Some More Advice
Some more advice
15.4. | VLAD & PARKER | PARKERS BÜRO
Vlad:
So langsam aber sicher fand sich Vlad damit ab. Zumindest in seinem Kopf. Er hatte einen Sohn. Er musste für diesen Sohn sorgen. Scheisse. Das war eine verdammte, gequirlte Scheisse. Die Sache machte ihm Angst und das war nicht gut, wie er fand. Er war überfordert, sogar heillos überfordert. Es gab Momente, in denen war es okay und gut, aber sobald er nicht direkt mit Lucas konfrontiert war, sondern Zeit hatte nachzudenken und seinen Gedanken nachzuhängen, war er wieder am Zweifeln und rang mit sich selbst. Es waren die Momente, in denen er den Jungen am Liebsten einfach im nächsten Heim abgegeben hätte um so alles wieder gerade zu rücken. Dem Problem ausweichen. Einfach so.
Aber er wusste, dass das nicht ging. Dass er das eigentlich auch nicht wollte. Aber er war gereizt. Wie immer, wenn er Angst hatte, auch wenn er das niemandem, meist nicht einmal sich selbst eingestand. Auf jeden Fall wusste er auch, dass seine Gereiztheit ein gewisses Sicherheitsrisiko war, dem er begegnen musste und anders als viele andere Agents hatte er keinerlei Schwierigkeiten damit, in so einem Fall einfach von Anfang an professionelle Hilfe zu suchen. Ihm war klar, dass die psychische Belastung, welcher er in seiner Arbeit ausgesetzt war, ein gewaltiges Ausmass hatte und es war besser, auch die kleinen Dinge von anfang an ordentlich anzupacken, um sie nicht anwachsen zu lassen. Und darum stand er jetzt vor Parkers Tür und klopfte. Er war angemeldet, natürlich, und kam gerade von der Abteilung für zuviel Papierkram, wie er es nannte, wo er seinen Sohn in seine Akte hatte eintragen lassen.
Als er eingelassen wurde, war alles wie immer. Vlad sagte – nichts. Er stand in seiner halbgaren Uniform da (Hose und Kampfstiefel waren nach Vorschrift, das T-Shirt und der hellgraue Hoodie nicht), wie immer die Dienstwaffe an der Seite und das Kampfmesser an der anderen. Stumm schaute er sich in dem Raum um. Er war angenehm gleichbleibend. Unverziert. Einfach. Schlicht. Watson trottete auf ihn zu und holte sich ein kurzes Kopfkraulen ab, auf das sie sich geeinigt hatten. Vlad war kein Kuschelbär und nach vielen Versuchen des Hundes, eine ausführliche Streicheleinheit abzuholen, hatte er dann doch festgestellt, dass er mit einem kurzen, sanften Streichen über seinen gefleckten Kopf zufrieden sein musste.
Natürlich wusste Vlad einmal mehr nicht, was er sagen sollte. Ihn überforderten solche Gespräche eigentlich und entsprechend waren sie zeitintensiv. Es war überhaupt nicht seine Stärke, seine Gefühle auszudrücken. Ganz im Gegenteil schwieg er eigentlich viel lieber darüber. Das war angenehmer. Einfacher.
“Ich war gerade bei den Schreibstiften. Meinen Sohn in die Akte eintragen lassen.”, begann er das Gespräch, während er aus dem Fenster schaute. Er wirkte angespannt, sehr sogar, anders als sonst. Bei den Routineuntersuchungen war er meist tiefenentspannt, weil er nichts anbrennen liess. Und es kam immer wieder vor, dass er zornig war oder von sich selbst enttäuscht. Aber jetzt wirkte er schweigsamer als sonst, besorgter, unruhiger. Für ihn war etwas schwer im Argen, auch wenn er sich selbst dabei lächerlich vorkam. Immerhin war es doch eigentlich etwas, dass sich viele wünschten. Einen Sohn zu haben.
Er selbst hätte lieber keinen gehabt.
__________________
Parker:
Parker war ein wenig überrascht gewesen, als Kozlow einen Termin außerhalb seiner Routineuntersuchungen hatte haben wollen. Ihre Assistentin Tara, die die Anfragen entgegen nahm und die Termine koordinierte, hatte ihr keinen Grund nennen können. Allerdings machte die Psychologin sich darüber weniger Sorgen. So, wie sie Vlad kannte, spuckte er schon zeitnah aus, was ihn bedrückte – wenn er von sich aus an sie herantrat, sowieso. Auf das Klopfen reagierte sie mit einem neutralen „Herein“ und kaum, dass der Russe durch die Tür getreten war, trottete Watson auf ihn zu. Der Kopf des Dalmatiners wirkte unter Vlad’s Hand fast ein wenig verloren, doch er genoss das kurze Kraulen immerzu, so wie jede noch so kleine Liebesbekundung. Kuscheltier, eben. Allerdings war er auch klug genug, zu wissen, was er von wem erwarten konnte. Bei manchen Patienten stand er noch nicht einmal auf, entweder weil diesen der Hund nicht ganz geheuer war (kaum zu glauben, aber es gab tatsächlich Agenten, die Angst vor Hunden hatten) oder aber, weil diese schlichtweg den Hund nicht leiden konnten (klassische Schwarz-Weiß-Trennung zwischen Hunde- und Katzenliebhabern). Nach der kurzen Begrüßung tapste Watson auch schon wieder zu seinem Platz neben Parker’s Schreibtisch zurück und legte sich dort hin, immerhin wusste er, dass er nun erst einmal mindestens eine Dreiviertelstunde lang Ruhe haben würde.
