas, ihn zu begleiten. Der kurze Weg durch das Haus führte zu einem Hinterhof, wo Vlads Dyna stand, geschützt von den Blicken von der Strasse her. Es standen noch zwei andere Harleys da, welche offenbar in Reparatur waren. Wortlos entfernte er noch einmal den Papierlappen von Lucas‘ Stirn. Die Blutung wurde rasch schwächer. Das war doch schon mal gut. Der Russe setzte sich seitlich auf seine stabil stehende Maschine. Hier konnten sie sich unterhalten, ohne dass Ilay andauernd dazwischen quatschte, denn das hier war wichtig. Sehr wichtig sogar.

„Alle Konsequenzen, Junge. Kämpfen lohnt sich nur, wenn man den anderen besiegen will. Ansonsten verliert man. Du nimmst in Kauf, deinen Gegner zu verletzen, ihn zu töten, danach in den Knast zu wandern. Um damit zurecht zu kommen, musst du entschlossen sein. Das ist auch der Schlüssel aus der Hilflosigkeit. Was du tust, muss immer deine Entscheidung sein. Dann werden die Niederlagen wie auch die Siege zu deiner Schuld und zu deinem Verdienst. Entscheidest du dich nicht, bist du Zuschauer. Und das macht hilflos.“

Wahrscheinlich, so dachte Vlad, war das schwierig zu verstehen. Es waren schmerzhafte Entscheidungen, die ein Mann, der kämpfte, treffen musste. Manchmal musste man entscheiden, dass man sich ergab. Dass man einsteckte. Dass man einen Kampf nicht antrat, wissend, dass man andere verlieren würde und nichts dagegen tun konnte. Für ihn waren Entscheidungen der wichtigste Teil seiner Arbeit als Agent. Erst wenn er es nicht mehr tat, dann lieferte er sich der Situation und dem, was geschah, aus.
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Lucas:
Lucas wusste nicht, ob Vlad ahnte, wie sehr er ihm entgegenkam, als er sich von Ilay verabschiedete und seinen Nachwuchs durch den Laden in den Hinterhof lotste. Zwar war sich Lucas nicht ganz sicher, ob Vlad einfach die Schnauze voll hatte von dem Gerede oder ob er den Sprüchen seines Kumpels ausweichen wollte, aber Lucas selbst war froh, nicht mehr zwischen den beiden zu stehen. Ausserdem brachte der kurze Weg durch die Werkstatt genug Zeit mit sich, um sich wenigstens ein Stück weit zu fangen und die Gefühle etwas zurück zu drängen.

Draussen angekommen blieb Vlad vor einem Motorrad stehen und griff nach dem Klopapier, das Lucas noch immer gegen die Stirn presste. Seinem Blick nach schien die Blutung langsam nachzulassen, zumindest wenn Lucas die leichte Veränderung im Blick richtig interpretierte. Vlad setzte sich indessen seitlich auf das Motorrad. Es musste seins sein, denn das war eine von der Art Maschinen, von denen man die Finger liess, wenn sie einem nicht gehörten. Lucas blieb neben ihm stehen und sah ihn fragend an.

Als wäre keine Zeit vergangen griff Vlad das Gespräch von davor wieder auf. Lucas senkte den Kopf und schniefte. Was Vlad sagte, machte durchaus Sinn. Solange man die Konsequenzen nicht wirklich tragen wollte und sich nicht wirklich sicher war, solange hielt man auch einen Teil seiner Kraft zurück. Und dann konnte man nur verlieren. Nicht nur den Kampf, sondern in gewisser Weise auch einen Teil von sich. Etwas unsicher fuhr sich Lucas mit der Hand durch die Haare. „Du meinst ‚do or do not, there is no try‘?”, wollte er wissen. Das Bild eines alten, kleinen grünen Männchens passte nicht wirklich zu Vlad, aber was er sagte, ging trotzdem in die Richtung.

Nachdenklich drehte Lucas das blutverschmierte Stück Klopapier zwischen den Fingern. „Eine Entscheidung kann ich nur treffen, wenn ich eine Wahl habe.“, überlegte er leise, ehe er den Kopf hob und seinem Vater in die Augen sah. „Bringst du es mir bei?“, fragte er. Er wusste nach wie vor nicht, was Vlad von ihm dachte, aber er hatte von Entscheidungen gesprochen und das hier war eine, bei der er sich sicher war. Er wollte sich verteidigen können. Er wollte die Wahl haben, ob er kämpfte oder nicht. Und die hatte er nur, wenn er es konnte.
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Vlad:
Star Wars war einer der Filme, die Vlad nicht mochte. Tatsächlich liebte er Kino und Fernsehen allgemein nicht so wirklich und fand selten den Zugang zu einem Film. Dennoch kannte natürlich auch er das Zitat aus der berühmten Reihe, weswegen er widerwillig nickte. Ja, schlussendlich lief es darauf hinaus. Beim Kämpfen gab es keine halben Sachen. Wer nicht den unbedingten Willen zum Sieg in sich trug, würde früher oder später versagen. Was der Junge dann aber als Schlussfolgerung für sich entdeckte, fand die Zustimmung des ehemaligen Soldaten nicht im Geringsten. Er beeilte sich aber nicht mit der Antwort, sondern kramte die Metallbox hervor, in welcher er seine selbstgedrehten Zigaretten aufbewahrte, holte eine hervor, steckte sie an und hängte sie sich zwischen die Lippen, ehe er den Behälter wieder verstaute. Dann nahm er erst einen Zug und pustete den Rauch leicht seitlich aus.

Das hier war schwieriger, als er gedacht hatte. Er konnte es dem Jungen nicht mit einigen wenigen Worten deutlich machte. Er musste erklären oder aber zulassen, dass er sich in seinen Gedanken verrannte, obwohl er doch schon nahe am Ziel war. Allerdings war etwas, das er aus eigener Erfahrung lernte, sicher effektiver als etwas, das man ihm erklärte. Andererseits konnten hier Worte der Boden sein, welcher nötig war. Der Boden, auf welchem er sich überhaupt daran machten konnte, entsprechende Erfahrung zu sammeln.

Für den Russen war es mühselig. Er war es nicht gewohnt, viel zu reden. Auf Missionen sprach er das Nötigste und nur wenn er abends mit den Jungs und Doll ‚provoziert Chibs‘ (oder sonst jemanden) spielte, redete er mehr als gewöhnlich. Und selbst dann war er im Gegensatz zu den anderen viel wortkarger. Heute ging das nicht. Er zog erneut an der Kippe. Rauchen war sein Laster und auch seine Sucht. Allerdings brachte er es gar nicht so wirklich damit in Verbindung, da die Tabakraucherei sein Gehirn nicht vernebelte. Für ihn war es eine Genusssache, auch wenn es wohl nicht so einfach gewesen wäre, einfach damit aufzuhören.

„Du hast immer eine Wahl, Junge. Du musst sie nur ergreifen. Es gibt Umstände, die zwingend erscheinen, aber sie sind es nie. Es ist immer eine Frage der Konsequenzen. Was wäre, wenn ich nein sage? Brauchst du wirklich ausgerechnet meine Hilfe?“

Vlad kam wieder auf die Füsse und holte das kleine Schraubenzieherset aus der Innentasche seiner Jacke, gegenüber der Pistole. Er hatte es extra mitgenommen, damit er die Lampe direkt hier austauschen konnte, woran er sich jetzt auch machte. Mit ruhigen, geschickten Händen begann er die Halterung zu lösen. Sein Blick lag konzentriert auf der Maschine, aber zumindest ein kurzes Aufschauen zu Lucas machte klar, dass er ihm zuhörte.
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Lucas:
Noch immer war Vlads Gesicht nahezu ausdruckslos und Lucas konnte nicht wirklich abschätzen, was er von seinen Worte hielt. Er zog eine Zigarette heraus und steckte sie an, während Lucas versuchte, geduldig auf die Antwort zu warten. Diese fiel allerdings nicht so aus, wie er gehofft hatte. Der Junge verzog das Gesicht und zuckte mit den Schultern. „Klar hat man eine Wahl.“, antwortete er. „Meistens jedenfalls.“ Es gab auch Momente, in denen man sie nicht hatte. Hätte seine Mutter die Wahl gehabt, hätte sie die Kugeln mit Sicherheit vermieden. „Und wenn du nicht willst, dann muss ich es wohl akzeptieren.“ Auch in diesem Punkt hatte er die Wahl, aber Vlad anzubetteln oder zu trotzen wie ein Dreijähriger kam nicht wirklich in Frage. Lucas sah auf das Stück Klopapier hinunter, das mittlerweile schon ziemlich zerfleddert aussah und schloss die linke Faust darum. War es das? Hielt ihn Vlad für so einen Schwächling, dass es keinen Sinn machte, ihm was Beizubringen? „Ich wüsste nicht, wen ich hier sonst fragen sollte.“, fügte er nach einem Moment des Schweigens aber doch hinzu.

Er sah zu, wie Vlad ein Schraubenzieher-Set aus seiner Jacke holte und anfing, die Lampe aus der Halterung zu lösen. Ohne ein Wort trat Lucas neben ihm und nahm ihm den Lampendeckel aus der Hand. Die einzelnen Teile erst auf den Boden zu legen und dann wieder aufzuklauben war unnötig mühsam. Ebenso die Schrauben, die nur allzu leicht verloren gingen. Ein kurzer Blick von Vlad machte deutlich, dass seine Aufmerksamkeit noch immer auf Lucas lag. „Ist es so schwer verständlich, dass ich mich zur Wehr setzen können möchte?“, fragte er mit einem leisen Seufzen. „Ich hab nicht vor, auf jeden loszugehen, aber… verdammt, ich will nicht bloss die Wahl haben zwischen weglaufen und einstecken.“ Die hatte er im Grunde auch jetzt nicht. Wenn es gegen einen einzelnen ging, dann standen seine Chancen nicht übel, solange er sich nicht packen liess.
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Vlad:
Schweigend arbeitete Vlad weiter, nahm Teile aus den Händen des Jungen und legte andere hinein, während er systematisch und ohne einen Fehler zu machen die Lampe auswechselte. Die Schrauben klemmten ein wenig, denn sie waren fest angezogen gewesen, aber er ging umsichtig genug vor, dass er nicht abrutschte und erst recht keinen Kratzer in seine wertvolle Maschine machte. Der Russe liebte sein Motorrad. Es war für ihn der Inbegriff der Freiheit, die er hier in den USA für sich entdeckt hatte. Zugegebenermassen eine trügerische Freiheit, aber solange die Dyna nicht fliegen konnte, war das schon in Ordnung.

„Du hast mir nicht zugehört.“, bemerkte er dann und verband die Kabel wieder richtig, welche er vorhin gerade abgenommen hatte, um die alte Lampe abzuschrauben. Er klemmte sie ordentlich fest und klebte noch ein Stück Isolierband um den kleinen Kabelstrang, da es vorne ein wenig aufgerissen war und eine rote Gummihülle sichtbar war.

Nein, er hatte ihm nicht zugehört, hatte nur eine Ablehnung wahrgenommen, welche nicht einmal da gewesen war und hatte sofort den Bettel geschmissen. So viel zum Thema Entscheidungen. Vlad mahnte sich zur Geduld. Natürlich konnte er es nicht verstehen. Es war schwer, wenn man jung war. Hätte er selbst es begriffen, hätte man es ihm damals gesagt? Wohl kaum. Er selbst hatte sich treiben lassen, als wäre er ein führerloses Schiff auf dem Meer gewesen, gelenkt nur vom Wind und den Wellen. Niemals hatte er sich zur Wehr gesetzt, sondern einfach nur stumm getan, was man verlangt hatte, so lange, bis er sich einen Ausweg geschafft hatte. Einen Ausweg, welcher gelautet hatte, ein abgewrackter Junkie zu werden. Vlad hatte schon unzählige Male seinem Schicksal dafür gedankt, dass er nicht an Krokodil geraten war, sondern an Heroin. Mit Krokodil hätte er wohl keine zwei Jahre überlebt.