Die Schwarzhaarige grüßte den Russen mit einem „Priwjét.“, als sie von ihrem Schreibtisch aufsah. Noch fast im selben Zug legte sich allerdings ihre Stirn in kleine, nachdenkliche Falten und sie legte fragend den Kopf schief. Vlad war ein Patient, der eigentlich gern hierher kam und sich dementsprechend auch recht entspannt hier zeigte. Er war zwar nicht der Gesprächigste, doch er sagte immer genug. Parker konnte auf jeden Fall mit ihm arbeiten, er machte es ihr jedenfalls nicht schwer. Doch heute war etwas anders. Der Russe stand einfach nur da, wirkte ein wenig verloren und anstatt einer Begrüßung kam er direkt zum Punkt. Die Züge der Psychologin lockerten sich bei seinen Worten und sie hob erstaunt die Augenbrauen an. Soweit sie wusste, war er in keiner Beziehung; zumindest keine, in der Familienplanung anstand. Außerdem, so wie er aussah, hielt sich seine Freude über diese Nachricht in Grenzen. Nun, das war irgendwo verständlich. Bei S.H.I.E.L.D. hatte man weitaus andere Sorgen, als sich um Kinder zu kümmern. Vor allem, wenn diese plötzlich auftauchten, so wie es wohl bei Vlad der Fall war.
„Hm… scheiße.“, entgegnete sie ziemlich direkt und machte dann aber erst einmal eine ausladende Geste in Richtung der Sitzmöglichkeiten, damit Vlad nicht wie bestellt und nicht abgeholt herumstehen musste. „Ich würde dir prompt einen Vodka anbieten, aber die Vorschriften…“ Sie ließ das Ende des Satzes offen und schüttelte stattdessen sachte den Kopf. „Kaffee vielleicht?“ Kein Alkohol während der Arbeitszeit. Allerdings zweifelte Parker auch nicht daran, dass Vlad sich nach der Neuigkeit gewiss den ein oder anderen Vodka zu Gemüte geführt hatte. „Erzählst du mir von ihm?“, fragte die Schwarzhaarige und legte den Stift, den sie bis eben noch in der Hand gehalten hatte, beiseite. Keine Notizen, die brauchte sie heute nicht. Ihre Aufmerksamkeit sollte Vlad allein gelten und er sollte das auch wissen.
__________________
Vlad:
Ja, genau. Scheisse. Es war scheisse. Vlad drehte den Stuhl etwas seitlich, damit er Beinfreiheit hatte, setzte sich hin und nickte zu dem Kaffee. Er hätte zwar zu gerne einen Vodka gehabt, aber er hatte betreffend sinnesverändernder Substanzen im Dienst noch strengere Auflagen als sie ohnehin herrschten. SHIELD war damals gegenüber dem Junkie, dem sie den Entzug finanziert hatten, sehr, sehr deutlich gewesen. Klare Regeln, die der Russe sehr geschätzt hatte. Sie hatten ihm geholfen, ihm Sicherheit gegeben. Nulltoleranzgrenzen waren in seinem Alltag nichts, was er liebte, aber diesbezüglich sicherlich das Beste.
Der Stuhl war etwas zu klein für ihn, aber das traf auf die meisten Stühle zu. Er hatte sich längst daran gewöhnt, die Lehne zur beschränkt zu nutzen, wenn er nicht in der Sitzgelegenheit hing wie ein Schluck Wasser in der Kurve, was er eigentlich sehr gerne tat. Er wartete, bis Parker mit dem Kaffee so weit war und sagte während dem erst einmal nichts, auch wenn er auf ihre Frage bereits ebenfalls genickt hatte. Sie war der Boss, sozusagen, und Vlad vertraute ihr. Als sie schliesslich beide sassen, je eine Tasse dampfender Kaffee vor sich (der Russe trank ihn schwarz), brauchte er noch einige weitere Augenblicke um zu bestimmen, was er sagen wollte. Die Frage war offen und bot Platz für reichlich Freiheit.
„Er ist siebzehn. Heisst Lucas.“, begann Vlad, wobei er russisch sprach und den Namen als ‚Luka‘ übersetzte, wie es üblich war. Es war angenehm, dass er sich nicht im Englischen bewegen musste, etwas, das zusätzlich für Parker sprach. Diese hatte nicht einfach ein leichtes Spiel gehabt und es war eine Menge Wasser den Hudson hinabgeflossen, bis Vlad sie, eine Frau, ernst genommen und ihre Kompetenz anerkannt hatte. Heute war das kein Thema mehr. Sie gehörte zu den wenigen Frauen, die er für voll nahm. Nicht, dass er sie jemals schlecht behandelt hätte, das war nicht seine Art, aber für weibliches Können hatte er wenig Respekt übrig. Er blickte auf sie hinab, wie ein Erwachsener auf ein Kind hinabsah und es belächelte. Parker auf jeden Fall hatte den Schritt auf Augenhöhe geschafft und damit war das Thema zumindest für Vlad erledigt.
„Seine Mutter wurde erschossen und das Jugendamt hat ihn vor meiner Tür ausgesetzt.“
So kam es ihm ein wenig vor. Man hatte ihm den Jungen gebracht und ihm nur beschränkt eine Wahl gelassen. Vielleicht hätte er die Tür einfach wieder zumachen sollen. Aber nein, es hätte das Problem nur verzögert, nicht aus der Welt geschafft.
„Ich kann mich kaum an sie erinnern…“, fügte er nachdenklich an, als wäre es ihm gerade erst aufgefallen. Damit hatte er sich erst wenig beschäftigt, denn die direkt anfallende Aufgabe war zu präsent, zu umfassend, als dass er sich auch noch mit den Hintergründen auseinandersetzen konnte. Nein, er konnte sich nicht wirklich an sie erinnern, knapp an ihr Gesicht. Aber wahrscheinlich war er auf Heroin gewesen, einmal mehr.
Vlad fiel auf, dass er überhaupt nicht das erzählte, was sie gefragt hatte, nicht von ihm, sondern von sich, war irritiert und brach wieder ab, darüber nachdenkend, was er überhaupt von dem Jungen wusste. Nichts. Eigentlich wusste er einfach nichts. Er wollte, dass sein Vater ihm beibrachte zu kämpfen und hatte Talent für Mechanik, zumindest seinen eigenen Worten nach. Und er war eine Labertasche. Aber sonst…
„Ich weiss kaum etwas über ihn.“, versuchte er den richtigen Anschluss wieder zu finden und blickte kurz zum Fenster, ehe er endlich die Kaffeetasse in die Finger nahm und einen Schluck daraus trank.
__________________
Parker:
Es herrschte Stille, während Parker eine Tasse Kaffee für Vlad einschenkte und ihre eigene wieder auffüllte. Erst, als sie an ihren Platz zurückgekehrt war und gegenüber dem Russen Platz genommen hatte, begann dieser zu erzählen. Der Gesichtsausdruck der Psychologin blieb dabei neutral und verriet nicht, wie sie zu den Neuigkeiten stand. Es war nicht ihre Aufgabe, zu (ver)urteilen. In erster Linie sollte und wollte sie helfen. Daher ließ sie Vlad reden, gab ihm die Zeit, die er brauchte. Es war nicht zu übersehen, dass ihn die ganze Geschichte aus der Bahn warf. Ihn, der sonst ein absoluter Ruhepol war. Aber wer wäre nicht überfordert, wenn man auf einmal einen 17-Jährigen vor der eigenen Haustür parkte? Es war schließlich nicht nur eine große Verantwortung, die man von einem Tag auf den anderen eingehen musste, es war auch emotional gesehen ein harter Brocken – und zwar für beide Parteien.
Erst, als Vlad einen Schluck Kaffee zu sich nahm, erhob auch die Schwarzhaarige die Stimme, sprach dabei ebenfalls auf russisch: „Du hast siebzehn Jahre aufzuholen. Gib‘ ihm und vor allem dir selbst Zeit.“, setzte sie direkt an seine letzten Worte an, war das doch der Faden, den es aufzunehmen galt. Der Rest waren bloß Informationen, wie sie vermutlich jetzt schon in seiner Akte stehen würden. Ein missglückter One-Night-Stand war nichts seltenes. Dass der plötzliche Vater jedoch bei einer geheimen Organisation arbeitete und quasi bei jedem Einsatz sein Leben aufs Spiel setzte, ohne wirklich sagen zu können warum, war hingegen eher seltener der Fall.
„Ich schätze, er wohnt bei dir?“, fragte Parker dann weiter, auch wenn ihre Frage bloß rhetorisch gemeint war. „Worüber redet ihr? Redet ihr überhaupt?“ Eine durchaus berechtigte Frage. Gerade in diesem Alter war es oftmals schwer, zu einem Jugendlichen durchzudringen. Der Tod seiner Mutter hatte ihn sicherlich mitgenommen und offensichtlich gab es keine andere nähere Verwandtschaft, sonst hätte man den Jungen nicht an Vlad übergeben, der all die Jahre nichts von seinem ‚Glück‘ geahnt hatte. Lucas fehlte also seine Vertrauensperson und die sollte mit Vlad plötzlich ersetzt werden. Je nach dem, wie der Junge tickte, konnte daraus etwas werden – oder es konnte gehörig daneben gehen. Zumal Vlad wirklich nicht gerade ein Vorzeigediplomat war. Ein guter Kerl, natürlich, aber mit Worten tat er sich oft schwer. Eine schlechte Kombination: der Erwachsene, der nicht gut mit Worten konnte, und das Kind, das womöglich erst einmal alles in den falschen Hals bekam. Aber vielleicht hatte Vlad ja auch Glück. Abwartend lag der Blick aus den dunklen Augen auf dem Russen.
__________________
Vlad:
Wieder nickte Vlad und war einmal mehr froh, dass Parker nicht zu den Leuten gehörte, welche mit wortloser Kommunikation ein grundlegendes Problem hatten. Es war schon mehr als einmal vorgekommen, dass der Russe sich bei der Routineuntersuchung hier ins Büro gesetzt und dann einfach nichts gesagt hatte. Für Parker Zeit, sich mit Papierkram und für ihn, sich mit seinen Gedanken zu beschäftigen, ohne gestört zu werden. Manchmal war das ganz gut. Und am Ende dieser ‚Sitzungen‘ stand er dann jeweils wieder auf, bedankte sich knapp mit ‚Spèsiba, Doktr‘ und ging. Und das war dann in solchen Fällen die ganze Behandlung, nach welcher sich Vlad nichts desto trotz ruhig und geerdet fühlte. Parker wusste längst, dass er von selbst damit rausrückte, wenn es ein Problem gab und drängte ihn längst nicht mehr, auch nicht sanft.
Jetzt dachte er auch nach, allerdings darüber, wie er antworten sollte und nicht lose und ungezielt wie sonst manchmal, wenn es eine stumme Runde war. Redeten sie miteinander? Ja, schon. Aber es waren notwendige Dinge, praktische Dinge. Nur das Gespräch nach der Prügelei war irgendwie tiefer gewesen, aber es hatte den Charakter einer Lektion gehabt, welche Vlad als wichtig empfand. Er hatte noch nie nach Lucas‘ Mutter gefragt. Oder wie es ihm ging. Es erschien dem Russen absurd, das zu tun, immerhin war der Junge keine zwölf mehr. Er konnte selbst den Mund aufmachen, wenn er etwas brauchte.