Der Russe erhob sich und tat die alte Lampe in die Schachtel, aus welcher er die neue hatte. Die Schrauben waren natürlich alle verbaut. Kurz schaltete er das Licht an, welches nun wieder einwandfrei funktionierte und nicht mehr halbgar vor sich hin glomm, nur um es dann natürlich sofort wieder auszumachen.

Er wusste nicht, wie er es dem Jungen näher bringen konnte. Vielleicht schwieg er doch besser wieder und liess ihn seine eigenen Erfahrungen machen. Vielleicht war es auch besser, wenn jemand, der sich noch so unsicher war, gar nicht an der Grenze kratzte, an welcher sie gerade ein wenig feilten. Vlad verschloss die Schachtel und stellte sie auf den Sitz der Harley, sich wieder seinem angenehmen Schweigen zuwendend.
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Lucas:
Eine Weile arbeiteten sie einfach schweigend, wobei es eher Vlad war, der die Arbeit machte und Lucas einfach die Teile hielt. Der Junge beobachtete die Sorgfalt, mit der sein Vater vorging und ein leises Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. Er hatte immer gern in der Werkstadt gearbeitet und auch wenn er hier nur mehr oder weniger dekorativ danebenstand und Ablagefläche spielte, so war es doch etwas, das Lucas mochte.

Das Lächeln erstarb aber sehr schnell wieder, als Vlad antwortete, er habe ihm nicht zugehört. Der Junge zog die Brauen zusammen und überlegte, wobei er ihm nicht zugehört habe. Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder er meinte das mit der Entscheidung für oder gegen Kampf wirklich im absoluten Sinn, oder seine Ablehnung was das Beibringen anging, war nicht ganz als Ablehnung gemeint gewesen. Doch welches der beiden er nun gemeint hatte, das war für Lucas nicht klar. Dass Vlad wirklich der Ansicht war, dass er sich zwischen Rambo und Ghandi entscheiden musste, konnte er sich nur schwer vorstellen. Er selbst wirkte nicht wie der Pazifist vom Dienst, er hatte aber auch nicht mit mehr Gewalt als nötig eingegriffen. Dass er mit dem Eingreifen so lange gewartet hatte, war noch ein anderer Punkt.

„Was meinst du?“, wollte er daher wissen und sah Vlad fragend an, der seine Werkzeuge wegräumte und die alte Lampe in die neue Schachtel packte. „Wobei habe ich dir nicht zugehört?“ Ein Teil seines Verstandes protestierte, dass er sehr wohl zugehört hatte, sich Vlad aber vielleicht einfach unklar ausdrückte, doch Lucas brachte diesen Teil zum Schweigen. Er hatte im Moment gerade genug Ärger gehabt und wollte nicht noch einen Streit vom Zaun brechen. Er dachte an die Art, wie seine Mutter ihm manchmal durch die Haare gewuschelt hatte, was jedes Mal einen Protest von Lucas zur Folge gehabt hatte, wenn auch mit einem Grinsen. Lucas schluckte und versuchte die Erinnerung zu verdrängen. Seine Mom war weg. Endgültig.

Ein dumpfes Poltern gefolgt von einem Scheppern und ein Fluch aus dem Laden sorgten dafür, dass die Erinnerungen tatsächlich etwas zurückwichen. Lucas zuckte zusammen und drehte sich in die Richtung, aus dem das Geschimpfe kam. Der Stimme und der Sprache nach war es Ilay. Lucas verstand kein Wort von dem was der Ladenbesitzer sagte, aber er klang nicht verängstig, sondern mehr verärgert. Möglicherweise war ihm einfach etwas runtergefallen.
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Vlad:
Wahrscheinlich war es schwieriger, als Vlad dachte. Oder aber Lucas nicht so klug, wie er aussah, aber in Anbetracht der Tatsache, dass er nicht viel redete, konnte es durchaus sein, dass er sich immer noch zu knapp ausdrückte. Mit Argusaugen untersuchte er noch einmal sein Werk, prüfte nach, ob alles gut und richtig war und überlegte gleichzeitig, ob er in der Lage war, deutlich zu machen, worum es ging. Wahrscheinlich. Wenn er bereit war, klarer zu werden. Wenn er nicht davon ausging, dass der Junge bereits etwas davon wusste. Das tat er nämlich nicht. Er kam aus einer weit heileren Welt als Vlad. Auch wenn er finanziell wohl ziemlich unten durch gemusst hatte – das hatte Vlad den Unterlagen entnommen – und durchaus schon seinen Knatsch mit dem Recht gehabt hatte, war er nicht in der Zwangslage gewesen, zentrale Dinge bewegen zu müssen. Er konnte die Erfahrung nicht haben.

Vlad seufzte innerlich. Es war schwierig. Es war sehr schwierig. Einmal mehr wünschte er sich die Geduld und die Ruhe von Chibs, wollte sich aus dem Gespräch flüchten. Doch er tat es nicht, sondern schaute Lucas mit seiner starren Art in die Augen. Es gab Rekruten, welche sich vor seinem Blick fürchteten und er bemühte sich, nicht ganz so kalt zu blicken wie üblich. Er sah die Unsicherheit im Gesicht des Burschen, nein, seines Sohnes, und fragte sich, was nötig war, um zu erklären.

„Es gibt Dinge, die geschehen. Das ist einfach so. Aber was du mit dem tust, was geschieht, das musst du bewusst entscheiden. Dein Instinkt gibt dir etwas vor. Du wurdest angegriffen, du hast dich gewehrt. Aber hast du dich gewehrt, weil du es wolltest – oder weil du einfach deinem Instinkt gefolgt bist?“

Vielleicht blieb es zu kompliziert, dachte sich Vlad, aber er war zuversichtlich, dass Lucas schon noch dahinter kommen würde, worum es ging. Wenn nicht jetzt, dann später, mit genug Zeit, mit genug Erfahrung.

„Und du sagst, du willst lernen zu kämpfen. Diese Entscheidung muss zuvorderst stehen. Und dann arbeitest du an der Lösung. Dein Ziel darf nicht von dem abhängig sein, was du scheinbar an Möglichkeiten hast. Du schaffst dir deine Möglichkeiten nach deinem Ziel, niemals umgekehrt.“

Um das Gepolter im Haus hatte sich Vlad überhaupt nicht gekümmert. Solange Ilay fluchen konnte, konnte es noch nicht so schlimm sein und der Schwarze wusste, dass sie noch hier waren, denn sonst hätte er auf jeden Fall den Motor der Dyna hören müssen. Nachher konnte Lucas ihm noch die alte Lampe bringen, damit er sie noch auf dem Schrottplatz verkaufen konnte. Ilay sammelte solchen Kram und ersparte es seinen Kunden, die Sachen selbst zu entsorgen – und verdiente noch etwas Geld nebenher.
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Lucas:
Eine ganze Weile starrte Vlad ihn an und Lucas spürte, wie sich unter dessen kaltem Blick ein Unbehagen in ihm ausbreitete. Lucas versuchte es zurückzudrängen, bevor es zu Angst werden konnte und hielt den Blick des Russen stand. Es brauchte Überwindung, doch schliesslich wurde Vlads Blick ein klein wenig weicher. Nicht wirklich freundlicher, aber immerhin nicht mehr ganz so kalt. Er schien zu überlegen und seufzte. Lucas schwieg, sah seinen Vater einfach nur an und versuchte sich in Geduld zu üben.

Als der Russe schliesslich das Schweigen brach und anfing zu erklären, worauf er hinausgewollt hatte, unterbrach Lucas den Blickkontakt doch und sah nachdenklich auf das blutverschmierte, zerrupfte Klopapier hinunter. Dass es Dinge gab, die einfach passierten, das wusste er nur zu gut. Und die Schlägerei heute gehörte noch zu den harmloseren Dingen. Die Frage, die Vlad dann aber stellte, liess ihn die Brauen zusammenziehen. „Ich bin nicht sicher.“, antwortete er ehrlich. Hatte er sich bewusst für den Kampf entschieden? Eigentlich nicht. Er hatte sich gewehrt, weil er angegriffen worden war. Sein Gedanke war gewesen, nicht kampflos unterzugehen und den beiden seine Haut so teuer wie möglich zu verkaufen. War das eine bewusste Entscheidung für den Kampf?

Vlad sprach aber bereits weiter und was er über die Ziele sagte, erstaunte Lucas ein wenig. Aber sie ergab durchaus Sinn. Er sollte sich ein Ziel setzen und dann überlegen, wie er es erreichte. Nicht ob. Wie. Ob Vlad das auch für andere Dinge als für den Kampf so sah? Möglich war es. Zum ersten Mal, seitdem seine Welt in sich zusammengebrochen war, dachte er ernsthaft an das College. Mit Vlad hatte er bisher nur über die Highschool gesprochen und ihm schien es recht egal zu sein, ob sein Sohn sie besuchte. Doch im Augenblick war nicht das College das Thema, sondern der Kampf, egal ob es Parallelen gab. „Das heisst, wenn du es mir wirklich nicht beibringen willst, dann muss ich mir eben jemand anderen suchen, der es tut. Oder es notfalls im Alleingang lernen.“, überlegte Lucas. „Denn lernen will ich es.“ Er zuckte mit den Schultern. „Das vorhin war eher Instinkt, glaub ich. Aber… es passt. Ich bin nicht für dafür gemacht, die andere Wange hinzuhalten.“
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Vlad:
Offenbar war er nun doch durchgedrungen, hatte doch erreicht, dass Lucas verstand, was er ihm sagen wollte. Das war gut, fand Vlad, sogar sehr gut. Wenn es nach ihm ging, konnte er jetzt den Rest der Woche nichts mehr sagen, aber ihm war schon klar, dass er nun, da er den Jungen zuhause hatte, nicht darum herum kommen würde zu akzeptieren, dass er ein paar Worte mehr verlieren musste als gewöhnlich. Immer wieder und wieder. Wie viele Fragen hatte er selbst als Jugendlicher gehabt und sich nicht getraut, sie seinem Vater zu stellen… Mit Gewalt schob er diese Gedanken beiseite. Er hatte lange nicht mehr über seine Jugend in Murmansk nachgedacht, aber Lucas‘ Anwesenheit holte diese Dinge wieder hervor. Etwas, dass Vlad nicht gefiel, denn eigentlich, so dachte er, hatte er mit all dem abgeschlossen. Seine Familie war jetzt hier, nicht mehr in Russland.

„Ich habe noch nicht nein gesagt.“, erinnerte der Russe seinen Jungen, während ihm in den Sinn kam, dass dieser dann wohl bald mit Nachnamen Kozlow heissen würde, aber wahrscheinlich konnten sie das auch unter den Tisch fallen lassen, wenn es Lucas lieber war. Das interessierte ja schlussendlich doch keinen.

„Bring das Ilay. Und bitte ihn, dir einen Helm zu leihen.“, fügte er an, bevor die Möglichkeit bestand, dass Lucas antworten konnte, und drückte ihm die Schachtel mit der kaputten Lampe in die Hand. Wollte er ihm kämpfen beibringen? Wahrscheinlich war die Art und Weise, wie er das täte, nicht die, welche der Junge erwartete. Vlad hatte es auf die harte Tour gelernt und festgestellt, dass es die effektivste Möglichkeit war, einen Mann schnell kampffähig zu machen. Er musste lernen, wie sehr Hiebe schmerzten und musste auch beim Training gezwungen sein, die Bewegungen richtig durchzuführen, weil er sonst aufs Maul bekam. Wie oft war Vlad selbst grün und blau nach Hause gekommen, bis er gelernt hatte, dass seine Deckung sein Leben ausmachte. Aber nach einigen Monaten hatte er es begriffen gehabt und ab dann war es daran gegangen, an der Technik zu feilen, Systematiken und Mechanismen zu verstehen. Aber erst hatte er gelernt zu kämpfen. Direkt, ohne Gnade.

Als der Junge, nein, sein Sohn, zurückkam, blickte Vlad ihn kurz an und fragte sich, ob er wirklich der Lehrer seines eigenen Kindes sein wollte. Er war kein sanfter, zurückhaltender Tutor, sondern einer von denen, die wussten, was den SHIELD-Rekruten begegnen würde und der sie bestmöglich und ohne Rücksicht darauf vorbereitete. Die Jungs hatten oft genug Angst vor ihm, aber wenn sie alles überstanden hatten, dann waren sie dankbar. Würde sein Sohn ihn mit Angst anschauen, wenn er diese Aufgabe übernahm? Und wenn ja, wollte er das? Vielleicht liess er einfach ihn entscheiden.