„Wenig. Nur über Notwendiges.“, fasste er zusammen, war ihm durch den Kopf ging. Wahrscheinlich war das einem ‚Nein‘ fast gleichkommend. Er hatte sich schon überlegt, ob er Luka fragen sollte, wer er war, was er tat, was er sich wünschte, aber wollte er das wirklich so genau wissen? Und was war, wenn er die gleichen Fragen zurückbekam?
„Ich muss ihn über alles anlügen.“, fügte er dann an. Noch etwas, das schwer war. Er war wirklich, wirklich nicht die richtige Person, um ein Vater zu sein. Erzeuger, kein Problem. Wenn er es sich so überlegte, lief sicher mehr als ein Junge mit seinen Genen rum. Aber Vater – das war etwas anderes. Etwas ganz anderes. Wie hatte sein Vater das gemacht? Nein, daran dachte er besser nicht. Für diesen war er eine Enttäuschung gewesen und umgekehrt wohl auch. Ganz egal, wie sehr er Vladimir Senior geliebt hatte, er hatte nie das bekommen, was er sich gewünscht hätte. Und erst recht nicht hätte er sich je getraut, das in Worte zu fassen. Und jetzt…
„Ich weiss nicht, was er braucht. Und erst recht nicht, ob ich es geben kann. Ich bin wochenlang weg. Komme vielleicht mal einfach nicht wieder.“
Ja, noch etwas, das ihm Sorgen machte. Scheisse, wenn er so in Ruhe und in einem Raum, in dem er sich die Selbstreflektion gewöhnt war, darüber nachdachte, dann kamen ihm immer üblere Dinge in den Sinn. Er widerstand dem Drang, aufzustehen und wieder zu gehen und zwang sich, sitzen zu bleiben. Verdrängung war keine gangbare Lösung.
__________________
Parker:
Auf Vlad’s Antwort hob Parker nur kaum merklich die Augenbrauen an. Das hatte sie sich schon gedacht, so wortkarg wie der Russe für gewöhnlich war. Wirklich verübeln konnte sie es ihm dennoch nicht, dass er (oder jeder andere auch) nicht gerade darauf erpicht war, Smalltalk mit seinem Sohn zu suchen. Viel zu groß war die Angst, etwas falsches zu sagen oder zu tun oder – wie Vlad kurz darauf selbst einwarf – lügen zu müssen. Da hatten sie, die für S.H.I.E.L.D. arbeiteten, noch einmal ganz andere Maßstäbe zu erfüllen. Parker selbst hatte auch immer ein Problem damit gehabt, wenn die Sprache auf ihren Job kam. Sie konnte zwar oftmals großflächig die Ausrede ‚Ärztliche Schweigepflicht‘ vorschieben, doch das bedeutete noch lange nicht, dass es ihr gefiel. Sie hatte es nicht gern, wenn sie angelogen wurde und im Gegenzug war sie dementsprechend auch darauf bedacht, sich so nahe wie möglich an der Wahrheit entlang zu hangeln. Doch wann sprach man nicht mehr länger von Halbwahrheiten, sondern von Notlügen? Es war eine Diskussion, die doch nur ins Nichts führte.
„Wenn du nicht weißt, was er braucht, solltest du ihn einfach danach fragen.“, schlug die Schwarzhaarige schließlich mit ruhiger Stimme vor und nahm einen Schluck Kaffee zu sich. „Ich kann verstehen, dass es dir unangenehm ist, mit ihm zu reden. Auf vielen Ebenen.“ Es war nicht nur die Wortkargheit des Russen, es war eben auch die natürliche Angst, etwas falsch zu machen. Die Angst davor, lügen zu müssen und dieses Netz immer weiter zu spinnen (auch wenn Parker es nach außen hin niemals als Angst titulieren würde, wusste sie doch um den Stolz des Agenten). Eine so zarte Vertrauensbasis konnte und sollte man nicht auf Lügen aufbauen, doch welche andere Wahl blieb Vlad schon? Es war wahrhaft eine verzwickte Lage. „Warte nicht, bis er auf dich zukommt. Denk daran, dass auch Lucas unsicher ist – genau wie du.“ Ein aufmunternder Blick traf den Russen. Irgendwer musste den ersten Schritt machen, so einfach war das. Vlad und Lucas kannten sich nicht und wussten dementsprechend nicht, wie der jeweils andere auf Anliegen oder Bitten reagieren würde. Einer von ihnen musste den Grundstein legen, musste den Anfang machen. Der Rest würde sich nach und nach fügen, es dauerte nur seine Zeit.
__________________
Vlad:
Vlad blickte Parker einige Augenblicke an, ehe er langsam und ein wenig zögernd nickte. So, wie sie das sagte, klang das so einfach. Einfach fragen. Er wusste, dass er das durchaus auf die Reihe bekam. Es war ja nicht so, als wäre er zu blöd zum Reden gewesen. Er tat es nur nicht gerne, dachte lieber einfach nur nach und handelte dann nach dem, was er sich überlegt hatte. Die anderen Reaper kannten ihn gut genug, um damit bestens zurecht zu kommen und selbst Domenica hatte immer seltener Probleme mit seinem Schweigen. Alle hatten sie gemerkt, dass ihm am Wohlsten war, wenn er einfach nichts sagen musste. Das Problem, dass man ihn übersah, entstand trotzdem niemals.
Der Russe spürte eine durch den Kampfstiefel nur undeutlich zu fühlende Berührung an seinem Fuss und blickte kurz hin. Watson war etwas näher gekrochen und hatte ihm den Kopf auf den sicherlich völlig unbequemen Schuh gelegt. Einen Moment lang wollte sich Vlad auf die Ablenkung einlassen und sich fragen, warum der Hund heute nicht begriff, dass es sich mit der Krauleinheit schon erledigt hatte, dann jedoch zog er den Fuss einfach ein wenig beiseite und widmete seine Aufmerksamkeit wieder Parker – oder vielmehr sich selbst. Keine Ausflüchten, Kozlow.
„Lucas versucht, kein Kind mehr zu sein. Schämt sich, weil ich mitangesehen habe, wie er Prügel bezogen hat. Er will kämpfen lernen. Von mir.“
Wahrscheinlich musste er dazu nicht mehr sagen. Parker wusste, dass er als Ausbildner für die Rekruten fungierte, zum Teil als Assistenz von Chibs, zum Teil auch allein, und dass die Rookies oft genug mit einem blauen Auge da rauskamen. Er war überhaupt kein gnädiger und rücksichtsvoller Lehrer, sondern drillte die jungen Agenten aufs Härteste. Nicht, weil er ihnen weh tun wollte oder es genoss, sie einstecken zu lassen, sondern weil er fest davon überzeugt war, dass sie so und nur so das richtige Handwerkszeug für echte Kämpfe mit auf den Weg bekamen. Die, welche bei ihm Lektionen absolvierten, machten rasche Fortschritte. Der Erfolg gab ihm recht.
Aber die jungen Agenten lernten das, um zu überleben. Lucas hatte das nicht nötig, eigentlich. Er brauchte nicht in diese dunklen Ecken der menschlichen Gesellschaft einzutauchen, konnte auf der sonnigen Seite bleiben und den Schutz des Staates geniessen. Er war weiss, er hatte zumindest jetzt keine finanziellen Probleme mehr und er war, wie es bisher aussah, ziemlich klug. Kein Streber, aber zu gut in der Schule, um als dumm durchzugehen.
__________________
Parker:
Parker nahm das knappe Nicken des Russen zur Kenntnis, sagte aber nichts mehr weiter. Es war ihr Ratschlag gewesen und sie wusste, dass Vlad sich diesen auch zu Herzen nehmen würde – sonst würde er jetzt nicht bei ihr sitzen. Natürlich klang es absolut leicht und simpel, und an für sich war es das auch – doch wenn man sich plötzlich in besagter Situation sah und den Mund aufmachen sollte, sah das Ganze plötzlich anders aus. Umso wichtiger war es, Vlad zumindest das Gefühl zu vermitteln, dass es nichts gab, wovor er sich fürchten musste. Worte konnten mehr zerstören als Fausthiebe, das war wahr, doch Parker traute dem Agenten dennoch zu, zu gegebener Zeit die richtigen zu finden.
Erneut füllte Schweigen den Raum, in dem Watson sich dezent an den Russen annäherte; gerade so, als ob auch er ihm Mut zusprechen wollte. Oder vielleicht wollte er auch einfach tatsächlich nur eine weitere Streicheleinheit, so genau wusste man das bei dem Dalmatiner nie. Jedenfalls zog er sich mit leisem Grummeln wieder zurück, nachdem Vlad nicht weiter auf ihn einging. Parker nutzte die Zeit, um einen Schluck Kaffee zu sich zu nehmen.
Der Russe ergriff dann schließlich wieder das Wort und die linke Augenbraue der Schwarzhaarigen zuckte leicht nach oben. Oh, an für sich wäre es sicher nicht allzu verkehrt, wenn Lucas und Vlad gemeinsam trainieren würden. Das war etwas, das Vlad wirklich gut konnte und ein Punkt, in dem Lucas zu ihm aufsehen konnte. Eine typische Vater-Sohn-Situation, die beiden gut tun würde. Allerdings wusste Parker auch um die Erziehungsmethoden des Agenten. Nichts verwerfliches, nicht direkt. Die Rekruten brauchten einen harten Drill, immerhin nahm dort draußen auch niemand auf sie Rücksicht. Aber Lucas war kein Rekrut und Vlad durfte ihn nicht so behandeln wie die Rookies. Sonst würde diese ursprünglich nette Idee nämlich ins genaue Gegenteil umschlagen – im wahrsten Sinne des Wortes.
„Sein Verhalten ist normal.“, setzte die Psychologin schließlich an, lehnte sich dann ein wenig vor und stützte sich mit den Unterarmen auf dem Tisch vor sich ab. „Ich glaube, es ist nicht verkehrt, wenn er von dir ein paar Tricks und Kniffe lernt. Aber bevor du dich darauf einlässt, solltest du dir bewusst sein, dass Lucas kein Rekrut ist. Er ist dein Sohn. Sein Leben wird auch hart sein, jedoch nicht so hart wie das eines Agenten. Der Unterschied ist wichtig.“ Ihr Blick blieb auf dem Russen liegen, der trotz seiner beeindruckenden Statur in diesen Momenten einfach nur hilflos wirkte. Doch Parker war sich sicher, dass er auch diese Herausforderung meisterte. Sie glaubte an ihre Patienten und bisher hatte ihr diese Einstellung auch jedes Mal recht gegeben. Wenn sie schon selbst an sich zweifeln, musste eben jemand anderes den Glauben aufrecht erhalten, nicht wahr?