„Kämpfen ist eine harte Sache, Junge. Du wirst eine Menge einstecken. Bist du sicher, dass du das von mir lernen willst?“

Ja, Lucas hatte gesagt, er wäre keine zwölf mehr, also sollte er sich darüber doch einfach selbst klar werden und sich bewusst machen, dass es bedeutete, dass er von seinem eigenen Vater aufs Maul bekam und zwar so lange, bis er Fortschritte machte.
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Lucas:
Lucas hob eine Braue, als Vlad klarstellte, dass er noch nicht wirklich nein gesagt hatte. War es nur eine Art Test gewesen, wie er darauf reagieren würde, wenn Vlad sich weigerte? Oder war er einfach unsicher, ob er es tun wollte? Doch Lucas kam nicht mehr dazu zu fragen, denn Vlad drückte ihm die Schachtel mit der Lampe in die Hand und gab ihm einen Auftrag. Lucas hatte keinen Grund dem nicht nachzukommen, immerhin hatte Vlad ihm gerade geholfen und ihn ausserdem klang es nicht nach einem Befehl. „Mach‘ ich.“ Er nahm die Schachtel entgegen und ging zu Ilay hinüber, der die kaputte Lampe samt Schachtel entgegen nahm und ihm auf seine Bitte hin einen Helm reichte. Dass er das so ohne Nachfrage und ohne irgendeine Sicherheit zu verlangen tat, zeigte deutlich, dass er Vlad vertraute, was solche Dinge anging. Danke dem Ladenbesitzer und kehrte zu seinem Vater zurück.

Was er von Vlad wirklich halten sollte, wusste er noch immer nicht. Die Puzzleteile, die er bisher gefunden hatte, waren so unterschiedlich, dass sie teilweise nicht zusammenzupassen schienen. Vlad wirkte grob, brummig… und ja, ein Stück weit gefährlich. Lucas gestand es sich nicht gern ein, aber es gab Momente, in denen er ein Stück weit Angst vor ihm hatte. Und doch schien er ein anständiger Kerl zu sein, was gewisse Leute anging. Aber auch da nicht bei allen. Würde man Mrs. Wellington fragen, so wäre die mit Sicherheit anderer Ansicht, dürfte aber wohl über ‚ungehobelt‘ nicht hinausgehen, da sie sonst wieder eingreifen und Lucas von ihm wegholen müsste. Der Gedanke erfüllte den Jungen mit einem Unbehagen, das er in dem Ausmass nicht erwartet hatte. Er wollte nicht wieder weg. Nur… lag das an Vlad oder lag es daran, dass er nicht noch einmal sein Leben in die Tonne treten und von vorn anfangen wollte?

Er beschloss diese Gedanken zu verschieben als er wieder vor Vlad stand. Wieder musterte der Russe ihn mit seinem kalten, durchdringenden Blick, der Lucas einen Schauer über den Rücken jagte und ihm die Frage ins Bewusstsein rief, was er von ihm dachte. Auch dieses Mal fiel es Lucas nicht leicht, dem Blick standzuhalten, doch wenn er wollte, dass Vlad ihn ernst nahm, dann half es wohl kaum, wenn er jedes Mal seinen Blick senkte, wie ein getretener Hund. Die Antwort, die der Russe ihm dann aber gab, überraschte Lucas. Er drehte den Spiess um und wollte wissen, ob er sicher war, dass er sich darauf einlassen wollte.

Jetzt einfach ‚ja‘ zu sagen und darauf zu bestehen hätte zwar dem Impuls in ihm entsprochen, doch Lucas hatte nicht vergessen, was Vlad ihm über die bewusste Entscheidung gesagt hatte. Lucas atmete tief durch, was durch die lädierten Rippen nicht gerade angenehm war und versuchte sich darüber klar zu werden, was Vlads Worte bedeuteten und was seine eigene Entscheidung mit sich bringen würde. Während dem Nachdenken wanderten die Augen des Jungen doch weg von denen seines Vaters und blieben auf dem Boden vor ihm hängen.

Vlad wirkte hart und das war er wahrscheinlich auch. Er hatte in einer Welt überlebt, die alles andere als einfach war und er hatte Lucas davor gewarnt, dass er einstecken würde. Eine Menge. War er bereit dazu? Unbewusst tastete er mit der Hand nach dem Stripe auf seiner Wange. Das hier war wahrscheinlich nur der Anfang. War er bereit, von seinem Vater Prügel einzustecken? Wieder und wieder, bis er sich verteidigen konnte? Er dachte an die Gefühle, die bei der Schlägerei in ihm getobt hatten.

Als Lucas den Kopf wieder hob und erneut Vlads Blick suchte, war die Unsicherheit aus seinen Augen gewichen. Es lag noch eine gewisse Unruhe darin und eine Spur Angst, doch seine Stimme war nahezu ruhig, als er antwortete. „Ja, ich bin sicher. Und ich weiss, dass es hart wird. Aber ich will es ernsthaft lernen, nicht als Sport.“ Letzteres hätte er auch in irgendeiner Schule lernen können und auch mit Kampfsportarten konnte man sich verteidigen, allerdings erst, wenn man sie wirklich gut beherrschte. Das zumindest war es, was Lucas immer wieder darüber gehört hatte.
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Vlad:
Ob der Junge wusste, worauf er sich hier einliess? Der ehemalige Soldat bezweifelte es. Wie sollte er auch wissen, was es bedeutete, so etwas zu lernen, wenn er es nicht konnte. Immerhin hatte er nicht sofort und ohne nachzudenken ja gesagt. Dennoch war sich Vlad nicht sicher, ob das hier klug war. Wahrscheinlich nicht. Aber er konnte schlecht eine Bedingung ausgeben und Lucas dann ablehnen. Immerhin hatte dieser schon den Unterschied zwischen Kampfsport – was der Russe allgemein als albernes Rumhüpfen empfand, weil Kämpfen nach Regeln völliger Bullshit war – und Kämpfen schon erkannt. Das war kein schlechter Anfang. Und was auch für ihn sprach, war die Veränderung in seinem Blick. Die latente Angst war zumindest für den Augenblick gewichen.

Diese Angst war etwas, dass den Russen beunruhigte. Normalerweise war es ganz angenehm, dass er diesen Effekt auf andere Leute hatte, aber wahrscheinlich war es nicht gut, wenn das bei dem Jungen der Fall war. Der war kein Gegner und auch keiner dieser albernen Anzugsträger bei SHIELD. Aber er war nun einmal so. Entweder würde Lucas also lernen, ihn zu lesen, so wie die Reapers, oder er würde sich fürchten. Sie würden schon sehen, wie das laufen würde.

Anstatt etwas zu antworten – für Vlad war das jetzt eine ausgemachte Sache, zog Vlad seinen Helm an und verschloss den Riemen unter dem Kinn. Die Hirnhaube passte natürlich wie angegossen. Dann schloss der Russe noch die Jacke, schwang das Bein über die Harley und dirigierte Lucas mit einem Nicken hinter sich auf den Soziussitz, ehe er die Maschine startete, welche sofort gleichmässig brummend zum Leben erwachte. Vlad liebte dieses Gefühl. Für sein Leben hatte er meist eine gleichbleibende Ernsthaftigkeit, aber für Harleys hatte er Begeisterung.

Gleich darauf rollten sie auf die Strasse. Fahren in New York war nicht so schön wie draussen auf dem Land, aber schön genug. Vlad war sich zwar nicht sicher, an er sich ob seinem Passagier störte, aber darüber konnte er ein anderes Mal nachdenken. Flüssig lenkte er sie beide durch den eher mässig dichten Verkehr, hielt das eine oder andere Mal brav bei einem Rotlicht und näherte sich immer mehr der East Bronx und erneut dem Rand des Korridors, welcher Vlad Lucas angegeben hatte. Er tendierte sehr stark dazu, sich in den Randgebieten zu bewegen, bemerkte der Russe just in diesem Augenblick und grinste innerlich, während auf seinem Gesicht nichts zu sehen war.

Schliesslich hielt er vor einem Club, dessen Leuchtschild (welches jetzt tagsüber natürlich nicht eingeschaltet war) ihn als ‚Biker’s Lady‘ auswies. Hier hielt Vlad an, stellte sein Bike neben ein anderes, kleineres, welches auch da stand und wartete stumm, bis Lucas abgestiegen war, ehe er selbst das auch tun konnte und seinen Helm wie immer auf dem Motorrad deponierte. Hier war niemand so dumm, dieses anzurühren. An der Tür des Clubs stand gross und deutlich ‚Zugang ab 21 Jahren‘, aber das kümmerte den Russen offenbar wenig, denn er öffnete sie, trat ein und winkte Lucas, ihm zu folgen.

Drinnen herrschte Betriebsamkeit. Zwei Frauen, eine brunett, die andere blond, und ein junger Mann mit etwas abstehenden Ohren waren damit beschäftigt, den Laden zum Öffnen vorzubereiten und blickten nur nebenbei auf, als Vlad hereinkam – bis Kelly, die Blondine, als erste sah, dass er Begleitung hatte.

„Bist du im Kinderhütedienst eingestiegen, Boss?“, fragte sie mit einem Scherz in der Stimme und erhielt keine Antwort, was sie auch nicht erwartet hatte.
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Lucas:
Vlad antwortete nichts mehr auf Lucas‘ Zustimmung, sondern setzte seinen Helm auf, stieg auf die Harley und bedeutete seinem Sohn hinter ihm aufzusitzen. Lucas kam der stummen Aufforderung nach, nachdem er den Helm aufgesetzt hatte. Er war froh, war es keiner von der Sorte, die den ganzen Kopf umschlossen, auch wenn die weit mehr Sicherheit boten. Aber auf den eben noch blutenden Wunden wäre ein engsitzender Helm ziemlich unangenehm gewesen und ausserdem hätte er ihn mit Sicherheit vollgesaut. Wahrscheinlich hatte Ilay auch das bedacht, als er ihm den Helm gegeben hatte, den Lucas nun auf dem Kopf trug.

Der Junge genoss die Fahrt, versuchte aber dennoch, sich den Weg zu merken. Es war nicht ganz einfach, doch er konnte sich genug Orte merken, um den Weg notfalls wiederfinden zu können. Zumindest war es wahrscheinlich. Dass er nicht hundert prozentig auf seinen Orientierungssinn gehen konnte, hatte er eben bewiesen. Viel zu schnell für Lucas‘ Geschmack hatten sie ihr Ziel erreicht. Vlad stoppte vor einem Club, dessen Name auf einem ausgeschalteten Leuchtschild verkündet wurde, flankiert von einer Altersbegrenzung. Die Art wie Vlad seinen Helm unbekümmert auf dem Motorrad zurückliess und die Beschränkung ignorierte, liess Lucas vermuten, dass es sich um seinen Club handelte.

Anders als Vlad liess Lucas seinen Helm nicht auf der Maschine zurück. Selbst wenn das hier der Club seines Vaters sein mochte… der Helm war geliehen und daher liess er ihn nicht einfach liegen. Lucas folgte seinem Vater ins Innere des Clubs. Drinnen waren zwei Frauen und ein Mann damit beschäftigt, den Club auf die Kundschaft vorzubereiten. Lucas begrüsste die drei mit einem Lächeln, doch als die Blonde einen Spruch von wegen Kinderhütedienst fallen liess, erstarb das Lächeln. Dass er zu jung für den Club war, war Lucas auch klar, aber er mochte es nicht, wenn man ihm sowas aufs Brot schmierte.

Lange hielt sich das ernste Gesicht allerdings nicht und wich schon nach ein paar Herzschlägen wieder einem Lächeln, als sich Lucas in dem Laden umsah. Er war… toll. „Das ist dein Club, oder?“, meinte er an Vlad gewandt. Es war eine rhetorische Frage, denn er war sich ziemlich sicher und in seiner Stimme schwang die Begeisterung für den Laden mit, die den Dämpfer den die Blonde ihm verpasst hatte, bereits wieder überlagerte.
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Vlad:
Die Begeisterung war dem Jungen anzusehen. Offenbar war er keiner von denen, welche lange eingeschnappt waren, wenn sie verbal aufs Maul bekamen. Das hatte Lucas schon bei Ilay bewiesen und jetzt bei Kelly erneut. Ihre Worte hatten ihn offenbar getroffen, aber so schnell, wie er beleidigt gewesen war, so schnell hatte er dies wieder abgeschüttelt.

„Ja.“

Der Russe fing Mels kritischen Blick auf, mit welchem sie das Gesicht des Jungen betrachtete. Wie immer war ihr Dekolleté anziehend genug für jeden männlichen Blick, ohne billig zu wirken. Die dunkelhaarige Frau war eine wahre Künstlerin, wenn es darum ging, sich zu kleiden. Gerade jetzt hatte sie Arme unter der Brust verschränkt und es war ganz deutlich, dass sie überhaupt nichts davon hielt, wie Lucas rumlief – und es war ebenfalls deutlich, dass sie es durchaus in Betracht zog, dass Vlad ihm eine verpasst hatte. Zwar schlug der normalerweise keine halben Kinder, zumindest so weit sie wusste, aber man konnte wirklich nie wissen. Sie war fest davon überzeugt, dass es jeder schaffte, sich von ihm Prügel abzuholen, aber sie kannte ihren Boss auch nur aus dem Club.

„Warst du das?“, fragte sie vorwurfsvoll und einen Augenblick lang fragte sich Vlad, ob da der Mutterinstinkt griff. Sie sagte allerdings meist, was sie dachte und es war auch möglich, dass sie einfach so missbilligend über die Verletzungen dachte. Auf jeden Fall gefiel sie ihm, wie sie dastand, mit misstrauisch blitzenden Augen und voller Energie. Wie immer, nur intensiver als sonst. Vielleicht sollte er sich das merken. Etwas Provokation und sie wurde noch anziehender als ohnehin schon. Einmal mehr war er froh, dass Marc ausgerechnet diese beiden Frauen hier eingestellt hatte. Er kam definitiv nicht zu kurz.

„Nein.“, antwortete er mit einem Kopfschütteln. „Aber kümmere dich trotzdem um sein Gesicht.“

Sie war nicht überzeugt, das war deutlich, aber Vlad scherte sich nicht weiter darum, sondern trat hinüber zur Bar. Mel indessen ging mit ihrem üblichen Hüftschwung zu Lucas, blickte sich die Platzwunde an und seufzte dann. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich um so etwas kümmerte und spätestens wenn Chibs und Vlad sich mal wieder prügelten, würde sie erneut dazu kommen. Die beiden schenkten sich wirklich nicht viel, wenn es mal wieder so weit war. (Am Schlimmsten war es aber, wenn Doll mitmischte.)

„Na dann komm mal mit.“, forderte sie den Jungen auf. Sie reichte ihm gut bis zur Nase und blickte noch einmal musternd in seine dunklen Augen, ehe sie lächelte, sich abwandte und offenbar erwartete, dass er tat, was sie sagte. Sie wartete nicht, sondern ging zur Tür neben der Theke, welche in die privaten Bereiche führte.

Vlad ging hinüber zur Theke und nahm sich ein Glas Wasser, welches er praktisch in einem Zug hinunterstürzte. Für Vodka war es noch ein Bisschen zu früh, denn davon, betrunken zu fahren, hielt er überhaupt nichts. Lange zu bleiben beabsichtigte er an diesem Abend nicht, Marc war da und würde sich um den Betrieb kümmern wie meist. Vlad selbst hatte noch eine Trainingseinheit im Fitnesscenter auf dem Programm. Da konnte er den Jungen dann ja gleich mitnehmen.
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Lucas:
Lucas war in der Regel tatsächlich nicht nachtragend. Er konnte es werden, wenn jemand wirklich zu weit ging, aber das brauchte doch einiges. Dass Vlad der Blonden dann aber auch noch zustimmte, versetzte Lucas einen weit schmerzlicheren Stich. Er schluckte leer und versuchte sich selbst davon zu überzeugen, dass Vlad ihn nicht hätte selber entscheiden lassen, wenn er ihn tatsächlich für ein Kind hielt, aber es half nur ein Stück weit. Dass sein Vater ihn nicht ganz für voll nahm, war durch die Antwort deutlich geworden. Er musste irgend einen Weg finden, ihm zu beweisen, dass er kein Kind mehr war. Sicher, er war auch noch nicht ganz erwachsen, aber… schon bald. Es fehlte nicht mal mehr ein Jahr dazu und theoretisch hätte er sogar jetzt schon in die Armee eintreten können. Theoretisch. Die Army war wirklich kein Ort, an den es Lucas hinzog.

Die Stimme der Brünetten lenkte Lucas‘ Aufmerksamkeit auf sie und als sein Blick für länger als einen Moment an ihr hängen blieb, fiel es Lucas schwer, ihn wieder von ihr zu lösen. Sie war… heiss. Anders konnte man das nicht beschreiben. Sicher, sie war zu alt für ihn, aber das änderte den Umstand nicht, dass Lucas‘ Herz schneller schlug und er seinen Blick bewusst von ihrem Ausschnitt fernhalten musste. Er wollte schliesslich nicht, dass sie ihn für einen kleinen, pubertierenden Teenie hielt, der seine Hormone überhaupt nicht im Griff hatte. Zwei der Punkte mochten zwar stimmen, aber im Griff hatte er sich trotzdem. Dass sie ihren Boss schon fast sauer fragte, ob er ihn so zugerichtet hatte, jagte Lucas einen kleinen Schauer über den Rücken. Klar, wahrscheinlich war das einfach eine Art Mutterinstinkt, aber… trotzdem.

Als Vlad nur trocken verneinte, ihr aber auftrug, sich um Lucas‘ Gesicht zu kümmern, schluckte dieser leer. Die Brünette wandte sich mit einem Lächeln zu ihm, das Lucas‘ Herzschlag noch einmal beschleunigte und bedeutete ihm ihr zu folgen, eine Aufforderung, der Lucas folgte. Er versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, doch seine Ohren waren deutlich roter als noch vor wenigen Minuten. Er folgte der Frau durch die Tür, zu der die Gäste keinen Zutritt hatten. „Vlad war’s wirklich nicht.“, erklärte Lucas der Brünetten, während die Tür hinter ihm zuging. Er wusste nicht, ob sein Vater es noch hörte, aber das war auch nicht so wichtig. Lucas glaubte kaum, dass der Russe viel Wert auf seine Unterstützung legte. Ausserdem hielt sie ohnehin den grössten Teil seiner Aufmerksamkeit gefangen. „Bin auf der Strasse mit zwei Jungs zusammengerasselt und hab‘ den Kürzeren gezogen.“, fügte er hinzu und zuckte mit einem schiefen Lächeln mit den Schultern.
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Domenica:
Mel hatte sie angerufen und sie gebeten sich den großen Kühlschrank anzusehen, der seit einigen Tagen bedenkliche Knattergeräusche von sich gab. Ihrer Beschreibung nach zu urteilen hatte er ein bisschen geklungen, als würde er jeden, der einen Vorstoß in die Küche wagte, unter Artilleriefeuer nehmen. Domenica fand, dass das Gerät genauso klang, wie es angesichts der Tatsache, dass eine Seitenwand undicht war und der Kompressor auf Hochtouren lief, zu klingen hatte. Sie hatte sich also direkt nach ihrer Arbeit auf der Ruby auf dem Weg gemacht und war seither damit beschäftigt den Kasten zu reparieren, ohne ihn dabei vom Strom zu nehmen, weil der Inhalt nicht umgelagert werden konnte und selbst die Stammkunden kein Verständnis für warmes Bier haben würden. Um die undichte Stelle wenigstens erreichen zu können, hatte sie den Kühlschrank gemeinsam mit Bobby und unter Einsatz mehrerer Verlängerungskabel nach vorne und auf den Gang gezogen, so dass die Küche weiterhin mühelos komplett begehbar war, der unförmige Kasten dafür aber jedem den Weg blockierte, der in den kleinen privaten Aufenthaltsraum oder Vlads Büro wollte. Sie war beinahe fertig, musste nur die Seitenwand wieder anbringen, als plötzlich Mel zu ihr stieß, einen Domenica völlig unbekannten jungen Mann im Schlepptau, der aussah, als hätte sich mit einer Horde Nashörner angelegt – aber es waren keine Nashörner gewesen, wie sie seinem letzten Satz entnahm. „Bin auf der Straße mit zwei Jungs zusammengerasselt und hab‘ den Kürzeren gezogen.“

Da sie ihre Kopfhörer trug und leise ‚All you need is love‘ von den Beatles vor sich her summte, hatte sie weder Vlad noch den Jungen hereinkommen hören und wunderte sich deshalb flüchtig darüber, seit wann Mel sich um Leute kümmerte, die außerhalb der Biker’s Lady ein blaues Auge eingefangen hatte. Sogar die Stammgäste kamen nur selten in den Genuss von ihr zusammen geflickt zu werden, wenn sie sich im Club eine Prügelei geliefert hatten – viel größer war die Chance, dass Bobby ihnen einen Kübel Eiswürfel über den Kopf kippte und Marc sie im Anschluss mit einer Empfehlung vom Chef vor die Tür beförderte. Außerdem waren Mels Samariter-Gene nicht sonderlich ausgeprägt – außer es handelte sich um nicht volljährige, süße Schelme, die einen ganz bedröppelten und obendrein völlig hilflosen Eindruck machten. Der junge Mann, Domenica schätzte ihn auf um die zwanzig Jahre, hatte auf jeden Fall ordentlich eingesteckt. Auf seiner Wange schillerte ein prächtiges Veilchen, gekrönt von einem Riss, der aber schon verarztet worden war und über seiner Augenbraue klaffte eine kleine Platzwunde. Als Domenica auffiel, dass sie ihn praktisch anstarrte, senkte sie hastig verlegen den Blick und strich eine imaginäre Falte aus ihrer dreckigen Arbeitshose. Sie hatte noch keine Zeit gefunden sich umzuziehen und war deshalb in ihrer Arbeitskluft zum Club geeilt.

Mel indes linste an Domenica vorbei, sah allerdings schnell ein, dass sie und ihr prächtiger Busen nicht durch den Spalt zwischen Kühlschrank und Flurwand passen würden und wandte sich mit einem kleinen Lächeln an die Rothaarige: „Schätzchen, magst du mir aus Vlads Büro kurz den Verbandskasten holen?“ Stumm nickend und ohne noch einmal aufzusehen tat Domenica sofort, worum Mel sie gebeten hatte – und stierte bei ihrer Rückkehr, das Medkit im Arm, etwas perplex auf die Stelle, wo Mel eben noch gestanden hatte. „Wo… wo ist sie hin?“ In diesem Moment ertönte die Stimme der dunkelhaarigen Schönheit aus dem Clubraum, wo sie Bobby harsch über den Mund fuhr, was es bitteschön heißen solle, er habe die Buchungsbestätigung für die Bierlieferung versemmelt und der Lieferant wollte ihm die Kisten ohne den Wisch nicht überlassen. Da sie den Lieferanten bereits beim Vornamen kannte nahm sie sich der Sache an und kehrte nicht, wie Domenica gehofft hatte, umgehend zu ihr und dem jungen Mann zurück. Etwas hilflos sah Domenica zwischen dem Verbandskasten und dem Schnitt auf der Stirn des Burschen hin und her und entschied sich, dass sie schon oft genug zugeschaut hatte um ein wenig getrocknetes Blut wegzutupfen und zwei Wundnahtstreifen anzubringen. Man konnte den armen Kerl ja nicht so herumlaufen lassen, das tat doch weh. Unter Müh und Not brachte sie ein halbwegs Verständliches: „D… du… uhm… K… K… Küche… s… sset… setzen“, über ihre Lippen und deutete gleichzeitig auf den Eingang zur Küche, wo direkt neben der Tür ein Stuhl stand, während sie sich bereits die Arbeitshandschuhe von den Fingern zupfte und sich samt Verbandskasten zwischen Kühlschrank und Flurwand hindurch presste.
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Lucas:
Lucas folgte der Brünetten in den Bereich hinter der Bar, doch der Weg war durch einen Kühlschrank und einer ziemlich hübschen Frau blockiert. Irgendwo hier schien es ein Nest von denen zu geben. Also… von hübschen Frauen, nicht von Kühlschränken. Diese hier war allerdings rotblond und trug die Kleidung eines Mechanikers. Die Dreckflecken auf der Hose zeugten davon, dass es nicht eine Stilfrage war, sondern dass sie tatsächlich Dinge zu reparieren wusste. Eine interessante Kombination, wenn man Lucas fragte. Er stand nicht sonderlich auf den in die neuste Mode gekleideten, top gestylten, stets latent hysterischen Typus Frau, die – fragte man das Klischee – standardmässig Brittney oder Ashley hiess. Nein, da zog es ihn doch weit mehr zu jener Art Frau wie es die Brünette von vorhin gewesen war, auch wenn man(n) bei denen riskierte, ordentlich Paroli geboten zu kriegen.