__________________
Vlad:
Wahrscheinlich lag genau da das Problem, dachte sich Vlad. Nein, er dachte es sich nicht nur, es war mit Sicherheit genau da. Er hatte Angst, genau das zu sein, ein verdammter Drillsergeant für seinen Sohn. So, wie sein eigener Vater es gewesen war, für ihn und seine Brüder. Sie hatten früh gelernt, was es bedeutete, ein Soldat zu sein, und Vlad hatte es gehasst. Die grösste Ironie seiner Existenz war eigentlich, dass er sich wieder darauf eingelassen hatte, denn wenn Chibs auch nichts von Army-Drill hielt, so war im Fall der Fälle die Hierarchie doch sehr klar und wenn er die Autoritätskarte ausspielte, dann war Vlad nichts anderes als vor zwanzig Jahren. Elitesoldat. Ob da nun Speznas oder SHIELD auf der Uniform stand, war doch völlig egal. Eigentlich war er nie etwas anderes gewesen. Doch, Junkie. Soldat, Junkie, Soldat.
Er suchte nach Worten. Wahrscheinlich war es gut, wenn er das irgendwie auf den Tisch brachte. Wusste Parker überhaupt, wo er herkam? Natürlich, geografisch, aber nur wenige waren darüber informiert, dass er von der russischen Militärpolizei gesucht wurde – oder zumindest gesucht worden war. Und was zwischenmenschlich in seiner Jugend so gelaufen war… das wusste Chibs. Und sonst wahrscheinlich keiner, weil es nie wichtig gewesen war. Aber was zur Hölle sagte er Parker? Dass er sich fürchtete zu sein wie Vladimir Senior? Dass er Angst hatte, der gleiche Idiot zu sein? Es war nicht so leicht. Auch wenn Vlad seinen alten Herrn oftmals verflucht hatte, so hatte er ihn doch auch stets geliebt und tat es wohl noch immer.
Die Hände des Russen spannten sich an, als er spürte, wie er zornig wurde und aus dem Affekt heraus setzte er dazu an, aufzustehen um zu gehen, riss sich aber zusammen und sank sogleich wieder zurück. Er war hier, weil er hier sein wollte, nicht weil er musste. Er war hier, weil er nicht selbst überblicken konnte, was er tun sollte, was ihn erwartete. Weil ihn das alles zu sehr an ihn selbst erinnerte, weil es ihn überforderte. Also riss er sich zusammen und setzte dazu an, mehr zu sagen, als er sonst selbst an guten Tagen am Stück von sich gab.
„Ich habe zwei Brüder und wir waren alle Rekruten unseres Vaters. Wir sollten zur Armee und zumindest ich und Shenya haben das getan. GRU Speznas, alle beide. Mein Vater hat uns schon als Kinder gedrillt. Ich weiss nicht, wie eine normale Beziehung zwischen einem Vater und seinem Sohn aussehen sollte. Aussehen könnte.“
Aber er wusste, dass er nicht wollte, dass sein Sohn ihn einmal so bezeichnen würde. Sein Sohn, sein gottverdammter Sohn. Den er nicht gewollt hatte, von dem er nichts gewusst hatte und der jetzt dennoch da war. Er konnte nichts dagegen tun, nichts, was er irgendwie verantworten konnte. Und er wollte auch nicht, dass der Junge litt. Er hatte wirklich genug durchgemacht und brauchte nicht auch noch einen Vater, der ihn zugrunde richtete, bloss weil dieses gottverdammte Jugendamt nicht in der Lage gewesen war, eine bessere Möglichkeit zu finden. Verdammte, elende, gequirlte Scheisse. Wieder kochte Zorn in Vlad hoch und er ballte seine Pranken zu harten Fäusten, versuchte die Spannung irgendwie abzubauen. Scheisse, Scheisse, Scheisse. Er war nicht der richtige Mann, Vater zu sein. Ein verdammter Reaper, ein Drecksarbeiter mit einer Menge Blut an den Händen, mit weniger Mitgefühl als die meisten. Selbst Chibs schaute manchmal weg, auch wenn er wusste, dass das, was Vlad tat, der beste und einfachste Weg war, um ans Ziel zu kommen.
__________________
Parker:
Parker spürte den Umschwung von Seiten des Russen und legte den Kopf leicht auf die Seite. Sie unternahm jedoch nichts, als Vlad einen ‚Fluchtversuch‘ startete, sondern harrte geduldig aus. Er war kaum auf den Beinen, da sank er auch schon wieder auf seinen Platz zurück und die Schwarzhaarige ließ ihm ein kaum merkliches Nicken zukommen. Gut. Gut, dass er nicht einfach gegangen war, auch wenn der Drang offensichtlich da war. Es brachte nur kurzzeitig Erleichterung, vor dem, was belastete, davon zu laufen. Auf lange Sicht gesehen verfolgte es Einen nur. So gab Parker dem Agenten die Zeit, die er brauchte, bis er von selbst erneut das Wort ergriff. Für jemanden wie Vlad waren diese Sätze, auch wenn es wenige und knappe waren, schon ein halber Roman, immerhin sprach der Russe für gewöhnlich nicht viel. Es gab auch Tage, in denen sie sich schweigend in ihren Sitzungen gegenüber saßen und keiner von beiden hatte damit ein Problem. Doch jetzt, jetzt wollte er reden und das waren jene Momente, die für die Psychologin wichtig waren.