In dem Punkt war der Rotschopf offenbar anders. Sie sagte kein Wort, als die Brünette sie bat, den Verbandskasten zu holen. Lucas hielt sich zurück und schwieg ebenfalls. Das Mädel schien ein wenig schüchtern zu sein und er wollte sie nicht noch weiter verunsichern. Die Pläne gerieten aber durcheinander, als Mel – so hatte der Typ aus der Bar sie zumindest eben gerufen – zurück in den Schankraum ging, um ein Problem mit dem Bierlieferanten zu lösen. Lucas blieb allein zurück und nur Sekunden später stand die Mechanikerin wieder vor ihm.

Etwas verlegen stand Lucas nun vor ihr, während sie zu überlegen schien, was sie nun tun sollte. Schliesslich rang sie sich einen gestotterten Befehl ab, der aber trotz der Unterbrechungen klar verständlich war. Möglicherweise war das der Grund dafür, dass sie bisher nichts gesagt hatte. „Aye, Ma’am.“, antwortete Lucas mit einem Schmunzeln und einem schelmischen Funkeln in den Augen. Er sah in die Richtung, in die sie zeigte und ging auf den Stuhl zu, um sich dort wie von ihr verlangt, hinzusetzen. Sie hatte sich derweil die Arbeitshandschuhe ausgezogen und war ihm mit dem Verbandskasten in die Küche gefolgt. Lucas sah zu ihr hinauf. Sie schien ein paar Jahre älter als er zu sein, aber nicht so viel älter, wie Mel.

„Ich bin Lucas.“, stellte er sich vor. „Danke, dass du übernimmst.“ Er deutete mit einem schiefen Lächeln auf die Platzwunde über seinem Auge. Eine Wunde desinfizieren und einfach ein Pflaster drüber kleben konnte er im Normalfall auch selbst, aber wenn die Wundränder zusammenpassen sollten und es auch noch über dem Auge war, dann war es doch sehr viel einfacher, wenn man nicht vor einem Spiegel stand und umdenken musste.

ooc: Auf Vlads Wunsch hab ich mich dazwischen geschoben. ^^
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Domenica:
Beinahe wäre sie über den Werkzeugkasten auf dem Boden gestolpert, als der junge Mann sie Ma’am nannte. Domenica fühlte sich wie eine Lass, ein Schätzchen und sogar wie eine Princess Peach (Dicks Kosename für sie), aber auf keinen Fall wie eine Ma’am. Eine Ma’am nannte man nur eine autoritär übergeordnete Befehlshaberin, eine strenge Mutter von dreieinhalb wohlerzogenen Kindern oder aber eine alte Katzenlady. Domenica besaß weder Autorität, noch Kinder und erst Recht keine Katzen – auch wenn sie sich Letzteres eigentlich gerne wünschte. Leider waren Tiere auf einem Flugschiff wie dem Helicarrier nicht praktikabel. Kleine gingen zu leicht verloren und konnten zu viel Schaden anrichten, Große hatten schlichtweg keinen Platz.

Der Blick, den der junge Mann ihr zuwarf, verwirrte Domenica nur noch mehr, auch wenn sie sein Lächeln höflich erwiderte und einfach hoffte mit ihren dreckigen Arbeitsklamotten, dem Werkzeuggürtel, dem Verbandskasten unter dem Arm und den Flecken im Gesicht nicht auszusehen wie eine halbdebile Psychopathin auf dem Weg zu ihrem nächsten Opfer. Immerhin beharrte der Dunkelhaarige nicht darauf, dass die vollbusige Schönheit sich über ihn beugte und sich seiner Wunden annahm. Domenica hatte beobachtet, dass Männer bei Mel eher geneigt waren den Kopf still zu halten, was an der hypnotischen Wirkung ihres Dekolletees liegen musste. Unbewusst linste Domenica an sich herab, aber da war nicht viel mit Hypnose. Ihre Brüste musste man unter dem schwarzen Pulli erstmal finden, obwohl er eng anlag. Wie hatte Dick sie so schön beschrieben: Wie die zarten Knospen eines Pfirsichbaums im Frühling. Ihr nicht auf literarische Ausschweifungen ausgelegtes Gehirn hatte abgeblockt und sie sich deshalb keine weiteren Gedanken über ihre ‚zarten Knospen‘ gemacht. Aber Knospen hatten generell keine besonders anziehende Wirkung und würden dem jungen Mann deshalb nicht beim ruhig Sitzenbleiben helfen.

Kaum hatte er sich gesetzt, legte sie den Verbandskasten auf der Anliege ab, öffnete ihn und holte Verbandtuch, Wattebäusche, Desinfektionssprach und Pflasterstrips hervor. Fein säuberlich bereitete sie alles ungeöffnet nebeneinander aus, genau in der Reihenfolge, in der sie es brauchen würde, bevor sie sich gründlich die Hände mit Seife wusch und ein paar frische Einmalhandschuhe aus Latex überstreifte. Es mochte dann nur ein kleiner Schnitt über der Augenbraue sein, wenn schon die unmittelbare Umgebung nicht eine hygienische Hochburg war musste man zumindest bei der Behandlung Vorsicht walten lassen (sprich im Ernstfall wären Domenicas Patienten längst verblutet, bevor sie mit den ihrer Meinung nach zwingend notwendigen Vorbereitungen fertig gewesen wäre.)

Mit dem angefeuchteten Verbandtuch drehte sie sich zu dem Dunkelhaarigen um, der sich ihr in diesem Moment mit einem kleinen Grinsen als: „Ich bin Lucas“, vorstellte und sich noch im gleichen Atemzug für ihre Hilfe bedankte. Völlig fasziniert starrte Domenica für einen Moment auf das neckische kleine Grübchen in seiner linken Wange, das ihn irgendwie süß wirken ließ: „Oh, d… dasist..ist… ahm..“ doch selbstverständlich. Wollte sie eigentlich sagen, während ihr eine verlegene Röte in die Wangen kroch, doch alles was sie noch zustande brachte war ein Genuscheltes: „Dmenca.“ So in ungefähr verliefen auch ihre Konversationen mit den Männern, denen ihr Dad sie praktisch in die Arme schob – wahrscheinlich in der Hoffnung, dass sie sich einfach irgendwann ihrem Schicksal ergeben und aus der Not heraus eine Konversation aufgreifen würde. Bislang hatte sein Plan zwar keine Früchte, dafür Stilblüten getragen, mit denen Domenica bis heute aufgezogen wurde.

Ganz behutsam und im Versuch ihn so wenig wie nur irgendwie möglich zu berühren legte sie Daumen und Zeigefinger an sein Kinn und neigte seinen Kopf ein kleines Stück nach hinten, so dass sie eine bessere Sicht auf die Platzwunde hatte. Tatsächlich hielt er absolut still – trotzdem entschuldigte sie sich immer wieder leise, wenn sie spürte wie er unter dem feuchten Tuch zusammenzuckte. Sie hasste es anderen Leuten weh zu tun, völlig egal wie nichtig der Schmerz und wie aufrichtig gut der Gedanke dahinter. Ohne ein weiteres Wort, die Lippen zu einem konzentrierten, schmalen Strich zusammengepresst säuberte Domenica die Wunde, desinfizierte sie und schloss sie mit drei sorgfältig platzierten Pflasterstrips. Akribisch genau inspizierte sie ihre Arbeit noch einmal, ehe sie einen Schritt zurückmachte und sich die Handschuhe von den Fingern zupfte, ihm damit zu verstehen gebend, dass sie hier fertig waren und er wieder aufstehen durfte.
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Vlad:
Vlad war immer wieder fasziniert von der Dynamik, welche diese Crew hier aufbrachte. Bobbys Schussligkeit, Mels Energie, der arme Lieferant, der gleich nach dem jungen Mann mit den abstehenden Ohren von ihr zur Sau gemacht wurde… es war einfach faszinierend. Als die dunkelhaarige Schönheit wieder hereinkam, ergriff Vlad erst einmal die Flucht, nachdem er ihr einen eindeutig zweideutigen Blick zugeworfen hatte und er ihr schon ansah, dass sie gleich los toben würde. Auf seine Kosten. Besser, da stand er nicht im Weg. Überhaupt war die Frage, wer sich nun eigentlich um Lucas Gesicht kümmerte. Also verzog er sich erst einmal nach hinten, wo er aus der Küche Stimmen hörte. Domenica? Ausgerechnet. Der Russe hatte nicht gewusst, dass sie hier war, aber das war ja auch nicht nötig. Einen Augenblick später lehnte er im Türrahmen, sagte aber nichts und blieb offenbar zumindest für Domenica unbemerkt.

Deswegen also stand der Kühlschrank ziemlich im Weg und die Werkzeugkiste daneben. Das hätte er sich auch gleich denken können, denn ausser Marc war das Talent in mechanischen oder elektronischen Dingen in der Belegschaft relativ gering. Dafür hatten Kelly und Mel die Durchwahl der grossgewachsenen Mechanikerin, welche mit einer gewissen Regelmässigkeit das zum Teil ziemlich alte Zeug in diesem Club rettete, reparierte und verbesserte.

Wie viel Schwierigkeiten Domenica mit anderen Leuten hatte, wusste er und er wunderte sich weder darüber, noch kam er auf die Idee, diese Tatsache niedlich oder süss zu finden. Beide Worte kamen in diesem Sinne nicht in seinem Wortschatz vor. (‚Süss‘ brauchte er für Süssspeisen. Niedlich war… nichts.) Für Harleys und Frauen gab es viel passendere Koseworte, wobei zumindest bei letzteren Vlads verbale Tätigkeit eher gering war. Meist erwies sich das auch als völlig unnötig.

„Danke, Kleines.“, sagte er schliesslich und beendete das ‚Versteckspiel‘, als er die Küche betrat. Ihm war klar, dass Chibs‘ Tochter den jungen Mann nochmals um ein Stückchen überragte. Noch jemanden, in dessen Anwesenheit die übliche Anrede von Vlad gegenüber Domenica eine gewisse Ironie in sich trug. Ob Lucas wohl noch wachsen und mit ihm gleichziehen würde oder ob er so ein kleiner Kerl blieb? Na, sie würden es sehen. Prüfen, ob Domenicas ‚medizinische‘ Arbeit taugte, tat Vlad nicht. Was immer dieses Mädchen tat, es taugte auf jeden Fall – solange es nicht kämpfen oder schiessen war.