Als der Russe ausgesprochen hatte, herrschte erneut Stille in dem Raum, die nur von dem Rasseln der Hundemarke gebrochen wurde, als Watson den Kopf anhob und zu Vlad hochsah. Auch der Hund bemerkte die Anspannung, doch als er merkte, dass Parker nach wie vor die Ruhe selbst war, legte er den Kopf wieder auf seinen Vorderpfoten ab. Der Blick aus den dunklen Augen der Schwarzhaarigen lag nach wie vor auf Vlad, als sie schließlich zu einer Antwort ansetzte: „Aber du weißt, wie es nicht sein sollte.“ Kurz, prägnant. Simpel, aber einleuchtend. Wobei sich Parker’s Blick ganz leicht verengte, während sie Vlad weiterhin musterte. Sie wusste zwar von seinem militärischen Hintergrund – eben das, was in seiner Akte stand – doch seinen Vater hatte er in all den Jahren noch kein einziges Mal erwähnt. Sicher, sie hätte nachhaken können, wie es jeder andere Psychologe getan hätte – schließlich wusste doch jeder, dass man mit der Problemsuche in der Kindheit begann! Doch Parker wartete, bis ihre Patienten von sich aus bereit waren, über Dinge zu reden, die sie wirklich belasteten. Drängeln brachte keine Vorteile, es führte lediglich dazu, dass man noch mehr Zeit und Mühe investieren musste. Von beiden Seiten.
„Ich gehe nicht davon aus, dass du heute her gekommen bist, um dich den Problemen deiner Kindheit zu stellen.“, sprach die Schwarzhaarige schließlich weiter, „Du lebst im Hier und Jetzt. Lucas ist das beste Beispiel. Was auch immer einmal war, es muss nicht auch in Zukunft so sein. Fehler sind da, um aus ihnen zu lernen.“ Sie wollte Vlad’s Vater gewiss nicht in ein schlechtes Licht rücken, dazu wusste sie zu wenig über diesen Mann. Doch die wenigen Worte des Russen hatten gereicht, um zu verstehen, worauf er hinaus wollte – von der Anspannung und aufkeimenden Wut einmal ganz zu schweigen. „Was auch immer aus deiner Sicht schief gelaufen ist – jetzt kannst du es besser machen.“
__________________
Vlad:
Nein, das war er nicht. Er wollte nicht über seinen Vater sprechen, sondern darüber, was er mit dem Jungen anfangen sollte. Darüber, wie er irgendwie ein Licht am Horizont finden konnte, damit er nicht das Gefühl hatte, grundsätzlich keine andere Option zu haben als masslos und zielstrebig zu versagen. Aus seinen starren Augen musterte er Parker, während er gar nicht erst versuchte, seine Hände mit Gewalt zu lösen, sondern sie einfach liess, wie sie waren. Mochten sich bei ihm Gefühle auch nicht über das Gesicht äussern, so taten sie es eben anderweitig. Muskeln waren genug da, welche beeinflusst werden konnten.
Natürlich hatte Parker recht. Er wusste, wie es nicht sein sollte. Zumindest seiner Meinung nach und wiederum zumindest in einigen Dingen. Er hatte ja nicht einfach nur gelitten als Kind, aber er hätte sich… ja was hätte er sich gewünscht? Einen Vater, welcher mehr in ihm sah als einen zukünftigen sowjetischen Soldaten. Er selbst sah in Lucas gar nichts. Doch, einen unerwünschten Sohn und zugleich einen jungen Menschen, der etwas besseres verdient hatte.
Bedeutete dass, dass er daraus automatisch schliessen konnte, wie es besser wäre? Da wiederum war er sich nicht so sicher, aber er hatte diese Unfähigkeit bereits ausgesprochen und wollte es nicht noch einmal tun. Vlad sagte selbst dann, wenn er den Mund mal aufbekam, nichts zweimal. Dieses Mal nickte er nicht. Es wäre ein gelogenes, ein falsches Nicken gewesen, denn er hatte nicht einmal im Ansatz das Gefühl, dass ihm dieser eigentlich so einfache Hinweis weiterhelfen würde. Ja, er wusste, wie es nicht sein sollte, aber… er kannte keine Alternativen.
Oder gestand sich bloss nicht zu, welche zu kennen. Möglich. Eigentlich lebte er schon lange in den Staaten und hatte doch Zeit gehabt, eine andere Welt kennenzulernen. Warum hatte er sich nie dafür interessiert, wie eine gesunde Familie funktionierte? Wahrscheinlich, weil es zu schmerzhaft gewesen wäre – und auch darum, weil er nie gedacht hätte, das jemals zu brauchen. Er hatte sich nie Kinder gewünscht.
Schliesslich sagte er nichts, verfiel wieder in sein gewohntes Schweigen und löste langsam die rechte Hand. Gefühlsausbrüche waren eine kurze Sache und hielten nicht lange an, auch wenn ihr Echo noch ewig mitschwingen konnte. Jetzt jedoch griff der Russe nach der Tasse und trank einen Schluck.
__________________
Parker:
Geduldig beobachtete Parker den Russen vor sich, wie er jeder Statue Konkurrenz machte. Doch sie kannte ihn bereits gut genug um zu wissen, dass sich hinter seiner Stirn gerade unzählige Zahnräder in Bewegung setzten und er über ihre Worte nachdachte. Darüber, wie sie ihm helfen konnten, nicht mehr so unsicher zu sein. Keine Angst zu haben, auch wenn er selbst dieses Wort niemals benutzen würde. Wie er sich Lucas gegenüber richtig verhalten sollte oder es zumindest versuchen konnte. Dazu brauchte die Schwarzhaarige nicht einmal ihre Mutation anzuwenden, eine gute Menschenkenntnis konnte sie sich mittlerweile auch ganz ohne ‚über’menschliche Fähigkeiten zuschreiben. Daher fiel ihr auch auf, dass nicht alle Zweifel von Vlad fielen, als er sich wieder entspannte und einen Schluck Kaffee nahm. Ein Rest Unsicherheit blieb zurück; genug, um noch einmal darauf zurückzugreifen. Sie hatte nicht erwartet, dass mit einer Handvoll Fragen all seine Probleme gelöst wären und Vlad war im Gegenzug sicher auch nicht naiv genug. Plötzlich Vater zu sein und sich in diese unfreiwillige Rolle zu fügen kostete mehr Zeit als jene, die sie heute hatten.