„Schummriger Kopf, Junge, oder siehst du alles klar?“

Er selbst hätte früher wohl NIE zugegeben, wenn er nach einer Prügelei irgendwie das Gefühl gehabt hätte, sich ernsthaft verletzt zu haben und das war darum eine Frage, die er sogar mal einem Rekruten stellte, wenn er wirklich fies aufs Maul bekommen hatte. Er wollte die Leute ja nicht totschlagen.
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Lucas: Lucas grinste verschmitzt als er sah, dass er das Mädel mit dem Bernsteinhaar mit seinem ‚Ma’am‘ irritiert hatte. Sie schien solche Scherze nicht gewohnt zu sein. Ihre Unsicherheit machte sie irgendwie unheimlich süss. Vollkommen anders als die rassige Mel, aber auf ihre Weise. Sie war stiller, zurückhaltender… aber definitiv anziehend. Lucas sah ihr zu, wie sie sorgfältig alles Benötigte auf der Ablage aufreihte, die Hände wusch und sich Latexhandschuhe überzog. Er konnte sich einer gewissen Faszination nicht erwehren, während er ihr zusah. Sie schien jeden noch so kleinen Handgriff bewusst zu planen. Seine eigene Planung war zwar durchaus vorhanden, aber seiner Erfahrung nach hielt sich das Leben nicht daran. Also dachte er meist nur in groben Zügen voraus und improvisierte immer wieder aufs Neue, was die Zwischenschritte anging. Was bei ihrer Arbeitsweise definitiv ein Vorteil war, war der Umstand, dass sie so nichts Wichtiges vergass. Ob es nun notwendig war, dermassen keimfrei vorzugehen, wenn sie seine Platzwunde versorgte, das war eine andere Frage, aber Lucas war schon froh, dass sie nicht einfach mit dreckigen Fingern und ohne zu desinfizieren die Wunde zuklebte und der Natur ihren Lauf liess.

Als sie sich schliesslich ihm zuwandte, blieb ihr Blick an Lucas‘ Gesicht hängen, was diesen kurz verlegen werden liess. Sein Dank warf sie aber erneut aus der Bahn, wie ihre gestotterte Antwort zeigte. Er schmunzelte ein wenig, nickte aber, als sie einen Namen nuschelte. Er hatte zwar nicht wirklich verstanden, was sie gesagt hatte, aber das würde er schon noch rauskriegen. Es musste irgendwas in Richtung Monica sein. Fürs Erste würde er sie wohl in Gedanken so nennen und ihren Namen noch etwas zu vermeiden versuchen. Die Chance bestand schliesslich, dass sie von einem de Anwesenden mit Namen angesprochen wurde. Ausserdem begann sie damit, seine Platzwunde über dem Auge zu säubern und da war es nicht hilfreich, wenn er nachhakte und sie noch mehr verunsicherte. Also liess er sie in Ruhe arbeiten und sah sie stattdessen von unten herauf an. Ihre Haut war übersät von Sommersprossen, die eine Braue wurde von einer Narbe durchzogen… doch Lucas‘ Blick wurde von ihren Augen eingefangen. Sie waren blaugrau mit einem dunklen Ring. Zwei, drei Mal zuckte Lucas unter ihren Berührungen zusammen, obschon er sich eigentlich wirklich hatte stillhalten wollen, und als sie sich schliesslich abwandte und die Handschuhe auszog, durchzog Lucas ein leises Bedauern.

Er tastete vorsichtig nach den beiden Strips, die die junge Frau aufgeklebt hatte, doch die Stimme seines Vaters liess ihn zusammenzucken. Vlad betrat die Küche und Lucas fragte sich unwillkürlich, wie lange er schon da gewesen und wie viel er mitbekommen hatte. Nun… eigentlich gab es nicht viel, was er hätte mitkriegen können. ‚Frau klebt Kerl Pflaster auf‘ war nun wirklich nicht der Stoff aus dem die Blockbuster gemacht waren. Die Frage nach seinem Kopf, beantwortete Lucas mit einem Nicken, auch wenn es eigentlich davor noch ein Kopfschütteln gebraucht hätte, um beide Frageteile zu beantworten. „Ich sehe klar.“, präzisierte er. „Kein Schwindelgefühl und mir ist nicht übel.“ Er ahnte, worauf Vlads Frage hinauslief und zuckte mit den Schultern. „Ist wohl nichts wirklich kaputt. Bloss verbeult.“
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Domenica:
Beinahe wünschte sich Domenica, der junge Mann hätte tatsächlich auf ihre Brüste gestarrt, so wäre sie nicht in die Verlegenheit gekommen alle drei Sekunden Blickkontakt aufnehmen zu müssen. Es war nämlich unhöflich jemanden zu ignorieren, der einem ansah. Sofern das Ansehen nicht zum Starren wurde, denn dadurch wendete sich das Blatt und das Ignorieren wurde zum Selbstschutz. Das Funktionssystem der Gesellschaft hatte sich für Domenica nicht immer wie eine Bauanleitung für das utopische Miteinander gelesen, aber irgendwo auf dem Weg vom Kind zur Erwachsenen hatte sie ein paar Stufen der sozialen Entwicklung verpasst, darunter so einfache Sachen wie Benimmregeln wenn man bei Freunden oder auch Fremden zu Besuch war und das man Einladungen nicht ausschlug. Das ihre Väter ihr derzeit ganz eigene Sitten gelehrt hatten, die nicht immer mit der gesellschaftlichen Vorstellung konform gingen, hatte das Leben für sie nach deren Tod nur noch komplizierter gemacht (Sie sollte zum Beispiel nie lügen… und das tat sie auch nicht – was nicht in jeder Situation von Vorteil war) und streckenweise hatte sie einzelne gesellschaftliche Vorgänge wie eine These tiefenanalysieren müssen, um sie zumindest nachmachen zu können. Verstehen tat sie diese nicht immer, denn mit Logik hatten sie nur selten etwas zu tun. Aber sie wusste, dass es unhöflich war jemanden zu ignorieren.

Also hob sie immer mal wieder für einen einzelnen Herzschlag den Blick und sah ihn an, um sich dann etwas übereilig wieder der Platzwunde über seiner Stirn zuzuwenden. Es war nichts, was sie nicht schon gesehen hatte, obwohl sich die Prügeleien, die eigentlich zum klischeehaften Standard eines solchen Clubs gehörten, relativ in Grenzen hielten – was womöglich an dem großen bösen russischen Besitzer lag… und an seinen dreieinhalb großen bösen nichtrussischen Freunden (Doll war böse und nichtrussisch, aber alles andere als groß). Nur wenig später war sie fertig und gerade dabei den Verbandskasten wieder aufzuräumen, als Vlad die Küche betrat: „Danke, Kleines.“ Sie zuckte leicht zusammen, hatte sie ihn doch nicht kommen hören, bevor sie flüchtig zwischen ihm und Lucas hin und her sah und fast schon erwartete, dass Vlad den jungen Mann jetzt am Kragen packte, ihn mahnte sich in seiner Bar nicht noch einmal daneben zu benehmen und damit vor die Tür setzte. Wobei Vlad nicht unbedingt jemand war, der die Leute, die sich im Biker’s Lady nicht an die Hausregeln hielten, erst verarztete, bevor er sie rauswarf.

Mit einem kleinen Lächeln sah sie zu Vlad auf und nickte kaum merklich mit dem Kopf, ihr stummes Äquivalent zu: Gern geschehen, ehe sie den Verbandskasten auch schon unter den Arm hob, ihre Arbeitshandschuhe in den Gürtel klemmte und sich mit einem letzten, flüchtigen Blick in Richtung Lucas an Vlad vorbei auf den Gang hinausschob. Dabei hörte sie gerade noch, wie Vlad sich nach dem Wohlbefinden des Jungen erkundigte. Ein Umstand der sie überraschte, denn für gewöhnlich interessierte sich Vlad nur für die Gesundheit jener, die ihm wichtig waren – und den Jungen hatte sie vor diesem Tag noch nie hier gesehen. Vielleicht ist der Junge noch nicht alt genug für den Club aber Vlad kennt ihn schon länger? Sie hatte Lucas mit seinen braunen Augen, den zwar markanten, aber noch etwas weichen Zügen und dem leicht zerrupften Rabenhaar auf irgendetwas zwischen 15 und 25 eingeschätzt… sie war nicht gut im Schätzen, es machte einen Großteil ihrer Fettnäpfchentrophäensammlung aus.

Kaum hatte sie den Verbandskasten wieder ordentlich verstaut und auf der daneben hängenden Liste eingetragen, welche Materialien nachgekauft werden mussten (Sicherheitsstandards einer öffentlichen Anlage), kehrte sie an ihre eigentliche Arbeit zurück. Es fehlte nur noch die Seitenwand und man konnte den Kühlschrank zurück an den dafür vorgesehenen Platz schieben. Dreimal überprüfte sie jede Kante und jedes Kabel, ehe sie die Blechplatte anbrachte und festschraubte. Leider war Bobby nicht im Schankraum zu finden (wahrscheinlich sah er begeistert dabei zu, wie Mel den Lieferanten zur Schnecke machte), weshalb sie sich wieder zurück zur Küchentür begab und etwas unsicher erst zu Lucas, dann zu Vlad sah. „E… entschuldige, ich w… will n… n… nicht stören, aber… a… aber k…k…könnte mir j… jem… and hehelfen… uhm…“ Verunsichert biss sie sich auf die Zunge und machte eine vage Geste in Richtung des Lochs in der Theke, wo für gewöhnlich der Kühlschrank stand. Es war ihr peinlich in Anwesenheit eines Fremden derart zu stottern. Was ironisch war, da sie eigentlich nur stotterte, weil die Anwesenheit von Fremden sie nervös machte.
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Vlad:
Etwas Zustimmendes brummend nickte Vlad zu Lucas‘ Antwort. Gut, der Junge hatte begriffen, was er hatte wissen wollen und damit war die Sache vom Tisch. Wenn es doch noch ein Problem gab, dann musste er sich selber an den Russen wenden und sonst war er einfach selber Schuld. Die Erwiderung von Domenica war angenehm stumm und dennoch gut zu verstehen gewesen – und gleich darauf verschwand sie auch schon aus der Küche. Er verstand warum, kümmerte sich nicht. So wie bei ihm auch gab es auch bei ihr Verhaltensmuster, die sie bediente und die ihren Alltag mitbestimmten. Er hatte sich daran gewöhnt und hatte keinerlei Schwierigkeiten damit. Ganz abgesehen davon hatte Vlad Vertrauen in Domenica, zumindest in den Belangen, die bisher wichtig gewesen waren. (Unter anderem vertraute er auch ihrer offenen, kindlichen Ehrlichkeit und überlegte sich gut, was er ihr sagte und was nicht. Das konnte zu peinlichen Situationen führen. Damit, dass er aber ohnehin eher selten redete, verringerte sich das Risiko deutlich.)

Er trat zum Spülbecken und wusch sich die Hände, an welchen von der vorherigen Bastelei an seiner Dyna noch etwas Öl klebte, und wandte sich dann Lucas zu, der etwas verloren in der Küche stand. Nicht, dass er etwas gesagt hätte, stattdessen nickte er einfach zu deren Ausgang – just in dem Moment, als wiederum die blonde Mechanikerin reinschaute und um Hilfe bat. Gemeinsam gingen sie die zwei Schritte zurück zum Kühlschrank, wo klar war, was Domenica wollte. Der musste wieder an seinen Platz. Ein ziemlich schweres Ding, das wusste Vlad, aber zumindest Bobby schaffte es auch, es zu bewegen. Also warf er einen abschätzenden Blick zu dem Jungen hinunter.

„Mach dich nützlich.“, forderte er ihn auf, nicht sicher, ob er es darauf anlegte, den Jungen ein wenig bloss zu stellen oder ob er wollte, dass er Erfolg hatte. Nun, er würde es gleich sehen – oder auch nicht, denn genau in diesem Augenblick fiel ihm noch etwas ein. „Ich hab dir das Ding organisiert. Warte.“

Das war an Domenica gerichtet. Vlad wandte sich ab und ging die schmale Treppe nach oben zu den Spinden. Er hatte natürlich auch einen, einfach, weil es praktisch war. Er war jedoch praktisch leer, abgesehen von etwas Ersatzkleidung, welche er hier lagerte. Auf der Ablage ruhte im Moment eine Papiertüte mit einem Bauteil eines Adsorbtionstrockners, welches nicht mehr hergestellt wurde und das Domenica bei einer ziemlich zwielichtigen, russisch geführten Druckluftbude entdeckt hatte. Sie hatte ihn mit vielen Umwegen gebeten, es für sie dort zu organisieren – und natürlich hatte er zwar nicht zugestimmt, sondern nur etwas geknurrt und es dann trotzdem getan. (Er hatte KEINE Ahnung, wofür sie das brauchte.) Auf jeden Fall holte er das Ding jetzt aus dem Spind und dann auch aus der Tüte, schaute es sich noch einmal irritiert an (der Sinn erschloss sich ihm immer noch nicht, auch nicht beim fünften Mal nachdenken), legte den Behälter wieder auf das Blechtablar, schloss die Tür und machte sich wieder auf den Weg nach unten.
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Lucas:
Auch Domenica war zusammengezuckt, als Vlad das Schweigen gebrochen und sich damit bemerkbar gemacht hatte. Sie stand auf und zog sich nach einem kurzen Nicken zurück. Dass Vlad sie ‚Kleines‘ genannt hatte sorgte dafür, dass Lucas in Gedanken seufzte. Er war noch um einiges kürzer als sein Vater und sogar die ‚Kleine‘ überragte ihn etwas. Aber damit musste er wohl leben und einfach drauf hoffen, dass die Natur ihn noch etwas in die Höhe wachsen lassen würde. Lucas sah dem Mädel mit dem Werkzeuggürtel nach, als sie die Küche verliess. Vlad wandte sich dem Waschbecken zu und begann sich die Hände zu waschen, doch noch bevor Lucas sich an ihn wenden und nach dem Namen der Mechanikerin fragen konnte, kehrte diese auch schon wieder zurück.

Wieder stotterte sie, als sie an Vlad gewandt um Hilfe bat. Sie stotterte also nicht nur bei Lucas. Das war einerseits blöd für sie, aber irgendwie auch beruhigend für Lucas. Es lag also nicht an ihm. Nun… unangenehm war es ihr wahrscheinlich trotzdem, also beschloss er, einfach nicht darauf einzugehen und so mit ihr umzugehen, als hätte sie ganz normal gesprochen. Darauf angesprochen zu werden war ihr wohl kaum willkommen. Vlads Befehl, sich nützlich zu machen, beantwortete Lucas mit einem Nicken und ging zu Domenica hinüber, die auf die leere Stelle in der Küche gezeigt hatte, an der der Kühlschrank gestanden haben musste. Das Ding war ziemlich gross, das hatte Lucas schon zuvor im Gang bemerkt und er war sich nicht sicher, ob er das Teil vernünftig vom Fleck bringen würde. Vlad selbst hatte offenbar etwas anderes vor und wies die Mechanikerin an, zu warten. Was das für ein Ding war, das Vlad für sie organisiert hatte, davon hatte Lucas keinen Schimmer, aber es konnte ihm ziemlich egal sein. Wenn es nicht grade ein Kran war oder sonst ein Hilfsmittel, um den Kühlschrank von A nach B zu transportieren.

Lucas seinerseits ging zum Kühlschrank hinaus und hob eine Braue. „Allein krieg‘ ich den nicht zurück in die Küche.“ Männlicher Teenager hin oder her, so viel Selbsteinschätzung hatte Lucas. „Magst du mir helfen, Mac?“ Er sah den Kühlschrank kurz nachdenklich an und zog schliesslich die Tür auf. Er war gefüllt mit Bierflaschen. „Notfalls räume ich ihn aus, schiebe ihn rüber und räume ihn wieder ein.“, überlegte er halblaut. „Bier braucht mehr als zehn Minuten um warm zu werden.“ Und bis dahin würde es längst wieder im Kühlschrank stehen.
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Domenica:
Ihre Augen leuchteten auf, als Vlad beiläufig erwähnte, dass er ihr das Ding, in der Fachsprache auch bekannt als Adsorptionstrockner, das sie inmitten von mehr oder weniger interessantem Schrott aufgestöbert und seither innig begehrt hatte, besorgt hatte – und fast wäre sie ihm in ihrer Freude einfach hinterher gedackelt, als er sich zu den Spinden begab um das Gerät zu holen, einfach weil sie es am liebsten sofort noch einmal ausgiebig bewundert hätte. Gerade noch rechtzeitig fiel ihr der Kühlschrank ein, der sich nicht von alleine zurück an seinen Platz schieben würde und so groß und unförmig wie er war würde auch ein junger, starker Mann wie Lucas es nicht alleine schaffen ihn vom Gang bis in die Küche zu tragen. Seine Selbsteinschätzung in dieser Hinsicht war erfrischend ehrlich: „Allein krieg‘ ich den nicht zurück in die Küche.“ Zwar hatte sie nicht allzu viel Kontakt zu Männern in seinem Alter – die meisten Agenten und auch das technische Personal zählten durchschnittlich 25 Jahre und mehr -, aber sie hatte gehört, dass junge Männer oft das drängende Bedürfnis verspürten sich in Anwesenheit einer Frau beweisen zu müssen. Zumindest behauptete ihr Dad, dass die Präsenz einer weiblichen Rekrutin den Ehrgeiz ihrer männlichen Kollegen enorm steigerte. Lucas aber schien es nichts auszumachen, sie um Hilfe zu bitten und den Spitznamen, den er ihr dabei ganz nebenher verpasste, irritierte sie nur im ersten Moment.

„Notfalls räume ich ihn aus, schiebe ihn rüber und räume ihn wieder ein.“, überlegte er halblaut. „Bier braucht mehr als zehn Minuten um warm zu werden.“ Leicht den Kopf schüttelnd ging sie in die Knie und hob ganz am unteren Ende des Kühlschranks eine kleine Alluminiumleiste an, wohinter kleine Rollen zum Vorschein kamen: „Die ha… habe ich bei der letzten R… r… Reparatur aa… ahnngebracht… damit man ihn leichter verschieben kann.“ Das war gewesen nachdem sie, wie er ihr soeben vorgeschlagen hatte, den kompletten Kühlschrank erst hatte leeren und im Anschluss wieder hatte füllen müssen. Damit der schwere Kasten auf den Rollen nicht ständig hin und her rutschte, wenn jemand die Türe öffnete, waren zusätzliche Bremsen angebracht, die sie nun flink löste. Ohne wirklich aufzusehen stellte sie sich in Position, so dass sie schieben und dirigieren konnte, woraufhin Lucas sich ohne Umschweife darauf verlegte den Kühlschrank zu ziehen. Trotz der Rollen war es nicht leicht den schweren Kasten vom Fleck, geschweige denn über diese fiese, kaum ein Zentimeter hohe Türschwelle bis in die Küche zu kriegen ohne sich dabei die Finger einzuklemmen, irgendwelche Kabeln abzuknicken oder mit den Zehen unter die Räder zu geraten, doch gemeinsam schafften sie es.

Fachmännisch klickte Domenica die Bremsen wieder ein und überprüfte noch einmal die Kabellegung, bevor sie die Arbeit ad acta legte – zumindest bis die nächste Überhitzung die Sicherungen wieder fliegen ließ. Sich die Handschuhe abstreifend sah sie Lucas an und nickte ihm scheu zu: „D… danke.“ Womit sie zwei Bier (beide alkoholfrei, denn sie war kein Freund von Alkohol und er möglicherweise noch nicht alt genug) aus dem Kühlschrank fischte, beide mit ihrem Schraubenzieher öffnete und ihm eines davon reichte – und über ihre Bemühung hinaus, die Getränke nicht vor lauter Nervosität fallen zu lassen, schlicht vergaß ihn zu fragen, ob er denn überhaupt eines wollte. Er hatte es sich zumindest redlich verdient. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen hob sie ihre Flasche zum stummen Prost und nahm einen großen Schluck, gerade als Vlad wieder in die Küche zurückkehrte, in den Händen den Adsorptionstrockner. Rasch stellte sie das Bier zur Seite und streckte mit strahlendem Gesicht die Finger nach dem mechanischen Bauteil aus. Das Kartonpapier, in das er gewickelt war, zupfte sie mit der gleichen Sorgfalt zur Seite mit der sie auch ihre Geschenke auspackte. Erst dort einen Zipfel heben, dann die Ränder glätten, hier vorsichtig eine Kante umlegen, bis endlich etwas Metallenes unter dem ganzen Braun zum Vorschein kam.

Er war perfekt. Klein, handlich und damit vor allem für die Regulierung der Luftfeuchtigkeit in kleineren Innenräumen geeignet, deren Raumwerte keinen großen Schwankungen unterliegen durften. „Damit kann ich endlich die Probleme in den Kabelcontainern direkt unterhalb der Duschräume auf Ruby lösen! Kombiniert mit dem Kondensstabilisator und den thermoregulatorischen Zeolithkugeln wird es keine Beschwerden mehr von den Agenten geben. Fu…“ In ihrer Begeisterung vergaß sie für einen Moment lang nicht nur das Stottern sondern auch, dass Lucas kein Mitglied von S.H.I.E.L.D. war und man in seiner Gegenwart deshalb nicht über den Carrier, geschweige denn Fury sprechen durfte.
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Vlad:
„Kleines – ich verstehe kein Wort. Und der Junge erst recht nicht.“, schnitt ihr Vlad in seiner groben Art das Wort ab. „Erzähl deine Fantasien irgend jemand anderem. Zum Beispiel Mikhail, dem Idioten.“

Vlad mochte Mikhail. Nein, falsch, er respektierte Mikhail. Der russische Ex-Field-Agent bot ihm einen gewissen Halt und so etwas wie einen Anker in die Heimat. Die beiden Männer sprachen zusammen russisch und auch wenn es noch andere Leute gab, die das beherrschten, zum Beispiel Parker, so war es doch etwas besonderes, es akzentfrei zu hören. Und ebenso wenig, wie er den also für einen Idioten hielt, sprach er sich jemals grob gegen Domenica aus. Das tat er jetzt, genau jetzt, um sie daran zu hindern, irgendetwas auszuplaudern. Der Blick seiner Augen lag kalt auf ihr.

Für das Bier und für die Frage, ob es mit oder ohne Alkohol war, hatte Vlad wiederum überhaupt kein Auge. Es war ihm egal, ob der Junge etwas trank, das ein paar Prozente hatte. Es war ihm sogar egal, wenn er sich mal betrinken sollte, solange das nicht regelmässig der Fall war. Regelmässiges Trinken war ziemlich bald eine Frage der Sucht und DAMIT hatte er ohne jeglichen Zweifel ein Problem.

Überhaupt schenkte er Lucas wenig Aufmerksamkeit. Er war etwas Abwesend mit seinem sturen Kopf, dachte an Chibs, dachte an Beanie, dem es nicht so glänzend ging, dachte an Doll und ein wenig an Kelly. Na gut, am Meisten an Kelly. Er hatte eine Schwäche für dieses Mädchen, für ihren Blondschopf, ihre traumhafte Figur und ihre samtweiche Haut. Sie war ja nun wirklich nicht die Hellste, aber das tat ihr im Bett überhaupt keinen Abbruch. Beinahe mit Gewalt riss der Russe seine Gedanken wieder aus den eher feuchtfröhlichen Gefilden. Er wusste, dass es eine pure Realitätsflucht war. Es war ihm zu viel. Gerade in diesem Augenblick war es ihm zu viel. Sein Gesicht verschloss sich noch etwas mehr, als es üblicherweise schon der Fall war. Die Veränderung war nur eine feine Nuance, aber durchaus zu erkennen für jemanden, der genau hinsah.

Wortlos wandte er sich also ab und verliess die Küche, während er sich fragte, was er da tat. Er floh. Er floh aus einer verdammten Situation, anstatt sie zu lösen, wie er es sonst immer tat. Just in diesem Augenblick spürte er den imaginären Boden seiner Welt schwanken und das eine oder andere Fenster zu Bruch gehen. Scheisse. Nur schon der leichte Zusatzstress, welchen Domenica mit seinem Verplappern ausgelöst hatte, genügte, um so einen Effekt zu bringen. Elende, verdammte Geheimhaltung. Irgendwann würde er auf einer Bahre zurückkommen und Lucas würde noch einmal zum Waisen werden. Das war doch alles nur gequirlte Scheisse.