Die Psychologin wartete, bis der Agent zu Ende getrunken hatte und setzte dann mit einem sanften „Vlad…“ erneut an. „Deine, eure Lage ist nicht einfach. Es wird einige Zeit brauchen, bis ihr zusammenfindet und selbst dann kommt es gewiss hin und wieder zu Reibereien. So funktioniert eine ‚Familie‘ nun einmal – und genau darauf solltet ihr hinarbeiten.“ Es war keine Bilderbuchfamilie, würde es höchstwahrscheinlich auch nie werden, doch das war auch gar nicht nötig. Es genügte vollkommen, wenn Vlad mit seinem Sohn auskam und sein Sohn mit ihm. Wie genau sie beide das anstellten, oblag letztendlich ihnen allein. Es gab schließlich kein Patentrezept für eine funktionierende Beziehung zwischen Vater und Sohn.
„Er wird Fehler machen. Du wirst Fehler machen. Aber denke immer daran, dass das vollkommen in Ordnung ist. Ihr beide könnt daraus lernen.“, sprach die Psychologin weiter, „Begehe nur nicht denselben Fehler zweimal. Das ist etwas, dass du auch Lucas mit auf den Weg geben kannst.“ Viel mehr konnte Parker letztendlich nicht für die Beiden tun – sie gab Ratschläge und Hilfestellungen, doch die Umsetzung lag an ihren Patienten. Letztendlich blieb sie ein Seelenklempner und kein Social Coach, auch wenn gern das eine mit dem anderen verwechselt wurde. „Du kannst das, Vlad.“, fügte die Schwarzhaarige ihren Worten nach einer Pause hinzu und bei genauem Hinsehen zeichnete sich sogar ein schmales Lächeln auf ihren Lippen ab. Nun, zumindest die motivierende Ader hatten Psychologen und Socials Coaches gemein.
__________________
Vlad:
Wahrscheinlich, so dachte Vlad, hatte er gar keine andere Wahl, als es zu können. Es blieb ihm nichts anderes übrig, weil alles andere bedeutet hätte, zu versagen und den Jungen zu zerstören. Er konnte sich nicht einfach hinlegen und die Situation ignorieren, er musste irgendwie dieser Sache Herr werden. Irgendwie, ohne dass er wurde wie sein eigener Vater und ohne dass Lucas irgendwann nach Russland floh, weil er unter dem Druck gebrochen war. Dieses Ziel war so einfach genannt und doch befürchtete er, dass es schwer zu erreichen war. Er fürchtete sich und dass er sich fürchtete machte ihn zornig. Ein Ablauf, den er kannte, den er gut kannte und dem er doch nie etwas entgegensetzte. Er wollte es nicht, empfand seinen Zorn als weit angenehmer als die Angst. Im Zorn fühlte er sich nicht so hilflos.
Wahrscheinlich war Lucas noch viel hilfloser und wusste noch weit weniger als Vlad, was er tun sollte. Er war nur ein Junge, der seine Mutter verloren hatte und der noch weit davon entfernt war, auf eigenen Beinen fest im Leben zu stehen. Das konnte er noch nicht, war zu jung, zu unerfahren, zu verletzt, zu zornig. Wahrscheinlich war er ähnlich wie Vlad selbst damals. Noch etwas, das eher Sorge bereitete als beruhigte.
Zumindest eines konnte er mit Sicherheit besser machen, fand Vlad. Er konnte verhindern, dass Leistung, Disziplin und Gehorsam alles war, was unter seinem Dach Anerkennung fand. Das hatte ihn damals verletzt, sehr verletzt. Es hatte keinen Platz gegeben für Wünsche und für Träume und erst recht nicht für Feinsinniges. In diesem Punkt war er anders als sein Vater, ganz anders. Er hatte einen Sinn für Schönes, auch wenn er ihn ab und zu ausgraben musste, wenn es nicht gerade um Zeichnungen ging. Aber er hatte ihn, das wusste er mit Sicherheit. Und er kannte mehr von der Welt als sein sozialistischer Vater, hatte mehr gesehen, wusste, dass es mehr als nur eine Wahrheit gab. Vielleicht würde ihm auch das helfen.
Schweigend blickte der Russe die Frau mit dem asiatischen Gesicht an. Er schwieg nicht, weil er ablehnte oder protestierte, sondern er schwieg, weil er nichts zu sagen hatte. Ja, sie hatte recht, er würde es schaffen, irgendwie. Zumindest würde er dafür tun, was er konnte. Hoffentlich stellte sich das als genug heraus.
„Spèsiba, Doktr.“
Vlad ging genauso, wie er gekommen war, nämlich stumm und ohne Regung in seinem Gesicht. Und doch war es anders, denn er wirkte zumindest ein wenig entspannter, vielleicht auch einfach nur entschlossener und zielstrebiger. Nicht, dass er gewusst hätte, was er jetzt explizit zu tun hatte, aber dafür war er auch nicht hergekommen. Er brauchte niemandem, der ihm sein Leben vorkaute, bloss – ja, bloss ab und zu einen Rat und einen anderen Blickwinkel, damit nicht alles von seinen meist kalten Augen abgeurteilt wurde.
__________________