Im Schankraum angekommen blickte er zu Bobby, welcher hinter der Theke stand und nickte mit dem Kinn zu seiner Wodkaflasche. Gleich darauf hatte er ein Glas mit der klaren Flüssigkeit vor sich stehen und trank einen Schluck. Das tat gut.
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Lucas:
Lucas‘ Überlegungen über das Ausräumen des Kühlschranks, stiessen bei Mac auf Ablehnung. Sie schüttelte den Kopf und ging stattdessen in die Hocke und hantierte etwas am Kühlschrank herum. Er beugte sich vor um zu sehen, was sie da trieb und entdeckte zu seiner Überraschung Rollen, die hinter einer Leiste verborgen gewesen war. „Essen auf Rädern mal anders.“, meinte er lachend. „Die Idee ist toll.“ So brachte man das Riesending natürlich leichter in den Flur und wieder zurück in die Küche. Da Mac sich hinter den Kühlschrank stellte, packte Lucas am vorderen Ende an und zog. Es war trotz der Rollen ein ziemlicher Murks und stellenweise Millimeterarbeit, aber zu zweit war es zu schaffen. geschafft war aber auch Lucas ein wenig. Er versuchte sich möglichst nichts anmerken zu lassen, denn Mac schien das Ganze wesentlich weniger ausgemacht zu haben.

Sie hatte derweil die Bremsen wieder befestigt und ihre Arbeit noch einmal überprüft, ehe sie zwei Flaschen Bier – alkoholfrei, wie Lucas auf den zweiten Blick bemerkte – aus dem Kühlschrank genommen hatte. Lucas sah ihr fasziniert zu, wie sie die Flaschen mit einem Schraubenzieher öffnete. „Danke auch.“, antwortete er mit einem breiten Grinsen, als sie ihm eine der Flaschen reichte. Sie war wirklich ziemlich cool. Lucas zumindest kannte sonst kein Mädel, dass Kühlschränke reparieren konnte und Bier auf diese Weise öffnete. Mit einem breiten Lächeln erwiderte er ihre erhobene Flasche auf gleiche Weise und nahm einen Schluck von dem trotz der Reparaturzeit noch immer kalten Getränk.

Dann allerdings nahm Vlads Mitbringsel die ganze Aufmerksamkeit der jungen Frau in Beschlag. Sie öffnete das Paket mit aller Sorgfalt und brach in Begeisterung aus, als sie das kleine Ding zutage förderte, das sich darin befand. Lucas konnte ein Schmunzeln nicht unterdrücken, auch wenn er keinen Schimmer hatte, was es mit dem Gerät auf sich hatte und noch weniger von dem Technobabble verstand, den Mac von sich gab. Erstaunlich war, dass sie all die komplizierten Worte vom Stapel liess, ohne dabei auch nur ein einziges mal zu stocken.

Allerdings nur so lange, bis Vlad ihr grob ins Wort fiel. So grob, dass das Mädel schlagartig schwieg. Überrumpelt von dem plötzlichen Stimmungsumschwung seines Vaters, sah Lucas ihm nach, als er die Küche verliess. Was zum Geier hatte das sein sollen? Dass Vlad eher zu den ruppigen und schweigsamen Zeitgenossen gehörte, hatte Lucas schon gemerkt, aber bis zu diesem Punkt, hatte er zumindest Mac gegenüber ziemlich freundlich gewirkt. Und die Art wie sie verstummt war, zeigte deutlich, dass es sie getroffen hatte. Lucas sah noch einmal kurz zu der Tür hinüber, durch die Vlad verschwunden war und ging dann zu dem Blondschopf hinüber. „Hey… nimm’s dir nicht zu Herzen. Er ist ein bisschen…. rau. Und ist nicht dein Fehler, wenn ich nicht weiss, wofür das Ding da gut ist.“ Er fuhr verlegen mit der Hand durch die Haare und versuchte es mit einem Lächeln, doch das fiel eher schief aus. Warum genau er Vlads Verhalten zu erklären versuchte, wusste er nicht. Wollte er Mac trösten? Vielleicht… auch wenn die Tatsache, dass dieser bis zu diesem Punkt wesentlich freundlicher mit ihr umgegangen war als mit Lucas, diesem schon einen schmerzhaften Stich versetzte.
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Domenica:
„Kleines – ich verstehe kein Wort. Und der Junge erst recht nicht. Erzähl deine Fantasien irgendjemand anderem. Zum Beispiel Mikhail, dem Idioten.“ Wie vom Donner gerührt verstummte Domenica, den Mund halb offen, den letzten Rest des Satzes noch auf der Zunge und für eine ganze Sekunde lang wusste sie nicht wohin mit ihrem Schreck – dann wurde ihr klar, warum er ihr derart rüde ins Wort gefallen war und mit einem hörbar beschämten „Oh…“ senkte sie den Kopf und presste ihre Lippen aufeinander. Zwar brannten seine Wort, beziehungsweise der Ton, in welchem er sie gesprochen hatte, wie eine gut gesetzte Ohrfeige, aber da sein Ärger in Anbetracht ihrer gedankenlosen Dummheit mehr als angebracht war, ertrug sie die Schärfe der Zurechtweisung stumm. Das Schuldgefühl intensivierte sich um ein Vielfaches, als Vladimir plötzlich auf dem Absatz kehrtmachte und sie und Lucas einfach in der Küche zurückließ, wie eine unerwünschte Beilage, auf die man gerade keine Lust hatte. Dabei hatte er Lucas in erster Linie doch aufgefordert ihr zur Hand zu gehen und sie beide damit quasi gezwungen Konversation zu betreiben, jetzt hingegen schien es als widerte ihn die Situation, die er vorfand zutiefst an.

Verwirrt sah Domenica zwischen dem nun leeren Türrahmen und Lucas hin und her, wobei ihr deutlich anzusehen war, dass sie sich für Vladimirs plötzliches Verschwinden verantwortlich fühlte. Er ist bestimmt wütend, weil ich uns beinahe verraten hätte. Hätte sie auch nur ansatzweise geahnt, warum er wirklich so reagierte… nun, sie hätte sich immer noch schuldig gefühlt, aber nicht mehr ganz so schlimm. Als Lucas sich neben sie stellte und etwas betreten erklärte, sie solle das nicht persönlich nehmen, Vlad sei manchmal etwas harsch, starrte sie ihn für eine Sekunde lang ernsthaft verblüfft an, sich fragend woher Lucas die Selbstsicherheit nahm ihr Vladimirs Verhalten erklären zu wollen. Er war doch der Fremde, nicht sie. Oder kennen die zwei sich schon lange? Es erschien ihr eher unwahrscheinlich, immerhin bewegten sich Vladimirs Freunde und Bekanntschaften für gewöhnlich innerhalb eines bestimmten Radius um seinen Club und außerdem pflegte er, soweit ihr bekannt, keine Freundschaften mit Minderjährigen. Sie war, ihres Wissens nach, die Jüngste in der Runde und auch nur aufgenommen und (zu Beginn mehr oder weniger widerwillig) akzeptiert, weil sie sich zufälligerweise seinen besten Freund Chibs als Vaterfigur ausgesucht hatte.

Es war die Unsicherheit, als er sich um ein beruhigendes Lächeln bemühte, welche sie aus ihren Gedanken holte und auch aus ihrer Starre. „Ich weiß“, räusperte sie sich, überlegte kurz, ob sie das wirklich tat und zuckte dann kaum merklich mit den Schultern: „Er ist eben… Vlad.“ Das war eine gute und handfeste Erklärung, die sich jedem erschloss, der Vlad tatsächlich kannte (und der von S.H.I.E.L.D. wusste). Lucas sah allerdings nicht unbedingt so aus, als würde er verstehen was sie damit meinte und sie erwog es ihm zu erklären – scheiterte aber an der verwirrenden Tatsache, dass sie dann eigentlich nur versuchte die Erklärung zu erklären, was sie für gewöhnlich nicht tat, weil es keine Erklärung für die Erklärung gab und deshalb nur diese eine Erklärung genutzt wurde. Eine steile Falte zeigte sich zwischen ihren Brauen und sie musste einsehen, dass es keinen Zweck hatte. Vlad ließ sich nur durch Vlad erklären und für jeden, der ihn kannte, reichte das aus. Andere mussten… nun, am besten einfach nicht weiter darüber nachdenken. „Er hat es wirklich nicht böse gemeint“, setzte sie nach einem weiteren Schluck Bier trotzdem hinterher, nur um zu bestätigen, was Lucas als Vermutung ausgesprochen hatte – und wurde sich dann bewusst, mit wem sie sprach. „O.. oh… i.. ich meine…“ Es war als hätte meinen einen Schalter umgelegt und die Lässigkeit, mit der sie sich eben an die Küchenzeile gelehnt hatte, verschwand umgehend, als sie den Kopf leicht zwischen die Schultern zog und die Arme vor der Brust kreuzte: „I.. ich meinte… ich… wo… wololte nicht…“ Irgendwohin musste sie flüchten, und weil es gerade keinen Weg zurück gab, war ihre einzige Möglichkeit vor: „W… w… woher ke… kennt ihr… euch… ss… s… so gut?“
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Lucas: Auch Mac sah dem wütend den Raum verlassenden Russen hinterher, sagte aber nichts. Ihre Augen wirkten verwirrt und traurig, doch als er Vlads Verhalten zu erklären versuchte, sah der Blondschopf ihn mit grossen Augen an. Was genau ihre Verblüffung auslöste, verstand Lucas nicht, aber er schätzte, dass es daran lag, dass er eine so unfreundliche Reaktion zu erklären versuchte. Er verstand, dass sie das verunsicherte oder überraschte, denn eigentlich gab es da nicht viel zu erklären. Vlad war verdammt grob gewesen und das nur, weil sie in ihrer Begeisterung einen Nerd-Anfall gekriegt hatte. Was war daran schon schlimm? Zumindest wenn man nicht gerade mitten in der Highschool stand und sich Sorgen um seinen Ruf machen musste? Nun ja, das war zumindest ein Problem, mit dem sich Lucas nicht herumschlagen musste. Er war der Neuling und damit stand er so oder so neben allem. So richtig zu einer Gruppe zuordnen liess er sich auch nicht und letztendlich war es ihm mittlerweile auch ziemlich egal. Er hatte schlicht nicht den Nerv, sich nochmal etwas mühsam aufzubauen. Entweder er fand Freunde in der Schule oder er blieb eben allein.

Jetzt gerade sah die Sache aber ganz anders aus. Tatsache war, dass er Mac mochte und dass es ihm alles andere als egal war, dass Vlad ihr so über den Mund gefahren war. Immerhin schien sie sich wieder ein wenig zu fangen und stimmte ihm zu, dass Vlad eben ein Sonderfall war. So wie sie es ausdrückte, schien sie ihn schon länger zu kennen, wahrscheinlich länger als Lucas, was relativ einfach möglich war. Immerhin kannte er Vlad erst seit sehr kurzer Zeit, aber für gewisse Erkenntnisse hatte es gereicht. Er sah Mac von der Seite her an und fragte sich, was hinter ihrer Stirn wohl vor sich gehen mochte. Als sie schliesslich zustimmte, dass Vlad es nicht böse gemeint hatte, wurde Lucas‘ Lächeln ein wenig sicherer.

Bei Mac hingegen schien die Sicherheit, die sie für einen Moment gehabt hatte, plötzlich in sich zusammenzubröseln. Sie zog den Kopf ein und begann wieder zu stottern. Fragend hob Lucas eine Braue und versuchte dahinter zu kommen, was geschehen sein mochte, dass sie nun wieder in diese Unsicherheit gekippt war. War es der Nerd-Anfall gewesen, der ihr Sicherheit gegeben hatte? Das Wissen, dass sie besass und auf das sie hatte zurückgreifen können? Oder schlicht die Begeisterung über das seltsame Teil, das Vlad ihr gebracht hatte? Lucas seufzte. Immerhin konnte sie normal reden, wenn sie genug Boden unter den Füssen hatte. Das hiess, dass er einfach eine Möglichkeit finden musste, dass sie diesen Boden auch hatte, wenn sie einfach mit ihm redete. Die Frage, die sie stellte, sorgte aber dafür, dass es nun Lucas war, der verlegen mit der Hand durch die Haare fuhr und den Blick senkte. „Gut kennen ist wohl etwas übertrieben.“, murmelte er. „Ich weiss erst seit kurzem von ihm. Er… ist für die Hälfte meiner DNA verantwortlich.“ Er zuckte mit den Schultern. „Woher kennst du ihn?“
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(Abbruch der Szene…)